XXL Leseprobe für Unentschlossene

DARK HOURS Hulk und Claire
(Der Fire Devils MC 8)

Hulk
Bei dem Versuch, meinen Kopf zu heben, blitzte es hinter meinen geschlossenen Lidern. Ein unbeschreiblicher Schmerz durchzuckte mich. Ich stöhnte auf. Mein Schädel dröhnte und mein Körper fühlte sich an, als hätte ihn jemand mit Sandsäcken beschwert.
Ich war tot!
Fühlte sich tot sein so an?
Definitiv konnten Tote nicht stöhnen. Oder hören …
»He, Arschloch!«
Jemand stieß mich an.
»Ist er wach?«, hörte ich eine andere Stimme fragen.
»Keine Ahnung, Boss. Das Weichei verträgt weniger, als ich dachte. Aber ein Eimer kaltes Wasser wird ihn schon aufwecken.«

Ich steckte in Schwierigkeiten.
Großen Schwierigkeiten. Fuck!
»Wenn er nicht sofort zu sich kommt, können wir ihn gleich in Säure einlegen …«
»Untersteht euch! Er schuldet mir Geld. Wenn ihr ihn verschwinden lasst, sehe ich keinen verdammten Cent davon.«

Langsam dämmerte es mir. Immer noch unfähig, mich zu bewegen, begann zumindest mein Gehirn wieder zu arbeiten. Ich hatte die halbe Nacht im Casino verbracht.
Hatte gespielt, gewonnen, verloren … und weiter gespielt.
Das nächste Mal gewinnst du wieder, hatte ich mir selbst gesagt. Ganz bestimmt!
Hände packten mich und zerrten mich hoch. Es würde mir nichts nutzen, wenn ich weiter den Toten mimte. Unter größter Anstrengung gelang es mir endlich, die Augen zu öffnen.

»Na, wer sagt’s denn? Da ist er ja!«, brummte ein Kerl im schwarzen Anzug.
Ich sah in das Gesicht eines Schlägertypen. Das erkannte ich sofort. Keine Gnade in seinen Augen. Ein Mann, der ohne zu zögern seine großen Hände um meinen Hals legen würde, um mich zu erwürgen. Ich steckte knietief in der Scheiße!

Ein anderer Mann schob sich in mein Gesichtsfeld. Auch er sah nicht aus, als könnte man mit ihm kuscheln.
»Du hast einen Kredit beansprucht. Schon vor drei Tagen«, knurrte er. »Die Kohle ist fällig, Kumpel. Mit Zinsen!«

»Ich … ich bezahle. Ich schwöre …«, krächzte ich und hasste es, wie jämmerliche meine Stimme klang.
Ein höhnisches Lachen war seine Antwort. »Und wie, wenn ich fragen darf? Du warst in den letzten Tagen nicht gerade der Gewinner. Die Zinsen haben sich verdoppelt. Und mit jedem Tag, den ich auf mein Geld warten muss, erhöht sich die Summe um weitere fünfzig Prozent.«

Clubhaus der Fire Devils, Dreamtown
»Kann mir jemand sagen, wo dieser verdammte Scheißkerl Hulk sich herumtreibt?«, knurrte Iron und blickte in die Runde. Ratlose Gesichter sahen ihm entgegen.
»Das darf doch nicht wahr sein. Kann der Arsch nicht einmal im Leben pünktlich sein?«, wetterte der Pres weiter.

Frisco raunte Navy, der neben ihm saß zu: »Keine Ahnung, was mit Hulk los ist, aber in letzter Zeit lässt er es ziemlich krachen, findest du nicht.«
Navy nickte bestätigend. »Ich mache mir langsam Sorgen um ihn. Er ist unpünktlich und unzuverlässig geworden. Ganz zu schweigen davon, dass er auch noch beschissen aussieht.«
»Ist mir auch schon aufgefallen. Alex meinte sogar, dass alles Make-up dieser Welt nicht ausreichen würde, um seine Augenringe zu überschminken.«
Navy gab ein zustimmendes Grunzen von sich, was sofort Irons Aufmerksamkeit erweckte. »Findet ihr das witzig?«, fragte er angepisst und blickte demonstrativ auf seine Armbanduhr.
»Wozu brauchst du ihn so dringend?«, fragte Dave.
»Er sollte mit Enya und den Zwillingen zum Arzt fahren. Und wenn er nicht sofort hier aufschlägt, kann ich meinen Termin mit dem Architekten knicken.«
»Ich kann das übernehmen. Echt, Mann, ich mach das gerne«, sagte Dave.
Iron sah erleichtert aus. Er wusste, dass Frisco und Navy gleich ihren Dienst im Red Velvet antreten mussten und sein eigener Termin war wichtig. Allerdings hatte er Enya versprochen, dass einer der Jungs sie zum Kinderarzt begleiten würde. Nicht nur, weil es schwierig genug war, mit zwei Kleinkindern vom Parkplatz zur Arztpraxis zu laufen, sondern auch, weil er seine kleine Familie ungern allein in der Stadt wusste.
»Danke Dave. Wenn ich nicht diesen Termin hätte, würde ich Enya selbst begleiten …«
»Kein Problem, Pres. Ich weiß: Das Bikes & Dreams«, antwortete der Biker, schnappte sich seine Jacke und machte sich auf den Weg.

Navy fragte: »Glaubst du, dass die Stadt uns das genehmigt?«
Er spielte auf den geplanten Wiederaufbau der Kneipe an, die damals durch eine Bombe in Schutt und Asche gelegt worden war.
Iron machte eine vage Kopfbewegung: »Ich hoffe es. Der Bürgermeister hat bereits zu verstehen gegeben, dass er uns keine Steine in den Weg legt. Allerdings muss der Antrag noch bei der Stadtratssitzung durchgewunken werden.«
Blood klopfte seinem besten Freund aufmunternd auf die Schulter. »Das wird genehmigt. Keine Sorge. Wenn wir Roaling auf unserer Seite haben, stehen die Chancen mehr als gut. Das bedeutet aber natürlich auch, dass eine enorme finanzielle Belastung auf den Club zukommt.«

Iron wandte sich an Navy: »Kannst du eine Church einberufen, Bro? Heute Abend, acht Uhr. Blood und ich müssen jetzt los.«
Navy nickte. »Wird erledigt.« Er zog sein Mobiltelefon hervor, tippte eine kurze Nachricht und schickte sie an sämtliche Members.
Sofort piepsten die Handys der anwesenden Männer. Frisco grinste. »Mir hättest du keine SMS schicken müssen, ich habe es ja eben gehört. Komm, lass uns fahren. Die Pflicht ruft.«

Die beiden Biker starteten soeben ihre Harleys, als Hulk auf seiner Maschine in den Hof gefahren kam.
Er nahm seinen Helm ab und Navy stutzte. Er gab Frisco ein Zeichen, und stellte sein Bike wieder ab.
»Fuck, Bro, was ist mit dir passiert? Bist du unter einen Truck geraten?«
Hulk sah müde und völlig fertig aus. Anders als sonst, riss er nicht gleich seine vorlaute Klappe auf, sondern winkte ab. »Mir geht es gut.«
»Ja, klar, du siehst aus, wie das blühende Leben«, witzelte Frisco, doch er machte ein besorgtes Gesicht. »Mensch, Hulk, was ist los? Du bist zu spät – und nebenbei gesagt, Iron ist echt sauer deswegen. Du hast eindeutig ein Problem!«

»Ach, verpisst euch. Ich komm schon klar«, brummte Hulk und stieg die Stufen zum Clubhaus hinauf.
Navy und Frisco sahen sich an und zuckten mit den Schultern. Sie hatten keine Zeit mehr, Hulk in die Mangel zu nehmen, und machten sich auf den Weg ins Red Velvet.

Hulk
Im Clubhaus war nur noch J. J., der wie immer am Laptop saß und scheinbar etwas Wichtiges recherchierte, denn er sah nicht einmal auf, als ich eintrat. Mir war es recht. Die blöden Fragen meiner Brüder draußen im Hof hatten mir gereicht. Ich fühlte mich tatsächlich, als wäre ich gegen einen Truck geknallt, und ich ging jede Wette ein, dass mindestens eine meiner Rippen angeknackst war, denn bei jedem Atemzug, hatte ich das Gefühl, ein Messer bohrte sich in meine Lunge.
Nachdem die Typen mich endlich hatten gehen lassen, musste ich wählen, ob ich nach Hause fahren oder mich lieber im Clubhaus aufs Ohr legen wollte. Meine Mum wäre vermutlich tot umgefallen, wenn sie mich so gesehen hätte, also wählte ich das kleinere Übel.
Mit etwas Glück konnte ich ungehindert in eines der hinteren Zimmer verschwinden. Ich brauchte dringend ein paar Stunden Schlaf. Außerdem musste ich nachdenken.

Ich warf mich auf das Bett und stöhnte laut auf. Mein Schädel fühlte sich an, als würde er gleich platzen. Wie befürchtet, konnte ich nicht einschlafen. Stattdessen starrte ich an die Decke und versuchte zu ergründen, warum ich so ein Idiot war. Wann genau hatte das mit der Spielerei angefangen? Warum eigentlich? War mein Leben vielleicht zu glatt gelaufen, weil ich mich mit offenen Augen ins Verderben gestürzt hatte? Ich schnaubte angesichts der Ironie.
Irgendwann musste ich doch eingeschlafen sein, denn als es an die Tür klopfte, schreckte ich hoch. Orientierungslos sah ich mich um und wollte mich aufrichten, da fuhr mir ein schneidender Schmerz in die Brust. Hilfe! Ich konnte kaum atmen.
J. J. steckte den Kopf ins Zimmer. »Bro, alles okay mit dir?«
Ich grummelte etwas Unverständliches, bemüht, mir meine Panik nicht anmerken zu lassen. Mein Kumpel trat ein, er hielt mir ein Glas Wasser hin. In der anderen Hand lag eine Tablette. »Hier, Navy hat mich angerufen, er meinte, du könntest eine Vicodin vertragen, und so wie ich das sehe, hat er absolut recht.«
Die Zähne zusammenbeißend, setzte ich mich auf und unterdrückte ein Stöhnen. Fuck! Ich brauchte mehr als eine Schmerztablette …
»Danke«, presste ich hervor und legte mir die Kapsel auf die Zunge. Unter großen Schmerzen nahm ich das Glas, bemüht, nicht zu kotzen, während die Tablette sich meine Speiseröhre hinunter quälte.
»Was ist los mit dir?«
Kann ich dir nicht sagen.
J. J. sah mich auffordernd an, doch ich schüttelte nur den Kopf.
Schließlich zuckte er mit den Schultern und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. An der Tür drehte er sich noch einmal um. »Wenn du in Schwierigkeiten steckst, wirst du es uns sagen, oder? Du weißt, dass du nicht allein damit fertig werden musst!«
»Hau ab und lass mich in Ruhe«, knurrte ich und ließ mich zurückfallen.
»Ah …«, entfuhr es mir, doch J. J. war schon weg und hatte es zum Glück nicht gehört.
Schöne Scheiße. Ich war am Arsch.

Kings Club Casino, Dreamtown
Ed riss sich von der Tabelle los, die er studierte, als es an der Tür klopfte. Garry, der Chef seiner Sicherheitscrew, kam herein. »Ed, wir haben ihn nach Hause geschickt, wie du es befohlen hast. Wie geht es jetzt weiter mit dem Kerl?«
Nachdenklich klopfte Ed mit seinem Kugelschreiber auf die Schreibtischplatte. »Was denkst du, kommt er wieder?«
Garry nickte überzeugt. »Oh ja, er kann gar nicht anders. Außerdem wissen wir, wo er wohnt. Ich habe ihm eine kleine Warnung mit auf den Weg gegeben, also keine Sorge. Dein Geld ist nicht verloren.«
»Wissen wir inzwischen, wann die Lieferung eintrifft?«, fragte Ed.
»Unser Kontaktmann sagt, dass er morgen liefern kann.«
Ed stand auf und umrundete den Schreibtisch. »Okay, dieser Biker soll es machen. Und, Garry, mach ihm klar, dass er keine Wahl hat!«
»Wird erledigt, Boss«, antwortete Garry und verließ das Büro.
Im Casino wurde fleißig geputzt, gesaugt und alles auf Vordermann gebracht. In zwei Stunden würden sich die Türen der großen Halle öffnen und der Betrieb an den Automaten beginnen. Vormittags war meistens noch nicht viel los. Ein paar frustrierte Hausfrauen saßen an den einarmigen Banditen und einige Spielsüchtige lungerten herum, in der Hoffnung, dass heute der große Tag für sie war.
Ed machte sein Geld mit der Hoffnung der Menschen. Viel Geld.
»Ed, ich brauche die Abrechnungen des gestrigen Abends.«
Claire, Eds Schwester, öffnete mit Schwung die Tür und platzte, ohne zu klopfen, herein. Sie war die Einzige, die das durfte.
Ed hielt ihr einen Stapel Papier entgegen und lächelte sie an. Sie war alles, was von seiner Familie übrig geblieben war und er behütete sie wie seinen Augapfel. Was ihm Sorgen machte, war, dass sie darauf bestand, im Casino hinter der Bar zu stehen. Das hätte sie gar nicht nötig, und doch verbrachte sie jede Nacht damit, die Gäste zu bedienen. Natürlich blieb es nicht aus, dass sie angemacht wurde, ganz zu schweigen von den gierigen Blicken mancher Männer. Ed schäumte bereits vor Wut, wenn er nur daran dachte, deshalb startete er einen neuen Versuch, sie dazu zu bringen, sich nur noch auf die Büroarbeiten zu konzentrieren.
»Claire, ich habe gehört, dass du gestern wieder mal alle Mühe hattest, einen betrunkenen Gast abzuwehren …«
Claire, die gerade im Begriff war, mit der Abrechnung in der Hand das Büro wieder zu verlassen, blieb abrupt stehen und drehte sich auf dem Absatz um.
»Eddy«, sprach sie ihn mit dem Kosenamen an, den nur sie verwendete und zog seinen Namen in die Länge. Dann rümpfte sie die Nase. »Hatten wir diese Diskussion nicht erst letzte Woche … und vorletzte Woche, und die Woche davor?!«
»Aber du weißt, dass mir das nicht gefällt!«, sagte er bestimmt und stand auf. Er umrundete seinen Schreibtisch und trat zu ihr. Wenn sie nicht so verdammt hübsch wäre …
Er zog seine Schwester an sich und murmelte: »Ich kann es nicht ertragen, diese Gaffer und Schleimer, die dich anbaggern und mit ihren Blicken ausziehen. Bleib doch einfach im Büro und lass die Mädchen, die wir dafür eingestellt haben, hinter der Bar arbeiten.«
»He, großer Bruder, ich liebe dich, und ich weiß, du liebst mich auch. Aber ich bin ein großes Mädchen und ich mag diesen Job nun mal. Wenn ich mittendrin im Geschehen bin, habe ich den besseren Überblick. Ich bin kein Büromäuschen und außerdem haben wir genug Sicherheitspersonal. Du kannst also ganz cool bleiben. Mir wird nichts passieren!«

Ed küsste sie auf die Stirn und sah sie zweifelnd an. Sie war so verdammt stur und uneinsichtig. Aber er musste zugeben, dass sie auch ein Magnet war, der reiche Gäste geradezu an die Bar zog. Wenn sie gewannen, waren sie äußerst großzügig und orderten den teueren Champagner, der über vierhundert Dollar die Flasche kostete. Er seufzte. »Okay, ein Versuch war es wert.«
Claire lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. »Lass mich mein Ding machen, und ich lasse dich dein Ding machen. Schließlich frage ich dich nicht, was du immer so Wichtiges zu erledigen hast, das die ganze Nacht dauert.«
Dann verließ sie das Zimmer.
Ed blickte ihr nach.

Claire
Ich wusste ja, dass er sich ehrlich um mich sorgte, und irgendwie war es auch süß, aber dass er immer wieder damit anfing, nervte mich. Ich sah mich als Chefin hinter der Bar. Der große Boss, mein Bruder Ed, ließ sich selten im Casino blicken. Meist agierte er von seinem Büro aus, in dem Bildschirme das Treiben in sämtlichen Arealen des Casinos zeigte.
Angefangen hatten unsere Eltern mit einer kleinen Spielhalle, in der nur Automaten standen. Im gleichen Maße wie die Zahl der Besucher wuchs, investierte Ed, nach deren Tod. Er baute einen exklusiveren Bereich an, in dem auch nicht spielenden Gästen Unterhaltung geboten wurde. Hier gab es eine Kleiderordnung und nicht jedem wurde der Eintritt gewährt. Mein Job machte mir Spaß, und wenn man es ganz genau nahm, waren die Gäste in diesem Teil des Casinos geradezu anständig. Vorne, wo viele junge Leute herumlungerten, kam es öfter zu Raufereien und Auseinandersetzungen. Aus diesem Grund wurde hier auch nicht bewirtet, sondern die Gäste konnten sich Getränke und billige Gerichte an der Imbisstheke holen.
Ich steuerte mein Büro an und stieß beinahe mit Garry zusammen.
»Sorry, Claire«, entschuldigte er sich und grinste mich an.
»Ich muss mich entschuldigen, ich war völlig in Gedanken«, entgegnete ich.
Seine Hand lag noch immer auf meinem Arm und auch wenn ich ihn mochte, das war mir eindeutig zu intim. Garry versuchte öfter, mich zu berühren.
Immer wieder. Scheinbar unauffällig.
Bisher hatte ich es vermieden, ihn zurechtzuweisen, doch jetzt wanderte mein eisiger Blick direkt von seiner Hand zu seinem Gesicht.
Sofort zog er sie weg. Ich ließ es dieses Mal unkommentiert, doch ich nahm mir vor, das nächste Mal etwas zu sagen.
»Ich muss weiter, der Boss erwartet mich …«, stammelte er und drängte sich an mir vorbei.
Mein Bruder führte das Geschäft mit strenger Hand. Wenn ich im erzählen würde, dass Garry mich gegen meinen Willen ständig berührte, würde er ihn feuern – oder schlimmer: Zuerst zusammenschlagen lassen und dann feuern! Ich würde Ed nichts sagen, sondern die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen.
Als ich endlich hinter meinem Schreibtisch saß, seufzte ich. Natürlich war es großartig, dass die Einnahmen sprudelten, doch manchmal hatte ich ein schlechtes Gefühl dabei. Wir führten unser gutes Leben deswegen, weil nicht selten ein anderer Mensch seinen letzten Groschen verspielte, und das nur, weil er glaubte, das nächste Mal würde er gewinnen. Glücksspiel machte süchtig und konnte Existenzen vernichten, Familien und Beziehungen ruinieren und Menschen, die alles verloren hatten, in den Selbstmord treiben. Ed würde mich auslachen, wenn er von meinen Gewissensbissen wüsste …
Aus diesem Grund sprach ich mit ihm auch nicht darüber. Ich wusste, dass die Gedanken bald wieder verflogen, denn meistens gelang es mir, zu vergessen, womit wir unser Geld verdienten.
Laute Stimmen ließen mich aufhorchen. Ich stand auf und lugte hinaus. Zwei unserer Sicherheitsleute standen direkt unter meinem Fenster und unterhielten sich lautstark. Ich bekam nur Wortfetzen mit, doch das, was ich hörte, beunruhigte mich. Auch wenn ich kein naives kleines Mädchen war, als die Worte Drogenlieferung, Übergabe und Geld eintreiben, fielen, zuckte ich zusammen. Schon lange ahnte ich, dass Ed auch noch andere Geschäfte abwickelte. Die Art von Geschäften, über die man nicht sprach – zumindest nicht mit seiner kleinen Schwester. Die Art von Geschäften, die wirklich gefährlich waren. Bisher hatte ich mir eingeredet, dass es besser wäre, wenn ich nichts darüber wusste. Jetzt hörte ich unfreiwillig mehr, als mir lieb war, doch ich war eigenartig fasziniert und lauschte weiter. Eine Mischung zwischen Schock und Neugierde hielt mich mit angehaltenem Atem und klopfendem Herzen an Ort und Stelle.
Ed stieß dazu und mir wurde schlecht, als ich die Tragweite dessen, erfasste, was er sagte.
»Der Kerl von letzter Nacht – sobald er wieder auftaucht, gebt ihr mir Bescheid. Inzwischen dürfte ihm klar sein, dass er bis zum Hals in der Scheiße steckt. Um seine Schulden bei mir abzuarbeiten, wird er zukünftig die Lieferungen übernehmen. Falls er zögert, macht ihr ihm deutlich, dass er von jetzt an keine ruhige Minute mehr haben wird. Garry, du versuchst, so viel wie möglich über ihn herauszufinden. Familie, Freunde, Freundin … alles was wir gegen ihn verwenden können.«

Als die Männer sich entfernten, musste ich mich setzen. Von welcher Lieferung hatte Ed gesprochen? Und, seit wann hatte er es nötig, jemanden zu zwingen und zu bedrohen? Was lief da?
Mir war klar, dass ich mit meiner Vogel Strauss Methode, nämlich: Einfach den Kopf in den Sand zu stecken, viel zu viel ignoriert hatte. Ich hatte Ed machen lassen und wollte gar nicht mehr wissen, als das, was er mir freiwillig erzählte. Doch jetzt hatte ich ein blödes Gefühl im Bauch, welches mir sagte, dass hier einiges faul war.

Clubhaus der Fire Devils, Dreamtown
Hulk
Diese verdammten Arschlöcher hatten genau gewusst, wohin sie treten und schlagen mussten, damit man mir nicht ansah, was los war. Mein Gesicht hatten sie verschont, dafür sah der Rest meines Körpers aus, als wäre ich in einen Hurrikan geraten.
Nachdem die Tablette endlich wirkte, beschloss ich, unter die Dusche zu gehen. Ich musste einen klaren Kopf bekommen. Meine Klamotten warf ich an Ort und Stelle zu Boden und besah mich im Spiegel. Mein Brustkorb schillerte dunkelrot und blau. Tiefes Einatmen war nicht drin, ohne einen höllischen Stich in der Brust zu spüren. Ich drehte mich ein wenig zur Seite und betrachtete meine Rückenansicht. Die sah nicht viel besser aus. Schöne Scheiße!
Als ich, nur mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad kam, erwartete mich Iron. Fuck!
Er musterte mich mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Was?!«, fragte ich ungehalten, weil mir sein Schweigen Unbehagen bereitete.
»Du solltest heute Enya begleiten. Schon vergessen?«, sagte er und seine Stimme klang eisig.
Shit, verdammt. Das hatte ich total vergessen. Weil mir alles, was ich als Entschuldigung vorbringen hätte können, absolut idiotisch erschien, beschloss ich, auf Zeit zu spielen, und zog mich an. Natürlich konnte er meine Blessuren sehen, das ließ sich nicht vermeiden.
»Steckst du in Schwierigkeiten, Hulk, oder stehst du neuerdings auf Schmerzen?«, fragte er.
Ich brummte etwas unverständliches und drehte ihm den Rücken zu.
»Hulk! Ich habe dich etwas gefragt!«
»Sorry«, murmelte ich und meinte damit meinen verpassten Auftrag. »Wird nicht wieder vorkommen. Ehrlich, Pres.«
Doch so leicht wollte Iron mich anscheinend nicht davonkommen lassen, denn er umrundete mich, und baute sich demonstrativ vor mir auf. Er hatte ja auch recht. Ein Befehl war ein Befehl, und ich hatte seine Ol’ Lady hängen lassen. Das ging gar nicht. Aber was hätte ich zu meiner Entschuldigung vorbringen können? Die Wahrheit etwa?
Nein. Das kam nicht infrage. Meine Spielschulden waren mein Problem und ich würde diese Sache klären. Der Club brauchte nichts davon zu wissen.
»Lass es gut sein, Pres«, bat ich zähneknirschend. »Ich hab das im Griff.«
In seiner Miene erkannte ich, dass er an meiner Aussage starke Zweifel hatte, doch anscheinend gab er sich vorerst damit zufrieden und warf mir nur einen skeptischen Blick zu, bevor er das Zimmer verließ.
Ich stöhnte auf. Mir meine Schmerzen nicht anmerken zu lassen, hatte mich alle Beherrschung gekostet, die ich aufbringen konnte. Als die Tür hinter Iron zufiel, ließ ich mich auf das Bett sinken.
Mein Blick fiel auf mein Mobiltelefon, welches neben mir lag und ich las die eingegangene SMS: Church, heute, acht Uhr. Anwesenheitspflicht!
Hoffentlich ging es nicht um mich. Ich konnte gerade noch gebrauchen, dass sämtliche Members auf mich einredeten und kluge Sprüche vom Stapel ließen.
Ich war immer noch hundemüde und hatte noch ein paar Stunden Zeit, also ließ ich mich zurückfallen und versuchte zu schlafen. Aus dem vorderen Bereich des Clubhauses drang Musik an meine Ohren …
Als ich aufwachte, war es um mich herum dunkel. Ich schreckte hoch. Halb blind tastete ich nach dem Handy und stellte fest, dass die anberaumte Church in wenigen Minuten stattfinden würde. Innerlich wappnete ich mich, für den Fall, dass die Besprechung mir galt, und begab mich in den großen Clubraum.
Die meisten meiner Brüder waren bereits da. Dave, mein Kumpel, kam auf mich zu und schlug mir auf die Schulter. »Na, Bro, eine heiße Nacht gehabt?«
Mit zusammengebissenen Zähnen unterdrückte ich einen Schmerzenslaut.
Wenn ich das nur behaupten könnte …
»Schnauze!«, fuhr ich ihn an und hoffte, er verstand, dass ich keinen Bock auf seine blöden Sprüche hatte.
Bevor Dave etwas erwidern konnte, schlugen Iron und Blood auf. Mit einem Handzeichen gab der Pres zu verstehen, dass er uns in der Chapel erwartete und ging voran in das Allerheiligste des Clubs.
Stühle wurden gerückt und nachdem endlich alle saßen, eröffnete Iron die Church.
»Ich habe mich heute mit dem Architekten getroffen und danach ein Gespräch mit dem Bürgermeister geführt. Ihr wisst, worum es geht, oder?«
Blood stand auf und verteilte ein paar Blätter. Es waren Pläne.
»Hier habt ihr den vorläufigen Entwurf. Änderungen sind natürlich noch möglich. Seht euch das mal an und dann erwarte ich eure Vorschläge«, sagte Iron.

Natürlich. Mir fiel wieder ein, dass der Club das Bikes & Dreams wieder aufbauen wollte. Schon seit Wochen wurde darüber gesprochen und heute war dieser Ortstermin.
Mein Interesse an den Plänen hielt sich in Grenzen. Sollten die Jungs ruhig darüber diskutieren, mir war alles recht. Meine eigenen Probleme hingegen beschäftigten mich sehr. Ich schuldete dem Inhaber des Casinos zehntausend Dollar. Zuerst hatte ich kleinere Beträge gewonnen und mich verleiten lassen, immer mehr Geld einzusetzen. Irgendwann war meine Glückssträhne zu Ende und ich verlor alles. Keine Ahnung, wann genau ich aufgehört hatte, klar zu denken. Das Angebot des Betreibers, mir Geld zu leihen, war zu verlockend gewesen. Das nächste Mal gewinne ich wieder, hatte ich mir gesagt und Geld eingesetzt, welches mir nicht gehörte und für das ich einen saftigen Zinssatz zu bezahlen hatte.
Ich saß komplett in der Scheiße. Mein Schuldenberg türmte sich und schließlich hatten mich die Sicherheitsleute des Casinos zur Seite genommen und mir erklärt, dass ich nicht mehr kreditwürdig war.
Schlimmer noch: dass ich die zehntausend Dollar zurückzuzahlen hatte. Den Ernst der Lage untermauerten sie damit, dass sie mich verprügelten wie einen streunenden Hund. Gegen zwei Männer, die mich mit eisernem Griff hielten, während der dritte mich als Boxsack benutzte, waren meine Chance gleich null, auch wenn ich mich normalerweise durchaus zu wehren wusste.

Trouble stieß mich an, er saß rechts neben mir. Ich zuckte und biss die Zähne zusammen.
»He, was hältst du davon?«, fragte er mich in seiner jugendlichen Unschuld und wedelte mit dem Plan vor meine Nase herum. Als ob mich das auch nur im Geringsten interessieren würde. Ich hatte andere Probleme. Ungehalten knurrte ich: »Das ist mir so was von egal.«
Erstaunt musterte mich Trouble, dann zuckte er mit den Schultern und wandte sich an Turbo, der zu seiner Rechten saß.
Dave kniff die Augen zusammen und flüsterte: »Sag mal, Bro, was ist dir für eine Laus über die Leber gelaufen?«
Was hatten die heute bloß alle? Konnten sie mich nicht einfach nur in Ruhe lassen?
Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und lehnte mich zurück. Anwesenheitspflicht hieß lediglich, dass ich hier sein musste. Kein Mensch konnte mich zu Small Talk zwingen. Ich würde mir einfach anhören, was Iron zu sagen hatte, und dann so schnell wie möglich das Weite suchen.
Kings Club Casino
Claire
Den ganzen Tag waren mir die Worte nicht aus dem Kopf gegangen. Ich wurde einfach nicht schlau daraus und ertappte mich dabei, dass ich mich selbst fragte, ob ich vielleicht zu naiv war.
Dank des Casinos, welches uns unsere Eltern vererbt hatten, lebten Ed und ich sehr sorgenfrei. Besser gesagt, wir führten ein Luxusleben. Was immer ich mir kaufen wollte, konnte ich mir leisten. Mein Bruder ermutigte mich oft dazu, mir etwas zu gönnen, und für mich war es immer selbstverständlich gewesen, genug Geld zur Verfügung zu haben. Ein Bentley Cabriolet mit Sonderlackierung und Exklusivausstattung war für mich genau so normal, wie die Prada Handtasche und die Schuhe von Manolo Blahnik. Ich hielt mich nicht für verwöhnt, denn schließlich arbeitete ich für mein Geld. Dass ich es mir nicht mit schwerer Arbeit verdienen musste, sondern das Glück hatte, meinen Job gerne zu machen, war für mich selbstverständlich.

Es wurde Zeit, mich hinter die Bar zu begeben. In wenigen Minuten würden die ersten Gäste in den exklusiven Teil des Casinos strömen und ich wollte sie wie jeden Tag mit einem Lächeln empfangen.
Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel. Make-up und Haare waren perfekt, das Kleid umschmeichelte meinen Körper und ich war bereit.
Natürlich mochte ich die begehrlichen Blicke der Männer, solange sie nicht aufdringlich wurden. Ich war kein billiges Mädchen, welches ihren Körper zur Schau stellte, ich war eine Frau, die etwas auf sich hielt und sich gerne hübsche Kleider anzog. Ed hatte das Sicherheitsteam angewiesen, immer ein besonders wachsames Auge auf mich zu haben, das wusste ich.
In diesem Teil der Spielbank gab es sehr selten Probleme. Die Drinks waren teuer. Zu spielen und sich zu betrinken, konnte an einem Abend eine Menge Geld verschlingen und war außerdem unter den Mitgliedern der High Society von Dreamtown verpönt. Sie benahmen sich anständig. Meistens jedenfalls.
Draußen in der Halle mit den einarmigen Banditen, den Bildschirmen mit den Pferde- und Sportwetten und anderen Spielautomaten wurde öfter mal gepöbelt. Viele Arbeitslose oder frustrierte Hausfrauen versuchten dort tagsüber schon ihr Glück und auch wenn die Gewinne, welche die Automaten hin und wieder ausspuckten, lächerlich gering waren – sie kamen fast täglich in der Hoffnung eines Tages den Jackpot zu kacken.

»Hi Claire«, begrüßte mich Lou, die bereits die Gläser polierte, und sie in die Glasregale stellte.
»Hi«, grüßte ich und lächelte sie an. Mit Lou zu arbeiten machte Spaß. Sie war witzig, schlagfertig und äußerst beliebt bei unseren männlichen Gästen.
Ich schlüpfte hinter den Tresen und schnappte mir ein Tuch, um ihr zu helfen.
Im Hintergrund war gedämpfte Musik zu hören, denn noch waren keine Gäste hier, sodass der Geräuschpegel angenehm niedrig war. Nach und nach trudelten die anderen Angestellten ein. Der Mann für den Black Jack Tisch, die Männer, welche für die Roulettetische zuständig waren und unser Pokergenie Jason. Er zwinkerte mir im Vorbeigehen zu.
»Er steht total auf dich«, flüsterte Lou. Ich nickte.
»Und? Wirst du ihn irgendwann erhören und mit ihm ausgehen?«, wollte sie wissen.
»Nein. Du kannst ihn haben«, antwortete ich leichthin. »Er ist ein netter Kerl, aber nett ist bekanntlich die kleine Schwester von langweilig«, fügte ich hinzu.
»Ach komm schon, Claire, wie müsste der Kerl denn sein, der dein Herz erobern könnte?«, stichelte Lou.
Ich dachte nach. Wie müsste der Typ sein, auf den ich mich einlassen würde?
»Ehrlich, ich habe keine Ahnung«, antwortete ich wahrheitsgemäß und wischte mit einem feuchten Lappen über das Mahagoniholz. »Aber wenn ich ihn gefunden habe, sage ich dir Bescheid.« Ich zwinkerte ihr zu. Lou war gleichzeitig eine gute Freundin, und ich nahm an, dass ich ihr tatsächlich als Erste erzählen würde, wenn ich einen Mann treffen würde, dem es gelang, meine Gefühle in Aufruhr zu bringen.
Clubhaus der Fire Devils, Dreamtown
Hulk
Inzwischen war die Luft in der Chapel rauchgeschwängert und der Geräuschpegel beachtlich. Alle schienen irgendetwas zu den Plänen zu sagen zu haben, nur ich nicht.
Ich wollte nach Hause, mir gepflegt ein paar Bier hinter die Binde kippen und schlafen.

Iron räusperte sich und klopfte mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte.
»Alle mal herhören. Die Pläne sind nicht der einzige Grund, warum ich eine Church einberufen habe. Es gibt noch ein paar andere Dinge zu besprechen. Und zwar geht es um die Finanzierung. Seit das Bikes & Dreams explodiert ist, fehlen natürlich auch diese Einnahmen in unserer Clubkasse. Das Red Velvet läuft zum Glück gut, das Devils Wheels Costumbikes auch, aber …«

Ich horchte auf. Welch Ironie, dass es heute ausgerechnet um Geld ging. Geld war auch mein ganz persönliches Problem im Moment. Und zwar ziemlich viel Geld. Sobald ich anfing, darüber nachzudenken, woher, zur Hölle ich verdammte zehntausend Dollar nehmen sollte, bekam ich Kopfschmerzen.

»Aber?!«, wiederholte Gonzo fragend und wartete darauf, dass der Pres fortfuhr.
»Es tut mir leid, euch das sagen zu müssen, aber wir müssen die Auszahlungen kürzen«, sagte Iron.

Fuck! Verdammt! Was sollte das? Hatte ich richtig gehört? Ich wollte gerade aufbrausen, da mischte sich Blood ein. Mit ruhiger Stimme erklärte er, dass die finanzielle Situation des Clubs im Moment nicht gerade rosig war. Eine Investition, wie der Bau einer neuen Kneipe, war nötig, würde aber bedeuten, dass jeder Member in den nächsten Monaten auf einen Teil seines Gehaltes verzichten musste.
Ich wollte verdammt sein, wenn ich das einfach so hinnahm, deshalb sprang ich auf. »Habt ihr sie noch alle?«, rief ich. »Dann wird diese verfickte Kneipe eben nicht gebaut. Ich brauche mein Geld!«
»He, Bro, spinnst du?!«, zischte Dave mir zu und zupfte an meiner Kutte. Alle Blicke waren auf mich gerichtet. Navys Gesichtsausdruck war unergründlich wie immer, Ragnar starrte mich mit ungläubigem Kopfschütteln an und Trouble verpasste mir unter dem Tisch einen Tritt gegen mein Schienbein.
Blood knurrte, doch der Pres legte ihm die Hand auf den Arm und beschwichtigte ihn. »Lass ihn ausreden, Blood. Es betrifft ihn genauso wie uns alle und jeder kann etwas dazu vorbringen.«
Der V. P. schwieg, doch der Blick, den er mir zuwarf, sprach Bände.
»Okay, Hulk, dann erzähl mal. Welche Einwände hast du? Bist du generell dagegen, dass wir das Bikes & Dreams wieder aufbauen, oder ist es etwas anderes?«, sagte Iron.
»Scheiße ja, ich kann nicht auf Geld verzichten«, schnauzte ich und dachte nicht daran, meinen Protest näher zu erläutern.
»Denkst du, uns fällt das leicht?«, fragte Chuck. »Aber wenn der Club nun mal im Moment schlecht bei Kasse ist, dann müssen wir eben alle in den sauren Apfel beißen. Wird schon wieder besser werden …«
Bestätigendes Gemurmel von allen Seiten. Meine Brüder waren anscheinend zwar nicht glücklich darüber, aber alle hatten vor, es hinzunehmen. Sie hatten ja auch nicht meine Probleme!
»Wir sind die letzten zwei Jahre ohne die Kneipe doch auch ganz gut ausgekommen. Also warum gerade jetzt?«, warf ich ein.
»Weil das unsere letzte Chance ist! Wenn wir nicht innerhalb der nächsten Wochen den Bauantrag einreichen, gibt es einen Änderungsbeschluss im Stadtrat, und das bedeutete, das Gelände darf nicht mehr bebaut werden. Somit hätten wir ein Grundstück am Hafen, mit dem wir nichts mehr anfangen können und welches sich auch nicht verkaufen lässt. Totes Kapital sozusagen. Verstehst du das?« Blood sah mich an, wie er Amy ansah, wenn er ihr etwas erklärte. Seine oberlehrerhafte Art machte mich rasend. Hielt er mich für blöd, oder was?
»Ich brauche das Geld!«, beharrte ich stur und hielt seinem Blick stand.
»Wofür? Du wohnst bei deinen Eltern und hast keine Kinder zu ernähren?«, fragte Blood provozierend.
»Das geht dich einen Scheiß an!«, schnauzte ich.

Ich würde mich hüten und dem Club von den Spielschulden erzählen, doch ich würde auch nicht so schnell klein beigeben.

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Auch wenn es ein Weilchen gedauert hat, jetzt ist es amtlich. Der 8. Teil der Fire Devils MC- Serie ist fertig und kann bereits als eBook bei Amazon erworben werden.

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Wie immer folgt natürlich eine Taschenbuchausgabe, die aber noch ein wenig auf sich warten lässt. Ein Taschenbuch zu formatieren  braucht Zeit und vor allem Geduld. Wenn im Hause Hunt eine Veröffentlichung ansteht, bleibt der Boden schmutzig, Hund und Mann werden ignoriert, das Feuer im Kamin geht öfter mal aus und die Küche bleibt kalt. Wenn dann auch noch das Programm spinnt, kann es schon mal vorkommen, dass Mrs. Hunt gepflegt ausrastet 😉
Bis endlich alles im Kasten ist, galoppiert der Puls jenseits von gut und böse, steigen Kaffee- und Nikotinkonsum in schwindelnde Höhen und werden am Telefon diverse Anrufe abgewürgt. Schlagartig mit dem Drücken des „Veröffentlichen“ Knöpfchens wird es wieder besser. Bye bye Hulk … von nun an musst du dich alleine in der Welt zurechtfinden. Du darfst auf den eBook Readern der geneigten Leser und Leserinnen einziehen und dein Schicksal ist besiegelt. Apropos Schicksal: In diesem Buch schlägt es mit voller Wucht zu. Es ist gnadenlos und gemein. Es verändert Hulks Leben völlig und wirft ihn in ein tiefes dunkles Loch. Wie gut, dass er Freunde und Familie hat, die ihn nicht aufgeben …

Für mich beginnt jetzt die Zeit des Wartens und Bangens. Bekomme ich Feedback von euch? Wenn ja, wird es positiv oder eher negativ sein?

Aber wie auch immer … ich hatte Spaß daran, Hulk, Iron, Frisco, Navy, Blood, J. J., Trouble, Ragnar und Co zu begleiten und wünsche euch ebenso viel Spaß beim Lesen ❤

 

 

Das hat man nun davon …

Zwei Coverentwürfe und ich kann mich nicht entscheiden. Um ein bisschen Feedback von meinen Leserinnen und Lesern zu bekommen, habe ich beide Entwürfe auf meiner Facebookseite vorgestellt. Und auch wenn ich es schon ahnte, es bleibt schwierig, auch wenn sich alle einig sind, dass der Kerl ziemlich lecker aussieht 😉
Beide sind echt cool. Beide passen zur Geschichte. Das Casino – hier:

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Oder die Spielkarten – hier:

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Am Ende des Tages wird wohl eine Strichliste entscheiden, welches es werden wird. So groß ist der Unterschied ja nicht.

Also wer noch eine Meinung dazu hat und mir seinen Favoriten mitteilen möchte, einfach Kommentieren. Und auf die Frage, wann das Buch erscheint, gibt es nur eine Antwort: sobald ich fertig bin – aber ich beeile mich ❤ Versprochen!

 

 

Geschichten aus dem Alltag einer Zustellerin – Episode 2

Pleiten, Pech und Pannen

Oh ja, auch davon wird man nicht verschont …
Zu dem Ort, in dem ich Zustellerin war, gehört ein Ortsteil, der ein bisschen weiter draußen liegt. Dort ticken die Uhren anders und die Leute sind  irgendwie entspannter. Ich war gerne in Moosbach unterwegs, schon deshalb, weil man da so schön auf dem Gehweg fahren und vom Auto aus die Briefkästen bedienen konnte, (nicht alle, aber die meisten), und ja, ich gestehe, das ist eigentlich nicht erlaubt. Hier müsst ihr euch vorstellen, das ich gleichgültig mit den Schultern zucke, schließlich zählt jeder Meter, den man sich sparen kann.
Aber weiter im Text:
Ich fahre gerade vom Gehweg herunter, als ich ein lautes Pfffff höre. Irritiert lenke ich das Auto zur Seite, steige aus und sehe … Mist! Ich hab nen Platten gefahren!
Was nun?
Ich versuche mich zu erinnern, wo der Ersatzreifen ist und spüre leichte Panik aufkommen. Das Auto ist noch voll mit Paketen und ich müsste eigentlich Vollgas geben, um noch vor Einbruch der Dunkelheit fertig zu werden …

Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich gehöre zu den Frauen, die durchaus anpacken können. Einen Nagel in die Wand schlagen und einen Akkuschrauber zu bedienen, ist kein Problem, aber ich habe noch nie einen Reifen gewechselt – Schande über mein Haupt. Diesbezüglich gehöre ich zu den glücklichen Frauen, deren Männer das einfach übernehmen. Dafür mache ich ja bei uns zu Hause die Wäsche und so …
Gut, hilft alles nix, jetzt ist kein Mann da und ich atmen tief durch, rolle die Ärmel hoch und beschließe, nicht wie ein hilfloses Frauchen dazustehen und auf den Ritter in edler Rüstung zu warten.
Doch Rettung naht trotzdem. Ein junger Mann aus der Elsternallee kommt angedüst, latscht auf die Bremse, springt heraus und sagt: „Oh je, ein Platten. Ich helfe Ihnen!“
Bevor ich auch nur etwas sagen kann, kniet er schon hinter dem Auto, hebelt den Ersatzreifen herunter und fragt nach dem Wagenheber.
Ruck Zuck, in weniger als fünf Minuten ist der Ersatzreifen aufgezogen und ich erleichtert.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich mich überschwänglich bedankt habe und dem jungen Mann am nächsten Tag eine Packung Merci in den Briefkasten eingelegt habe, oder?

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Die nächste Panne lässt nicht lange auf sich warten:

Wieder mal ein stressiger Tag, viel zu viel Zeug im Postauto und irgendwie geht gar nix voran. Ich bin in Gedanken schon bei meinem nächsten Paket und lege den Rückwärtsgang ein. Ein paar Meter muss ich zurückfahren, dann einschlagen, den ersten Gang einlegen und weiter geht’s …

Ich fahre zurück, schlage das Lenkrad ein und … es klirrt plötzlich ohrenbetäubend und anhaltend.
Oh, Sch …! Mein Herz setzt kurz aus, um gleich danach wie wild in meiner Brust zu trommeln. Mir wird heiß, dann kalt, und schließlich steige ich mit wackeligen Knien aus, auch wenn ich lieber gar nicht hinsehen würde.

Ich habe das Glasgewächshaus von Frau Bichlmeier über den Haufen gefahren. Es ist zusammengebrochen in Milliarden winziger Scherben und nun steht nur noch das Gerüst.
Auf den Schreck muss ich mir erst mal eine Zigarette anzünden.
Wenig später schleiche ich mit hängendem Kopf in die Metzgerei Bichlmeier und beichte …

Mein schönes Gewächshaus“, ruft die Seniorchefin und fasst sich an den Kopf.
Ich bin zerknirscht und wünsche mir, der Boden würde sich auftun und mich verschlingen.
Die anschließende Tatortbegehung ist noch unangenehmer.
Überall Scherben auf meinen schönen Salatköpfen, den können wir nicht mehr essen!“, sagt sie vorwurfsvoll und ich heule fast vor Scham und Ärger über mich selbst.
Nun ja, natürlich musst ich eine Unfallmeldung schreiben und detaliert angeben, wie es dazu kam. Frau Bichlmeier bekommt ein nagelneues Gewächshaus von der Deutschen Post bezahlt und ist glücklich darüber, weil es viel schöner ist, als ihr Altes. Ich bekomme von meinem Arbeitgeber einen Brief: Sehr geehrte Frau …. sie haben der Deutschen Post einen Schaden von … Euro verursacht … bla bla bla

Bei der nächsten Sicherheitsbelehrung, für die mehrere Zustellstützpunkte zusammengekommen sind, wird natürlich anhand eines Beispiels erklärt, wie man es NICHT machen soll. Ratet mal, um was es ging?

Richtig: Um das Rückwärtsfahren und ein zerstörtes Gewächshaus. Ich kann euch berichten, dass die Blicke der Kolleginnen und Kollegen auf mir lagen und sich alle köstlich auf meine Kosten amüsiert haben.


Eine kleine Story aus der Rubrik: Pleiten, Pech und Pannen, habe ich noch für euch 😉

Vor einem großen Wohnblock stelle ich den VW Bus ab, lasse den Motor laufen und die Fahrertür offen – ich muss ja bloß schnell ein paar Briefe einwerfen.
Während ich also brav die Briefkästen füttere, ruft jemand aus dem Haus gegenüber: „Sie da! Ihr Auto rollt!“

Panisch sehe ich, wie das Auto mit der offenen Tür auf ein Verkehrsschild zurollt und renne los. Die Post, welche ich auf dem Arm habe, werfe ich in hohem Bogen und sportlich springe ich über ein Rosenbeet, um abzukürzen. Keine gute Idee! Mein sowieso schon lädiertes Knie knackt und ich stürze. Zum Glück bleibt das Auto stehen, bevor das Verkehrsschild die offene Tür abreißen kann. Fluchend und humpelnd suche ich all die Briefe wieder zusammen. Mit zusammengebissenen Zähnen versuche ich weiter meine Tour abzuarbeiten, doch ich muss einsehen, dass es nicht geht. Mein Knie macht nicht mehr mit. Ich breche ab, fahre zum ZSP zurück, melde einen Dienstunfall und gehe zum Arzt. Der Orthopäde bescheinigt mir eine Entzündung im Knie und Ansammlung von Gewebeflüssigkeit, die er punktiert. Ich bekomme eine schöne Kortisonspritze ins Kniegelenk und einen gelben Schein.

Auf meiner Unfallmeldung steht: Die Handbremse hat sich gelöst und ich musste über ein Rosenbeet springen, um das Auto aufzuhalten. Dabei habe ich mir dabei das Knie verdreht!

Geschichten aus dem Alltag einer Zustellerin

In fünfundzwanzig Jahren bei der Post, davon zehn als Verbundzustellerin, sammeln sich allerhand Erlebnisse an. Skurrile, nette, lustige und unglaubliche Geschichten gibt es zu erzählen. „Trari Trara, die Post ist da“, so wurde ich öfter begrüßt, oder „Hier kommt die Christel von der Post“.

Ich habe diesen Job so gerne gemacht, weil er nie langweilig war. Jeden Tag erlebte ich etwas Neues, lernte nette, anstrengende, aufdringliche, traurige, fröhliche und liebe Menschen kennen. Einige dieser Geschichten habe ich für euch aufgeschrieben. Die Straßennamen sind ebenso erfunden wie die Namen der Personen. Die Ereignisse allerdings haben sich genau so zugetragen.

So nach und nach werde ich diese kleine Geschichtensammlung vergrößern, denn ich habe noch viel mehr zu erzählen …


Im Wohnblock, in der Leopold-Mann-Straße 16 leben vierzehn Parteien.
Darunter viele junge Leute, die tagsüber natürlich arbeiten müssen, abends hingegen fleißig am PC bestellen. Es ist ja so praktisch, wenn die Post alles vor die Wohnungstür liefert.

Aber da haben wir schon das Dilemma. Wer arbeitet ist in den meisten Fällen nicht zu Hause, wenn die Postfrau klingelt.

Ein Glück dass Herr und Frau Weißwasser ebenfalls in der Leopold- Mann-Straße 16 wohnen. Das überaus nette, hilfsbereite Ehepaar ist meistens zu Hause und (fast) immer bereit, Pakete und Päckchen für alle Nachbarn anzunehmen. Die Weißwassers sind mir sofort ans Herz gewachsen und ich ihnen anscheinend auch.

Einmal klingeln genügt und schon rauscht es in der Sprechanlage. „Ja bitte?“
Die Post, ich hätte ein Paket für ihre Nachbarn.“
Alles klar, ich mache auf.“

Zu meiner Freude gibt es hier sogar einen Aufzug und der dritte Stock muss nicht mühsam mit Paket unter dem Arm zu Fuß erklommen werden.
In der Wohnungstür werde ich schon erwartet.

Heute einen schnellen Esspresso?“, werde ich von Frau Weißwasser gefragt.
Liebend gerne, und wenn ich vielleicht mal …?“
Aber klar, Sie wissen, wo die Toilette ist, ich mache in der Zwischenzeit den Espresso.“

Erleichtert erleichtere ich mich. Was für ein Glück, dass ich die Weißwassers habe. Man hat nun mal menschliche Bedürfnisse, die sich nicht ewig ignorieren lassen. Deshalb den Weg zum Zustellstützpunkt (Anmerkung: früher war es einfach das Postamt, heute heißt es Zustellstützpunkt, kurz: ZSP) anzusteuern kostet wertvolle Zeit und das Auto ist randvoll mit Briefen und Paketen, die alle zugestellt werden wollen.

Den Weg in die Küche der Weißwassers kenne ich natürlich inzwischen und werde dort mit einem dampfenden Esspresso und einem kleinen Stückchen Schokolade empfangen .

Möchten Sie noch ein Glas Wasser dazu?“, werde ich gefragt.
Ich lehne dankend ab. Sonst muss ich gleich wieder auf die Toilette.
Während ich das heiße Getränk schlürfe kommt Cosima, die niedliche Perserkatze. Miauend bleibt sie in der Tür stehen, dann erkennt sie mich und streift mir um die Beine. Natürlich muss ich mich bücken und ihr ein paar Streicheleinheiten zukommen lassen. Amadeus, ihr Freund, der Perserkater, ist zurückhaltender und blinzelt mich nur verschlafen an.

Wir wechseln ein paar nette Worte, die Weißwassers und ich, dann übergebe ich das Paket für die Nachbarn und verspreche, diesen einen Zettel einzuwerfen, auf dem steht, wo ihr Paket zugestellt wurde.
Tja, und dann muss ich weiter. Mit einem „Tschüss, bis morgen“, werde ich verabschiedet und auf dem Weg nach unten – diesmal nehme ich die Treppe – denke ich mir wieder einmal: Was für nette Menschen es doch gibt.


An der Danziger Allee 11 schleppe ich mich halb zu Tode. Das Auto muss ich an der Straße stehen lassen, der Weg zum Haus, so ca. zwanzig Meter ist nicht befahrbar.

Ächzend hieve ich das megaschwere Paket aus dem VW Bus, lege vier Büchersendungen und zwei Päckchen darauf und dann balanciere ich alles an die Haustür des Wohnblocks. Schnell eile ich zum Auto zurück, hole einen Stapel Briefe, Zeitungen, Kataloge und zwei verschiedene Werbeprospekte. Meinen Handscanner und die Benachrichtigungsscheine klemme ich mir irgendwie noch dazwischen und dann habe ich keine Hand mehr frei. Also schiebe ich mit dem Hintern die Tür zu und versuche mit dem Schlüssel, der an einem Band um meinen Hals hängt, das Auto abzusperren. Geschafft.

Die abgestellten Pakete immer im Blick eile ich zurück zur Haustür. Mein linker Arm wird schon lahm von dem riesen Bündel briefen, Zeitungen und Katalogen und so beeile ich mich, sie loszuwerden. Klappe um Klappe öffne ich mit der rechten Hand und lasse sie hineinflutschen. Vorausgesetzt es war nicht vor mir schon ein Prospektausträger da, der die Briefkästen bereits zugemüllt hat. Dann nämlich fluche ich mal mehr, mal weniger laut, reiße mir die Finger an den scharfen Kanten der Briefklappe auf und bin heilfroh, wenn ich alles irgendwie untergebracht habe.

Endlich kann ich mich den Paketen und Büchersendungen widmen. Frau Helga Grube hat wieder zugeschlagen. Sie kauft fast täglich Bücher bei eBay, Rebuy oder sonstwo. Außerdem hat sie auch zwei Säcke Katzenstreu bestellt à 15 kg, die zusammen in ein großes Paket gepackt sind, welches knapp über 30 kg wiegt.

Meine armen Knie – denn in diesem Wohnblock gibt es den Luxus eines Fahrstuhls nicht. Ich drücke die Klingel und bete fast, dass sie nicht da ist. Vierter Stock – wohlgemerkt – ohne Aufzug, mit 30 kg Paket, vier Büchersendungen und zwei Päckchen!

Ja?!“
Mist! Sie ist da …
Die Post. Ich hab jede Menge schwere Sachen für Sie, könnten Sie mir eventuell entgegenkommen?“, frage ich hoffnungsvoll.
Ich bin krank, ich kann nicht.“
Tief durchatmen.
Okay, es wird ein bisschen dauern, aber ich komme.“

Dreißig Kilo lassen sich ganz schön schleppen. Wenn man dann wie ich auch noch Probleme mit den Knien hat, ist man schon geneigt, das Internet und seine Annehmlichkeiten was Bestellung betrifft, zu verfluchen. Hilft aber alles nix. Da muss ich durch. Ich schleppe also das Paket mit der Katzenstreu hoch, renne die Treppen wieder hinunter und hole die Päckchen und Büchersendungen. Oben angekommen, brauche ich erst einmal ein paar Sekunden um zu verschnaufen. Frau Grube steht in Schlabberhosen und T-Shirt vor mir. Eigentlich ist sie ja ganz nett, wenn sie nur nicht immer so viel bestellen und im vierten Stock, in einem Haus ohne Aufzug wohnen würde …

Tut mir leid“, sagt sie. „Ich bin erst kürzlich aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich habe Brustkrebs, sie haben mir die linke Brust entfernt.“
Oh, das tut mir leid, Frau Grube“, stammle ich und fühle mich sofort schlecht, weil ich insgeheim geflucht habe.
Ach, nenn mich doch einfach Helga“, sagt sie und zieht ihr T-Shirt hoch. „Hier, da war mal meine Brust.“

Ich starre fassungslos auf die frische zartrosa Narbe auf ihrem Brustkorb, und schlucke.
Ich bin Susi“, entgegne ich, und scanne dann das Paket und die Päckchen ein, weil ich nicht weiß, wie ich sonst reagieren soll.
Währenddessen plappert Helga munter darauf los. Sie hat so gar keine Scheu, offen über ihren Krebs zu reden und außerdem erzählt sie mir, dass sie wieder Bücherschnäppchen gemacht hat, und einfach nicht widerstehen konnte. Ich gestehe ihr, dass ich auch gerne und viel lese, da drückt sie mir eine Tüte voll Bücher in die Hand. „Hier, Susi, die habe ich alle schon gelesen, wenn du magst, schenke ich sie dir.“
Okay“, sage ich überrascht. „Ich kann sie dir aber gerne wieder bringen, wenn ich sie gelesen habe.“
Nein, passt schon. Schenk sie weiter, oder behalte sie. Egal. Ich brauche sie nicht mehr.“

Ich beschließe, mir die Bücher anzusehen, was interessant klingt, zu lesen und den Rest an die örtliche Bücherei zu verschenken. Beinahe so voll bepackt, wie ich das Haus betreten habe, verlasse ich es wieder.

Gabbiano, die Möwe

Die schönsten Geschichten schreibt doch das Leben.

Meistens treffen wir während unserer täglichen Revierfahrt auf Landwirte, die ihre Felder bestellen, oder Waldarbeiter. Eher selten auf Hundebesitzer, welche ihre vierbeinigen Freunde ausführen – nichts außergewöhnliches also. Wenn man allerdings auf einen Fremden mit einer Möwe trifft, die ganz entspannt auf dessen Hand liegt, dann ist das doch etwas besonderes. Zugegeben, ich musste zweimal hinsehen, weil ich meinen Augen nicht traute. Neugierig, wie ich nun mal bin, konnte ich es mir natürlich nicht verkneifen, den Spaziergänger zu fragen, was es mit der Möwe auf sich hat. So ist das halt, wenn man Geschichtenerzähler ist, man hinterfragt alles und wittert überall Inspiration.

Der Mann, mittleren Alters, war sehr nett und erzählte mir, dass er die Möwe mit einer Flügelverletzung an einem Strand gefunden hat. Da wir in der tiefsten Oberpfalz nun mal weit und breit keinen Strand habe, wollte ich natürlich wissen, wo er das Vögelchen denn aufgefunden hatte. In Italien. Aha! Ich muss recht überrascht ausgesehen haben, denn er erzählte mir bereitwillig, dass er sie während eines Italienurlaubes am Strand aufgegabelt und zu einem Tierarzt gebracht hatte. Der Arzt machte ihm wenig Hoffnung, denn die Möve war sehr schwer verletzt. Allen schlechten Prognosen zum Trotz päppelte er sie auf. Und siehe da, sie begann zu fressen und wurde zutraulich. Nur fliegen konnte sie nicht mehr. Auf meine Frage, wie sie denn heißt. Ich tippte ja auf Jonathan – für mich naheliegend ;), antwortete er: Gabbiano. Das ist italienisch und bedeutet Möwe. Sie ist nämlich ein er!

Seit fünf Jahren ist Gabbiano nun schon der Begleiter dieses Tierfreundes. Und immer wieder wird er natürlich auf seinen ungewöhnlichen Freund angesprochen. Der Mann betonte, dass dies nicht der Grund ist, Gabbiano überall hin mitzunehmen – Gabbiano ist sein Freund geworden. Er fühlte sich verantwortlich und sorgt für ihn. Alleine könnte er auch nicht überleben. Während wir reden blickt Gabbiano mit seinen Knopfäugelchen aufmerksam umher. Als ein Mäusebussard über uns hinweg fliegt, wird er hektisch. Leise redet der Mann auf ihn ein und streichelt ihm über den Kopf. Man erkennt ganz deutlich, dass Gabbiano seinem Menschen vertraut, denn er beruhigt sich schnell wieder.

Ich war so fasziniert, dass ich vergessen hatte, ihn zu fragen, ob ich ein Foto machen darf – schade. Und auch, wenn es nur eine ganz kleine Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft ist, ich wollte sie euch einfach erzählen, weil sie mich berührt hat.

Ein Sommer ganz für mich.

Ihr Lieben, falls ihr euch fragt, wo ich mich versteckt habe, oder ob ich überhaupt noch am Leben bin: JA, ich lebe definitiv noch und versteckt habe ich mich draußen in der Natur. Im wahrsten Sinne.
Gesundheitlich ein bisschen angeschlagen (Schultergelenksentzündung, angerissene Sehne, Arthrose in den Fingergelenken), habe ich den herrlichen, heißen Sommer genutzt, um das zu tun, was mit gut tut.
Ich war getarnt in der Natur unterwegs, habe ganz viel Zeit am #schoenstenortderwelt verbracht – in unserem Revier, und ausgiebig meine neue Kamera und das Teleobjektiv getestet.
Iron & Co habe ich zwar nicht ganz zur Seite gelegt, aber schon ein wenig vernachlässigt. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich ein schlechtes Gewissen haben sollte deswegen, doch dann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mir die Freiheit nehmen kann, die ich will und brauche.
Zwei, drei oder mehr Bücher im Jahr zu veröffentlichen setzt einen gewaltig unter Druck. Druck bedeutet Stress. Stress ist gar nicht gut für den Körper und schon überhaupt nicht für die Seele.
Kurzum: mir geht es gut, ich habe viele wunderschöne Bilder gemacht, tolle Tage an der Ostsee verbracht, Zeit mit meiner Familie und den vier Enkelkindern genossen und bin jetzt wieder voll da.
Hulks Geschichte nähert sich dem Ende und vorerst wird sie die letzte mit den Fire Devils sein. Ich sage bewusst: vorerst!
Wer weiß, was noch alles passiert und wer weiß, ob ich die Jungs einfach so ziehen lassen kann?

Jetzt mache ich mich auf jeden Fall daran, DARKEST HOUR zu vollenden. Dann geht es weiter mit überarbeiten und herumfeilen. Der nächste Schritt wird sein, dass ich mir ein paar Meinungen und Kritik von meinen Testlesern einhole – und dann – ihr ahnt es, heißt es wieder überarbeiten.
Wenn ich das Gefühl habe, jetzt passt es, kommt Hulks Geschichte in die Hände meiner beiden Korrektorinnen.
Dies alles ist nicht in zwei Wochen erledigt und ich bitte euch noch um Geduld. Zum Glück gibt es ja genug  wunderbare Autorinnen/Autoren, die für Lesestoff sorgen, um die Zeit zu überbrücken 😉

Zwei einschneidende Erlebnisse haben mir bewusst gemacht, wie kostbar das Leben und vor allem die Gesundheit sind.

Zum Nachlesen: https://jagdherzblut.wordpress.com/2018/08/30/ein-schreckliches-erlebnis-und-die-stunden-danach/

Und dann hatte ich im Urlaub noch eine Begegnung, von der ich euch kurz erzählen möchte:

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Am Schlösschen Sundische Wiese beschlossen wir eine kleine Pause zu machen und holten uns am Kiosk eine heiße Gulaschsuppe. An einem Tisch unter einem Schirm machten wir es uns bequem und aßen.
Am Nachbartisch stand ein Rollstuhl. Eine junge Frau hantierte daran herum und wechselte einen der Reifen. Ein junger Mann saß daneben auf einem Stuhl und konnte sich kaum bewegen. Seine Schädeldecke war merkwürdig verformt. Ich vermute, dass er einen Unfall hatte …

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Die Beiden trugen die gleichen Ringe –  ich denke, dass sie verheiratet waren.
Die Frau bestellte Fischbrötchen, orderte Getränke, packte den kaputten Reifen in die Mülltonne, schob den Mann mitsamt Stuhl näher an den Tisch und holte eine Urinflasche aus ihrem Rucksack. Sorgsam deckte sie ihn mit einer Decke zu, rückte die Flasche darunter zurecht und ging selbst zur Toilette.
Als das Essen kam, setzte sie sich neben ihn und fütterte ihn, bevor sie selbst ihr Fischbrötchen aß.
Danach leerte sie die Urinflasche und holte ihr Fahrrad – ein Rollstuhlrad, bei dem der Rollstuhl vorne mit dem Fahrrad verbunden werden kann. Inzwischen fing es an zu nieseln. Die junge Frau war für alles gerüstet und zog einen Regenumhang aus der Fahrradtasche. All das tat sie mit einer Souveränität, die ich bewunderte.
Wir hatten aufgegessen und brachen auf. Auf dem Weg zum Parkplatz kamen mir die Tränen. Ich nahm die Hand meines Mannes und sagte ihm, wie glücklich ich bin, dass es uns gut geht. Er verstand sofort.
Mein tiefer Respekt galt dieser jungen Frau, die keine Mühe gescheut hat, mit ihrem Partner diesen Ausflug zu machen. In solchen Momenten wird mir immer bewusst, wie viel Glück ich habe, und dass nichts Selbstverständlich ist. Deshalb bin ich dankbar, dass meine Familie gesund ist, und die Wehwehchen, die mich plagen, erscheinen dagegen unbedeutend. Vielleicht braucht es hin und wieder so ein Erlebnis, damit man weiß, wie gut es einem geht. Damit man schätzt, dass der geliebte Partner gesund ist und man unbeschwert Urlaub machen kann.

Nicht Geld und Erfolg sind wichtig – nein: Zufriedenheit, Gesundheit und Liebe!
Familie und Freunde, mit offenen Augen durch das Leben gehen, demütig und dankbar sein für die kleinen Dinge des Lebens.
In diesem Sinne wünsche ich euch, dass ihr euch über einen Sonnenuntergang, einen Regenbogen, Vogelgezwitscher, Sonnenstrahlen im Gesicht und eine herzliche Umarmung genauso freut, wie über Regentropfen am Fenster, ein warmes Feuer während eines Herbststurmes, ein nettes Wort und vor allen Dingen liebe Menschen, die euch in eurem Leben begleiten.

 

 

 

 

Über mich:

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1968 wurde ich in Franken geboren, wo ich auch aufgewachsen bin. Heute lebe ich mit meinem Mann, unserem Hund und drei Katzen in einem kleinen idyllischen Dorf in der Oberpfalz. Wenn ich nicht lese, schreibe ich und umgekehrt.

In der Grundschule weigerte ich mich zunächst hartnäckig lesen zu lernen. Inzwischen bin ich glücklich darüber, dass meine Lehrer und Eltern sich nicht erweichen ließen. Als Teenager bin ich dann dem gedruckten Wort verfallen. Seitdem lese ich alles was ich in die Finger bekomme. Besonders gerne Fantasy, Thriller und natürlich Romane über die einzig wahre Liebe.

Meine Liebe zu Büchern geht sogar so weit, dass ich manchmal ehrfürchtig ein neu erworbenes Buch in den Händen halte und es richtig zelebriere, die ersten Seiten zu lesen. Wenn mich ein Buch zum Lachen oder Weinen gebracht hat, mich entführt hat in eine völlig andere Welt, lese ich die letzten Seiten mit Wehmut und kann es gar nicht sofort weglegen. Bücher, die mir besonders ans Herz gewachsen sind, bekommen auch einen Ehrenplatz in meinem Bücherzimmer. Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, wenn es einem Autor gelingt, seine Leser zu fesseln und die unterschiedlichsten Emotionen hervorzurufen.

Ich besitze inzwischen ein ganzes Zimmer voller Bücher, auf das ich sehr stolz bin.

Meine zweite Leidenschaft gilt der Jagd.

In der Natur kann ich die Seele baumeln lassen und abschalten. Meist habe ich ein Buch im Rucksack, manchmal sogar meinen Laptop dabei, weil ich dort absolute Ruhe habe. Diese Stunden, fernab von Streß und Hektik, inspirieren mich. Schreiben hat mir schon immer sehr großen Spaß gemacht. Für mich waren Aufsätze und Errörterungen in der Schule eine Harausforderung, die ich gerne angenommen habe. Als meine beiden Töchter geboren wurden, dachte ich mir Märchen für sie aus und bannte sie auf Papier. Es gibt sogar noch ein „Büchlein“ über meine große Teenagerliebe, das ich aber gut versteckt hüte wie einen Schatz.

Warum ich schreibe:

Mein großer Traum ist es, dass Menschen meine Geschichten lesen und sie mögen. Ich möchte sie mitnehmen in eine andere Welt, sie den Streß des Alltags vergessen lassen und ihnen spannende und unterhaltsame Lesestunden bieten.

In meinem Kopf schlummern Geschichten, die heraus wollen und erzählt werden wollen. Das geht manchmal soweit, dass ich abends vor dem Einschlafen plötzlich eine Szene vor Augen habe, die ich am liebsten sofort aufschreiben würde.

Ich bewundere J.R. Ward, die mich mit ihrer BLACK DAGGER Reihe völlig süchtig gemacht hat. Ich liebe ihre Bücher über die düsteren sexy Vampire. Oder Diana Gabaldon, deren Highlander Saga ich verschlungen habe. Als sie behauptete, dass die Protagonisten in ihren Büchern ein Eigenleben entwickeln und ihr durchaus mal zeigen wo es langgeht, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es das gibt. Inzwischen kann ich sagen – das gibt es wirklich. Manchmal entwickelt sich eine Szene ganz spontan völlig anders als zuvor geplant.

Da ich voll berufstätig bin, bleibt mir neben meiner Arbeit, der Familie, Haus und Garten oft wenig Zeit zum Schreiben. Im Gedanken bastle ich jedoch ständig an irgendwelchen Szenen oder Wortwechseln herum. Manchmal auch mitten in der Nacht. Oft bin ich kurz vor dem Einschlafen, da bilden sich Worte und Sätze in meinem Kopf und meine Protagonisten erwachen zum Leben. Am liebsten würde ich dann sofort aufspringen und in die Tasten meines Laptop hauen.

Hier kommt die Siegergeschichte des Kurzgeschichtenwettbewerbs:

Auch wenn alle Geschichten schön zu lesen waren und ich manchmal wirklich laut lachen musste, habe ich mich für die Geschichte von Christine R. entschieden. Sie hat die Story mit Effi (Turbos Mum) fortgesetzt und sich einen wirklich interessanten Plot dazu einfallen lassen.
Eigentlich hatte ich ja einen Gewinn versprochen, der aus einer Tasse mit Clublogo, einem Mousepad mit Clublogo und dem neusten Band der Fire Devils MC-Serie besteht. Darüber darf sich Christine freuen, aber weil nur drei Geschichten eingegangen sind, dachte ich mir, die anderen beiden Teilnehmer bekommen von mir ebenfalls ein signiertes Buch. Vielen Dank für eure Teilnahme – ich hoffe, es hat euch genauso Spaß gemacht, wie mir 🙂

Über die Autorin:
Ich heiße Christine Rundel, nur Chrissie gesprochen, bin 39 Jahre jung und komme vom Bodensee. Gebürtig aus Friedrichshafen, seit sieben Jahren mittlerweile in Tettnang wohnend. Ich bin verheiratet und wohne zusammen mit meinem Mann und unserer Hündin Candy, ein Flat-Coated-Retriever-Mädel, in einem Haus direkt hinter Tettnang.

Beruflich arbeite ich auf einer Behörde in Ravensburg als Verwaltungsfachangestellte.

Vor ca. drei Jahren bin ich auf die Bikerwelt in Büchern aufmerksam geworden. Im wirklichen Leben schon viel früher, da sich meine beste Freundin mal in einen dieser Jungs verliebt hat. Damals war das nicht mein Ding und ich fand die Männer furchtbar (vor allem im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht). Umso schöner war es dann auch mal was von netten und humorvollen Bikern zu lesen. Die auch gut und freundlich mit Frauen umgehen können – ich hoffe solche Exemplare gibt es auch in Echt.

Für mich der erste Ausflug als Schreiberin…
Und hier kommt die Siegergeschicht. Der Anfang ist von mir, ich habe gekennzeichnet, ab wann Christine übernommen hat. Viel Spaß damit – und ich würde mich freuen, wenn ihr uns eure Meinung dazu mitteilt.

Cook & Love
Clubhaus der Fire Devils, Dreamtown
»Schnauze Jungs, gleich geht es los!«, brüllte Turbo und angelte nach der Fernbedienung um die Lautstärke zu erhöhen.
Einige der Members hatten es sich schon in den Sesseln bequem gemacht, doch Gozo und Trouble standen noch am Tresen und diskutierten lautstark herum. Turbos böser Blick genügte nicht, um sie verstummen zu lassen, also warf er Trouble ein herumliegendes Basecap an den Kopf.
Meghan klopfte auf den Platz neben sich und winkte Trouble zu. Endlich kehrte Ruhe ein und der junge Biker setzte sich neben seine heimliche Liebe. »Wow, das ist so aufregend. Effi hat sich schon immer gewünscht, die berühmte Köchin Ella King kennenzulernen, und jetzt ist sie tatsächlich in ihrer Kochshow«, flüsterte Meghan Trouble zu und hielt ihm eine Schüssel mit Chips hin.
Heute Abend war der gesamte Club versammelt. Auch alle Ol’ Ladys waren da und weil es Samstag war, durfte sogar klein Amy aufbleiben um das große Ereignis im TV mitzuverfolgen. Die Babys schliefen im Hinterzimmer und Enya, die sie eben zu Bett gebracht hatte, kam gerade rechtzeitig dazu. Iron breitete einladend seine Arme aus und sie kuschelte sich an ihn.
Als die Teilnehmer groß im Bild waren und namentlich vorgestellt wurden, schnaubte Iron überrascht. »He, den Kerl da kenne ich. Der ist Member bei den Black Snakes, aus Spring Falls.«
»Du hast recht«, stimmte Blood ihm zu und starrte gebannt auf den Bildschirm. Dort wurde eben ein Mann gezeigt, der in etwa Effis Alter hatte. Unter einem schwarz gemusterten Bandana lugte grau meliertes Haar hervor und er trug einen Dreitagebart. Das schwarze T-Shirt verdeckte seine Tätowierungen an beiden Armen nicht und in seinem rechten Ohrläppchen baumelte ein silberner Ring.
Dann schwenkte die Kamera zu Effi. Die gute Seele des Clubs lächelte in die Kamera, während ein Sprecher sie vorstellte.
»Effi sieht toll aus«, bemerkte Jaz. »Ja, das Kleid steht ihr gut«, freute sich Angel und klein Amy klatschte in die Hände.
»Heilige Scheiße«, rief Turbo. »Seht ihr, wie der verdammte Scheißkerl Mum in den Ausschnitt glotzt?!«
»Und jetzt grinst er sie auch noch so unverschämt an«, stimmte Trouble ihm zu und bekam prompt einen Rempler von Meghan. »Stellt euch nicht so an, Jungs. Effi sieht fantastisch aus und er ist eben auch nur ein Mann. Gönnst du es deiner Mum etwa nicht?«
»Aber ausgerechnet ein Member der Snakes. Und überhaupt … schaut doch! Jetzt rückt er auch noch näher an sie heran.« Turbo schien tatsächlich sehr aufgewühlt zu sein, denn er sprang auf und sein Blick war finster.
Während die Frauen das Ganze ziemlich gelassen hinnahmen, regten sich die Männer darüber auf, dass ein Biker offensichtlich Interesse an Effi zeigte.
»J. J., was kannst du über diesen Kerl herausfinden?«, fragte Iron.
»Das ist doch nicht dein Ernst?«, mischte sich Kelly ein, als J. J. aufsprang und seinen Laptop holte.
»Es kann nicht schaden, wenn wir wissen, mit wem wir es zu tun haben«, knurrte Turbo und nickte dem Pres dankbar zu.
»Herrgott noch mal, die vermiesen uns die ganze Show mit ihrem Machogehabe«, maulte Jaz und verdrehte die Augen.
Angel nickte zustimmend. »Kaum zu fassen, dass sie so einen Aufstand machen wegen einem alten Herrn. Ich finde, er sieht interessant aus, und irgendwie nett.«
»Und kochen kann er auch, sonst wäre er nicht in der Show«, pflichtete Runa ihr bei.
Blood schnaubte und warf den Frauen einen ungläubigen Blick zu. »Interessant und nett! Hoffentlich täuscht ihr euch da nicht gewaltig!«, brummte er und linste J. J. über die Schulter. »Schon was herausgefunden, Bro?«, fragte er.

 

Kochstudio Ella King
Jack Lennox, V. P. bei den Black Snakes, aus Spring Falls, zwinkerte Effi zu. Was er sah, gefiel ihm. Dass sie in dieser Show seine Konkurrentin war, störte ihn nicht. Im Gegenteil. Besser als gegen alberne junge Tussen zu kochen. Effi war eine attraktive Frau im besten Alter. Ihm gefiel, wie sie lachte und die Fältchen um ihre Augen machten sie in seinen Augen noch schöner. Er nahm sich vor, sie auf jeden Fall nach der Show auf einen Drink einzuladen.

Hier geht es weiter mit Christines Fortsetzung

In wenigen Minuten wurde es ernst. Die Kandidaten der Koch-Show von Ella King würden ihre Gerichte erhalten die sie dann in einer vorgegebenen Zeit zu kochen und gestalten hatten. Für Effi an sich kein Problem, ihre große Leidenschaft war das Kochen. Aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass ein Mann wie Jack Lennox an ihrer Seite stehen würde und ebenfalls den Sieg dieser Show im Auge hatte. Wow! Was für ein Kerl. Effi konnte sich nicht erinnern, wann sie ein Mann das letzte Mal so von den Socken gehauen hatte. Er sah nicht nur interessant aus, er war auch charmant und hatte ihr schon ein paar Mal aufmunternd zugezwinkert. Er schien nicht im Mindesten nervös zu sein. Im Gegensatz zu ihr. Die Kameras taten ihr übriges dazu, dass ihr Herz in einem gigantischen Ausmaß zu wummern begann. „Himmel lass mich das hier mit Würde überstehen“, betete sie vor sich hin.

Meine lieben Köchlinge, ihr dürft nun beginnen. Möge der Beste von euch gewinnen. Ich wünsche euch allen gutes Gelingen!“, flötete Ella King schrill und das Publikum, welches während der Aufzeichnung der Show im Hintergrund im Studio saß, begann ermunternd zu klatschen.

Okay Effi nun los“, murmelte sie vor sich hin, während sie die ersten Töpfe und Pfannen zusammen suchte. Nur 30 Minuten Zeit für ein volles Gericht. Das würde verdammt knapp werden. In ihrer Eile rempelte sie mit ihrem Rücken an eine harte Brust. Sie drehte sich um und schaute Jack Lennox in die Augen, der sie mit funkelndem Blick von oben anschaute. Der Mann war über einen Kopf größer als sie. „Hallo“ brachte sie heißer zustande und streckte ihm ihre Hand hin. „Ich bin Effi.“ Na das kann ja heiter werden dachte sie sich, als sie merkte wie heiß sich ihr Kopf vor Nervosität anfühlte. Er nahm mit festem Griff ihre Hand in seine und stellte sich ebenfalls vor. „Nicht so nervös, liebe Effi. Es kann Ihnen nichts passieren. Ich habe Sie im Blick“, zwinkerte Jack ihr zu. Sie begann leise zu lachen und sagte ihm, dass es auch okay wäre wenn er sie duzte. „Gern“, fügte er hinzu und begann ebenfalls damit seinen Arbeitsplatz einzurichten. Noch hatte sie keinen Handschlag getan und die Zeit tickte bereits unablässig. In Windeseile setzte sie nun das Nudelwasser auf und begann die Zutaten für die Sauce vorzubereiten. Es sollte ein Hauptgericht werden. Immerhin hatte sie sich bereits im Kopf ein Schema festgelegt, sodass sie nun nur die richtige Abfolge im Auge behalten musste. Der Rest ging wie von selbst. Sie kochte ja seit vielen Jahren für ihre Bikerfamilie und daher war sie es gewohnt, dass es stressig war und schnell gehen musste da viele hungrige Mäuler um sie herum waren. Sie liebte das. Jedes Weihnachtsfest und jede sonstige Feier wie Thanksgiving waren fest in ihrer Hand was das Kochen und die Bewirtung ihrer Fire Devils-Familie betraf. Diese wurde unablässig größer, da immer mehr ihrer Jungs sich eine Frau an ihre Seite nahmen. Tief in ihrem Innern hatte sie immer gehofft, dass auch ihr Junge sich mal die Zeit nahm um Ausschau nach einem geeigneten Mädel zu halten, aber soweit schien Turbo noch nicht zu sein. Naja, ist ja noch nicht aller Tage Abend, lachte sie leise vor sich hin, während sie die letzten Tomaten in die Sauce gab. „Was ist so lustig?“, fragte eine tiefe Stimme neben ihr. „Oh ich ähm… musste gerade an meinen Sohn denken“, flüsterte sie leise zurück zu Jack, der nun wieder neben ihr stand. Er lächelte sie sanft an. Was er wohl gerade dachte, kam ihr der Gedanke, den sie allerdings sofort wieder abschüttelte. „Hast du Kinder, Jack?“ stellte sie die Gegenfrage an ihn. Er begann zaghaft zu nicken. „Ja, zwei Töchter“, gab er ihr als Antwort. „20 und 22 Jahre jung“, sagte er mit stolz in der Stimme. „Wie schön“, flüsterte Effi. Sie wollte nicht, dass die Kameras zu viel von ihrem doch nun etwas intimeren Gespräch aufnahmen. „Ist deine Frau im Publikum“, fragte Effi und schaute sich um. Jacks Blick wurde düster und er schüttelte seinen Kopf. „Nein, leider nicht“. „Okay“ nickte Effi und wunderte sich über seinen Blick. Irgendwas an seiner Haltung hielt sie davon ab, weiter zu fragen und so widmete sie sich wieder ihrem halbfertigen Gericht. „Sie ist leider nicht mehr unter uns“, flüsterte Jack ihr zu. Und sie erhaschte einen Blick in seine schmerzverzerrten Augen. „Oh, das tut mir leid, Jack“, gab Effi völlig entsetzt von sich. Sie berührte seine Hand, es ging ganz automatisch ohne dass sie darüber nachdenken musste. Er nahm es freundlich hin, wenn auch ein wenig in seinen eigenen Gedanken versunken. Schließlich tätschelte er einmal ihre Hand die auf seiner lag und widmete sich wieder seinen Töpfen. „Meld dich wenn du Hilfe brauchst“, sagte er im Weggehen.

Nachdenklich schaute sie Jack hinterher. Was um Himmels Willen war nur mit seiner Frau passiert, fragte sie sich. Er machte einen ziemlich gebrochenen Eindruck und es schien ihr, als wenn sie soeben alte Wunden bei ihm aufgerissen hätte. Weiter kam sie nicht zum nachdenken, denn auf einmal war es dunkel im Studio. Es schien als hätte die komplette Beleuchtung ihren Geist aufgegeben. Merkwürdig dachte Effi, während sie inne hielt um nicht an die Einrichtung zu stoßen. Plötzlich stand Jack neben ihr und fragte sie ob alles in Ordnung sei. „Ja soweit alles okay, das könnte ein Stromausfalls ein“, sinnierte Effi nicht ohne zu bemerken, dass er sie fest an ihren Oberarmen hielt. „Hoffentlich“ kam murmelnd von ihm und sie hatte das Gefühl, dass er sehr angespannt war. „Effi, ich bin der Vice-President eines Motorcycle Clubs und es könnte sicher auch einen anderen Grund geben für die plötzliche Dunkelheit hier. Also egal was geschieht, bleib in meiner Nähe und tu was ich dir sage, hörst du?“, fragte er sie. „Ja“ kam krächzend und außer Atem von Effi zurück, die kurz vorm überschnappen war weil sie keine Ahnung hatte von was zum Teufel er da gerade sprach. Effi kannte solche Situationen nicht wirklich, da die Männer der Fire Devils ihre Frauen so gut es ihnen möglich war, aus allen unangenehmen Situationen heraus hielten. Natürlich gab es schon viele gefährliche Situationen, aber in solch unmittelbarer Gefahr war sie bislang nie. Und keiner von den Devils war hier. Sie hatte befürchtet noch nervöser zu sein, wenn alle im Publikum sitzen würden und hatte sie daher gebeten, es vom Fernseher aus mit zu verfolgen. Das war offensichtlich ein Fehler. Sie drückte sich an Jack und murmelte ihm ins Ohr, ob denn von seinen Leuten jemand im Studio sei. Er nickte. Sie bekam es schemenhaft mit. Erleichterung durchströmte sie. „Wer sind die Leute?“, fragte Effi leise. Bevor Jack antworten konnte fiel ein Schuss. Effi zuckte zusammen und die ersten Schreie der Frauen im Publikum ertönten. „Leg dich auf den Boden“, brüllte Jack und zog ein Messer hervor.

Währendessen in Dreamtown, Clubhouse der Fire Devils…
Äh Iron, was geht denn da ab?“ stellte J.J. die Frage als er von seinem Laptop aufschaute. Der moderne Flatscreen zeigte ein dunkles Bild. Auch vom Ton war nichts mehr zu hören. Iron drehte seinen Kopf von seiner Frau zum Bildschirm und schaute verblüfft auf den schwarzen Bildschirm. „Keine Ahnung, aber der Ton scheint auch weg zu sein. Vielleicht ein Stromausfall?“ sinnierte Iron irritiert vor sich hin. Allerdings glaubte er daran nicht wirklich. Es war ja auch nur eine Frage der Zeit bis sich wieder einer ihrer Feinde regen würde und er wartete schon seit längerem darauf. Aber er konnte sich keinen Reim darauf machen, warum diese in einem TV-Studio auftauchen sollten, wo doch keiner von den Devils dort war. Das Einzige was passen würde, wäre dass es den MC von Jack treffen sollte und nicht die Devils. Dumm nur, dass Effi direkt in dieser Show hockte. Somit waren die Devils mit involviert ob sie nun wollten oder nicht. „Verdammter Mist, was geht da ab“, begann nun auch Turbo los zu meckern. „Iron, meine Mutter ist dort, ich werde mich auf mein Bike schwingen und hinfahren. Was sagst du dazu? Begleitet mich wer?“, stellte Turbo die wichtigste Frage. „J.J. kannst du eines der Handys von den Leuten des MC´s von Jack knacken oder zumindest mal den Versuch starten durch zu kommen um zu erfahren was vor Ort los ist?“ stellte Iron die Frage an J.J.. „Wird sofort erledigt, Präs“, murmelte J.J. im vorbei gehen und setzte sich wieder an seinen Laptop. Keine zehn Minuten später war klar, dass es kein Durchkommen gab. „Da hat wohl jemand seine Hausaufgaben gemacht, ich komm hier nirgends rein. Scheint so, als ob sie alles lahm gelegt hätten“, gab J.J. von sich. „Das bedeutet für uns, wir fahren hin. Trouble und Blood ihr beiden bleibt hier, falls hier jemand eindringt während wir weg sind“, gab Iron seine Anweisung. Die restlichen Männer bewaffneten sich und gingen dann zu ihren Maschinen, während die Frauen besorgte Minen auflegten. Enya konnte es nicht fassen, dass schon wieder ein solches Drama losging. Jetzt wo die Kinder da waren, fiel es ihr unglaublich schwer ihren Mann ziehen zu lassen und jedes Mal ohne die Gewissheit dass er heil und unversehrt wieder zu ihr zurückkehrte. Bislang ging es jedes Mal gut, aber das konnte sich schnell ändern – vor allem da keiner der Männer wusste was überhaupt los war. Sie lief zu Iron und drückte sich fest an ihn. „Bitte komm gesund wieder zu uns zurück, Iron. Denk an unsere Kids“, flüsterte Enya unter Tränen. „Natürlich mein Engel, dass mache ich in jeder Sekunde des Tages und natürlich auch vermehrt in der Nacht“, lächelte er ihr mit einem Grinsen um seine Lippen zu. „Noch wissen wir ja nicht mal wer da Mist baut, geschweige denn ob es überhaupt Mist ist oder nur einfach ein Stromausfall im Sender und die Städte im Umkreis“, schlussfolgerte Iron aus den aktuellen Geschehnissen. „Wir sind sicher bald wieder hier und wir bringen Effi auf alle Fälle zurück. Kochshow hin oder her, in Gefahr bringen muss sie sich deswegen nicht, kochen kann sie auch hier zur Genüge“, kasperte Iron. „Ich mache mir wirklich Sorgen, Iron. Du nimmst mich nicht ernst“, grummelte Enya sauer zu ihrem Mann. „Ragnar ist dabei. Wenn er die Sache nicht in den Griff bekommt, wer dann?“ lachte Iron nun auch noch. „Ja ja … haut schon ab“. Enya machte eine wegwerfende Handbewegung. Auch die anderen Frauen schienen ähnlich unbefriedigende Gespräche mit ihren Männern zu führen die wohl allesamt in die falsche Richtung führten. Sie würden fahren, ob die Frauen nun zustimmten oder nicht. Das war Enya klar. Sie konnte nur hoffen und beten, dass alle gesund zurück kamen und diese Sache heil ablief. Was auch immer es letzten Endes für eine Sache war. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen was in diesem Fernsehstudio vor sich ging. Das Einzige was sie sich denken konnte, war dass es vermutlich tatsächlich nicht einfach nur ein technisches Problem war.

Während sie noch am überlegen war, hörte sie die dröhnenden Harleys der Männer. Sie fuhren also tatsächlich ins Ungewisse…

Kochstudio Ella King
Guten Abend meine lieben Kochshow-Freaks. Tut mir wirklich wahnsinnig leid, dass wir euch nun so stören müssen“, brummte eine tiefe Stimme im Studio umher. „Ihr werdet euch sicher fragen was genau wir hier von euch wollen. Dazu kann ich euch noch nicht so viel sagen, außer dass ihr erstmal Ruhe bewahren solltet. Andernfalls werden wir euch ruhen lassen.“ Der tiefe Bass in der Stimme des Mannes begann laut zu brummen. Schien so, als würde er seine Aussage äußerst lustig finden. „Ein Wortspielchen muss sein, meine lieben Köche und Köchinnen. Und jetzt legt euch fürs Erste mal alle auf den Boden. Ich will nicht, dass ihr mit euren Kochmessern nach mir wirft“, schon wieder begann der Typ zu lachen. Effi war völlig fassungslos. Was sollte das Ganze Theater hier. Sie hatte sich seit Monaten auf diese Show gefreut und nun sollte sie so enden? Völlig unmöglich, so ging das auf keinen Fall.

Das schien auch Jack so zu sehen, der vor Wut zu kochen schien. „Effi, leg dich hin und wenn ich dir ein Zeichen gebe, kriechst du in den Schrank unter dem Spülbecken. Du wirst dich etwas verrenken müssen, aber ich will dich aus der Schusslinie haben, verstanden?“, murmelte Jack ihr leise zu. Oh je, dachte Effi, in diesen Schrank kam sie nie und nimmer komplett rein. Aber versuchen konnte sie es ja mal. Allemal besser, als erschossen zu werden.

Jetzt!“, stieß Jack sie an. Effi war kaum an der Schranktür als Jack auch schon hochschoss und ein Messer in die Richtung des Mannes warf, der in das Studio eingedrungen war. Ein markerschüttender Schrei füllte den Raum und Effi war klar: Jack hatte ihn getroffen. Sie war froh darüber, denn arg lang würde sie in diesem Mini-Schrank nicht sitzen können.

Jack du Idiot, was soll denn dieser Scheiß. Warum wirfst du ein Messer auf mich?“, brummte der stämmige Mann los. „Drei Mal darfst du raten, Birdie, warum ich dir ein Messer in die Schulter schmeiße“, polterte Jack los. „Du kommst hier bewaffnet in die Show und machst einen auf dicke Hose und dann wunderst du dich wenn sich jemand zur Wehr setzt? Was soll die Aktion hier? Du bist doch sicher nicht allein? Wo ist dein Zwilling?“, stellte Jack ein Duzend Fragen und sorgte dafür für Verwunderung bei Effi. Es sind Leute von ihm? Seine Leute? Sinnierte sie in ihrem engen Gefängnis. Langsam ging ihr da drin die Luft aus.

Na das ist ja super gelaufen Bird, echt, dich kann man schicken!“, maulte eine andere Männerstimme nun lautstark. „Ich brauche einen Arzt, Mann!“, maulte Birdie zurück. „Na das hättest du dir eher überlegen müssen, bevor du dich abschießen lässt. Du kennst Jack doch“, lachte der andere nun. „Na das war ja klar, dass DU dahinter steckst, Andrew! Was soll die Aktion hier? Wollt ihr das die ganze Welt mitbekommt, was ihr für einen Mist baut?“, motzte Jack die beiden Angreifer an. „Die ganze Welt?“, lachte der andere nun, der etwas weniger brummig sondern eher freundlich klang, wie Effi auffiel. „Niemand bekommt da draußen was mit, die Kameras sind aus, genauso wie eure Herdplatten“, lachte Andrew. „Ich bin mir sicher, du weißt was ich möchte, Jack. Also her mit der Antwort und wir verschwinden von hier. Andernfalls ziehen wir die Sache hier noch ein wenig in die Länge und schauen mal wie deine kleine neue Freundin mit einem Messer in der Schulter aussieht, was hältst du davon Jack?“, fragte Andrew nun lachend.

Effi? Wieso um Himmels Willen weiß er denn von Effi. Hatte er den Beginn der Show gesehen? Das hatte er nicht eingeplant, in dem Fall aber gut, dass sie sich unsichtbar gemacht hatte. „Stell die Frage, Andrew, ich habe keine Ahnung was du hier zu suchen hast, verdammt noch mal“, maulte Jack ihn an und stellte sich breitbeinig vor ihn. „Wo ist sie?“, stellte Andrew nun seinerseits die Frage und das nun wesentlich knurriger als noch vor ein paar Minuten. „Von wem redest du? Ich bin hier um zu kochen und auf diese Show freue ich mich schon seit Monaten, also verpiss dich endlich damit wir hier weitermachen können!“, Jacks Wut nahm zu. „Sag mir wo deine Tochter steckt und ich gehe. Sie ist meine Frau und du musst sie nicht vor mir verstecken. Ich bin ihr Mann und bald der Vater unseres ungeborenen Kindes. Also raus damit: WO versteckt sie sich?“, polterte Andrew Jack entgegen. Von ihrem Schränkchen aus, konnte Effi sehen wie Jack blass wurde. Offensichtlich hatte er keine Ahnung von seiner baldigen Opa-Werdung. Leider hatte Effi ihr Handy in der Umkleidekabine gelassen die im Aufenthaltsraum für alle Teilnehmer eingerichtet war. Somit konnte sie keine Verstärkung holen und nur hoffen, dass alle Beteiligten eine gute Einigung fanden. Schien so, als ob die Tochter nicht mehr viel Lust auf ihren schrägen Ehemann hatte. Irgendwie konnte Effi das Mädchen verstehen. Sie musste eine von den beiden Töchtern sein, die Jack am Beginn des Abends erwähnt hatte.

Sie ist schwanger?“ fand dieser nun seine Stimme wieder. „Du blöder Idiot hast sie geschwängert? Melanie ist gerade mal 20 Jahre alt. Warum habt ihr nicht verhütet? Meine Güte, die Welt wird doch langsam echt bekloppt, ihr jungen Kerle wisst wie man das Internet lahm legt, aber wie man einen Gummi benutzt, davon habt ihr keine Ahnung?!?“, schrie Jack seine Wut heraus. Effi zuckte unweigerlich zusammen. Was das betraf hatte ihr Sohn sich immer vorbildlich verhalten. Noch gab es keine Kinder von ihm. Zumindest keine die sie kannte oder die sich bemerkbar gemacht hätten. Sie musste leise kichern. So langsam begann ihr die Geschichte hier zu gefallen. Es war schön mal die Seite eines Vaters kennen zu lernen, der alleine mit seinen Kindern klarkommen musste. So wie sie damals mit Turbo. Gespannt hörte sie weiter zu…

Äh ja, also“, wand sich Andrew und begann zu stottern. „Das war natürlich nicht geplant und natürlich haben wir verhütet, aber Meli brauchte irgendwann mal ein Antibiotikum und dann kam wohl eins zum andern… und die Pille hat wohl nicht mehr zuverlässig gewirkt, zumindest hat die Frauenärztin es uns so erklärt.“, rechtfertigte er sich. Jack atmete ein Mal tief durch bevor er auf Andrew zuging und ihn an der Schulter packte. „Dann geh jetzt und such sie, denn bei mir ist sie nicht gewesen. Ich wusste bis gerade eben auch nicht, dass ich im Begriff bin Opa zu werden. Und wenn du sie gefunden hast, gib mir Bescheid. Los jetzt raus aus diesem Studio bevor die Bullen kommen und euch mitnehmen. Mann das hättet ihr auch leichter haben können als hier einen Überfall zu starten“, maulte Jack ohne Unterbrechung und mit Wut in seiner Stimme. Andrew zog mit gesenktem Kopf ab und murmelte was von `doofe Idee Bird` vor sich hin. Er zog Birdie mit sich. Dieser war immer noch am jammern und hielt sich den linken Arm. Vermutlich mussten die beiden Kindsköpfe noch in einem Krankenhaus vorbei schauen bevor sie sich auf die Suche nach dem Mädchen machten. Effi war es gleich. Sie lugte langsam aus ihrem Gefängnis und sah in zwei leuchtend blaue Augen. „Komm raus, Effi. Sie sind weg.“ Jack streckte ihr seine Hand entgegen und lächelte sie an. Behutsam half er ihr aus dem engen Schrank. „Danke Jack. Auch dafür, dass du mich so geschützt hast“, lächelte Effi zurück. „Immer wieder gern!“ kam es von ihm und er drückte sie beherzt an sich. Zögerlich umarmte Effi ihn ebenfalls. Wie lange hatte sie schon keinen Mann mehr so eng an sich gespürt? Sie spürte wie ihr die Röte in die Wangen stieg und wartete gespannt was er nach dieser Umarmung machen würde. „Effi… ähm also, du hast ja gehört, dass es mein Schwiegersohn war, der die Show hier so rüde unterbrochen hat. Ich würde dich gerne zum Essen einladen als Wiedergutmachung, denn du hattest ja sicher Angst, genau wie vermutlich alle hier“, entschuldigend schaute er sie an. Dabei hatte er ja keine Schuld an der Situation. „Die beiden sind sehr jung und führen eine etwas explosive Beziehung. Leider konnte ich meiner Tochter diesen Kerl nicht aus dem Kopf reden und dass jetzt noch ein Kind kommt macht die Sache sicher nicht entspannter. Vermutlich ist sie zu ihrer besten Freundin geflüchtet als sie von der Schwangerschaft erfahren hat. Ich hoffe sie macht keinen Blödsinn bis Andi sie findet“, erklärte Jack ihr. „Also wenn du noch Lust auf ein näheres Kennen lernen hast, nach der Sache hier. Könnte ja sein, dass meine Familie dich nun nachhaltig abgeschreckt hat“, lächelte er ihr zu. „Du hast meine noch nicht kennen gelernt“, lache Effi und machte sich tatsächlich Gedanken wie diese erste Zusammenkunft wohl aussehen könnte. „Aber ja, ich würde sehr gerne mit dir essen gehen, Jack.“ „Das freut mich sehr!“ sagte er und gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange. Er drückte noch kurz ihre Hand und ergriff dann das Wort an die immer noch recht verstört aussehende restliche Kochmannschaft. „Weiter mit der Show, Leute! Schlimmer kann es nicht mehr werden. Wir sollten schauen, dass wir noch ein paar gute Gerichte hinbekommen“, zwinkerte er den Leuten zu und in diesem Moment begannen auch die Kameras wieder zu blinken. Ebenso wurde das Licht wieder ganz angestellt. Andrew hatte nur einen leichten Lichtzug zugelassen, wohl damit ihn nicht gleich alle komplett auf dem Schirm hatten und später eine Täterbeschreibung abgeben konnten. Clever schien er ja zu sein. Naja, dachte Effi als sie sich wieder an ihre Töpfe begab, er hat sich ja nur Sorgen um seine Frau gemacht. Das konnte sie ihm also gut verzeihen. Sie lächelte und machte sich weiter an ihrem Gericht zu schaffen.

Doch sie hatte die Rechnung ohne ihre Familie gemacht. Keine Stunde später ging das Licht wieder aus… und ein lautes Gebrüll erfüllte den Raum… „MUM“, schrie ihr Sohn Turbo. Sie blickte sich um und sah, dass ihre Kochkollegen sich wieder auf den Boden legten. Ein wenig resignierter als vorher und auch weniger ängstlich, aber ein Automatismus hatte sich wohl schon eingeschlichen. Nun blickte sie zu Jack und sagte lachend: „Die Meute gehört dann wohl zu mir! Darf ich dir vorstellen: meine Familie!“

ENDE