Episode 4 – Geschichten aus dem Alltag einer Zustellerin

Auf manche Dinge könnte man gerne verzichten!

Männer und Frauen in Unterwäsche oder noch schlimmer: ganz nackt! Tatsächlich, das gibt es. Und zwar gar nicht so selten wie man glauben möchte. Eigentlich finde ich es nicht schlimm, wenn mir jemand im Bademantel die Tür aufmacht. Klafft dieser allerdings auf und gibt den Blick auf das männliche Geschlecht völlig ungeniert frei, bin ich schon etwas irritiert. Gut, ich versuche dann eben, meinen Blick fest auf das Gesicht meines Gegenübers zu richten. Ist ja nicht so, dass ich noch nie einen nackten Mann gesehen hätte … Solange sein Ding unten bleibt und sich nicht plötzlich aufrichtet, ist mir das herzlich egal.

Feinripp
Ich habe einen Einschreibbrief, den ich nur eigenhändig übergeben darf. Die Mutter des Empfängers öffnet, ich bin freundlich wie immer und grüße sie: „Guten Morgen, Frau Worm, ich bräuchte Ihren Sohn persönlich, ist er da?“
Ja, natürlich, aber können Sie den Brief nicht gleich mir geben?“Leider nicht. Einschreiben eigenhändig, das darf ich nicht. Ihr Sohn muss selbst dafür unterschreiben.“ Sie nickt und geht, um ihren Sohn zu holen. Anscheinend hat er noch geschlafen, denn es dauert eine Weile, bis er mit verwuschelten Haaren in Unterwäsche erscheint. Ich kann nichts dafür, aber mir sticht sofort der gelbe Fleck vorne auf seiner weißen Feinrippunterhose ins Auge. Ich versuche professionell das Schaudern, welches mich überkommt, zu verbergen. Stefan Worm unterschreibt und bekommt den Brief ausgehändigt, dann verabschiedet er sich und dreht sich um und kehrt in die Wohnung zurück. Ich schnappe nach Luft. Von hinten bietet die Feinrippunterhose einen noch viel ekeligeren Anblick. Sie ist braun! Das ist wirklich, wirklich ein Moment, in dem es mir die Sprache verschlägt und ich nur noch mache dass ich weg komme. Noch heute schüttelt es mich, wenn ich daran denke …

Wenn ihr nun denkt, das ist schon das Schlimmste, was ich bei meinen Zustelltouren erlebt habe, dann haltet euch fest. Es kommt noch schlimmer:

 

Der Exhibitionist
Das kleine landwirtschaftliche Anwesen der Familie Schmoll (wie immer: Name geändert) liegt am Ende des Ortes. Herr Schmoll ist bereits Rentner und seit meine Kolleginnen und ich regelmäßig diese Tour fahren, sieht man ihn des Öfteren im Hof stehen, sobald das gelbe Postauto angerollt kommt.

Eines Tages habe ich den Verdacht ihn beim „Freipinkeln“ erwischt zu haben, denn er dreht sich mit offenem Hosenlatz zu mir herum.
Naja, kann ja mal passieren, dass es so eilig war und er es nicht mehr ins Haus geschafft hat, denke ich.
Respektvoll ignorierte ich das und bemühte mich, ihn nicht offensichtlich anzustarren. Wahrscheinlich ist es ihm peinlich genug.

Allerdings musste ich feststellen, dass dieses eine Mal nicht die Ausnahme war, denn im Gegenteil, er begann erst dann damit, seine Hose zu öffnen, wenn ich im Anmarsch war. Ein Gespräch mit den Kolleginnen bestätigte den Verdacht, dass es sich hier um einen kranken Typen handelte, der sich anscheinend daran aufgeilt, wenn er sein Geschlechtsteil den Postbotinnen zeigen kann. Er tat es nicht nur bei mir, er stellte sich auch bei den Kolleginnen jedes Mal provokativ mit offener Hose direkt in den Weg …

Wer sich jetzt fragt, warum wir ihn nie darauf angesprochen haben, den will ich fragen: „Wart ihr schon einmal in einer solchen Situation?“
Ich selbst hätte niemals gedacht, dass man sich so schämt, obwohl man gar nichts Falsches gemacht hat. Auch wenn ich selten um Worte verlegen bin, in diesem Fall brachte ich einfach keinen Ton heraus. Hundert Mal malte ich mir aus, wie ich ihn auslache, oder ihm etwas Freches an den Kopf werfe … So nach dem Motto: „Pack dein jämmerliches Würstchen wieder ein!“
Und jedes Mal überkam mich ein ungutes Gefühl, wenn ich in den Hof der Familie Schmoll fahren musste. Jedes Mal, wenn er sein Ding vor mir wedelte, ekelte es mich und ich machte nur noch, dass ich wegkam.
Es blieb nicht aus, dass unser Teamleiter davon Wind bekam. Er riet uns, zur Polizei zu gehen, was wir auch taten. Eine Kollegin und ich gingen zusammen und erstatteten Anzeige. Eine andere Kollegin weigerte sich, obwohl auch sie „Opfer“ seiner exhibitionistischen Neigung war. Die dritte Kollegin schloss sich uns an. Die Polizisten waren richtig sauer, als wir von den Vorfällen erzählten und es dauerte nicht lange, da fuhr ein Polizeiauto im Hof der Schmolls vor.
Zwei Tage später, war der Chef der Niederlassung zufällig da, als es am ZSP klingelte. Herr Schmoll stand vor der Tür, hielt eine Schachtel Pralinen in der Hand und wollte die „Damen“ sprechen, die Anzeige erstattet hatten.
Die „Damen“ wollten aber nicht mit ihm sprechen und so kam es, dass unser Chef die Pralinen entgegennahm und sich mit dem sauberen Herren unterhielt. Herr Schmoll erzählte ihm, dass alles ein Missverständnis gewesen sei. Falls wir uns belästigt gefühlt haben, möchte er sich entschuldigen und uns bitten, die Anzeige zurückzuziehen. Für den Fall, dass wir uns weigerten, sollte unser Chef doch bitte dafür sorgen, dass wir vernünftig werden!

Auch wenn der Chef nicht mein Lieblingsmensch war, für seine Reaktion darauf muss ich ihm Respekt zollen. Er sagte Herrn Schmoll mehr als deutlich, was er von ihm hielt und erklärte ihm, dass er niemals auf seine Mitarbeiterin einreden würde, damit sie die Anzeige zurückziehen. Im Gegenteil. Er würde voll und ganz hinter uns stehen. Ich muss nicht erwähnen, dass wir weder die Schachtel Pralinen angenommen noch die Anzeige zurückgezogen haben, oder?

Herr Schmoll wurde verurteilt und musste ca. 3000 € Strafe zahlen. Seitdem sorgt seine Frau dafür, dass er nicht mehr im Hof steht, wenn das gelbe Postauto um die Ecke kommt.

 

 

 

ACHTUNG HUND!Bild von Mondfisch auf Pixabay

Bild: von Mondfisch auf Pixabay

Hunde mögen Postboten nicht! Das ist die gängige Meinung, der ich aber wiedersprechen möchte. Mit Hunden ist es wie mit Menschen. Es gibt freundliche, neugierige, laute, unfreundliche, aggressive und herzallerliebste Vierbeiner. Als Postbote ist man gut beraten, wenn man sich von Anfang an gut mit den Wächtern des Hauses stellt.

CARLO
Carlo war ein schwarzer Labrador, den ich kennengelernt habe, als er noch ein Welpe war. Ein kleines schwarzes Knäuel mit feuchter Nase. Wir haben uns geliebt, Carlo und ich. Jeden Tag kam er mir freudig mit dem Schwanz wedelnd entgegen um seine Streicheleinheiten abzuholen. Mit Einverständis der Besitzer bekam er auch immer ein Leckerli, sobald er die harten Stückchen kauen konnte.
Carlo hörte mich schon von weitem kommen und als er groß genug war, sprang er schon mal über den Zaun und lief mit entgegen, sobald er mein Fahrrad hörte. Das war natürlich nicht so prickelnd, weil er vor lauter Freude einfach über die Straße lief und auch auf kein Kommando mehr hörte, bis er vor mir stand und seinen Kopf an meinem Bein rieb.

Herrchen packte ihn eines Tages am Kragen, schleifte ihn zurück und verpasste ihm einen Tritt. Das tat mir wahrscheinlich sogar mehr weh, als Carlo, denn ich fühlte mich verantwortlich. Seit diesem Tag wurde es mir verboten, ihm Leckerlis zu geben und so leid es mir tat, ich hielt mich daran.

SANDY
Die kleine Sandy war eine Yorkshire-Terrier Hündin. Auch wenn ich lieber große Hunde mag, diese süße Maus hat es mir angetan. Sobald sie mich erblickte, legte sie sich auf die Straße, rollte sich auf den Rücken und erst, nachdem ich ihren Bauch gekraul hatte, stand sie wieder auf. Sie war so putzig und hüpfte dann wie ein kleines Häschen neben mir her. Wenn ich ihr ein Leckerli gab, trug sie es ins Haus und bewachte es, wie einen Schatz. Ihre Besitzerin erzählte mir immer, dass sie es tagsüer versteckte und Abends, wenn die Familie vor dem Fernserh saß, hervorholte und genüsslich verspeiste. Sogar in meiner Fahrradtasche ist sie schon mitgefahren. Es gab da auch mal ein Foto von ihr und mir, doch leider ist es verschollen. Ich hätte es euch zu gerne gezeigt. Die kleine Sandy ist nun schon lange über die Regenbogenbrücke gegangen und hat nicht nur bei ihrer Familie eine klaffende Lücke zurückgelassen …

DER HUNDEBISS
Okay, auch das will ich nicht verschweigen. Ja, ich hatte durchaus Hunde, die mir weniger freundlich gesonnen waren. Dem Staffordshire Terrier der Familie Macher habe ich eine schmerzhafte Bisswunde zu verdanken.

Frau Macher öffnete mir die Tür und hatte ihr Baby im Arm. Der Hund an ihrer Seite wollte die offene Haustür nutzen und sich aus dem Staub machen. Frau Macher griff nach dem Halsband, um ihn zurückzuhalten, und brach sich dabei einen ihrer auf Hochglanz polierten Fingernägel ab. Sie schrie auf, als wäre etwas wirklich Schlimmes passiert und der Hund biss mich in den Oberschenkel. Und zwar heftig. Frau Macher brauchte eine Weile, bis sie den schrecklichen Verlust ihres ach so wertvollen Fingernagels überwunden hatte und zog nach einer gefühlten Ewigkeit endlich ihren Hund von mir weg. Hundebisse brennen wie die Hölle, musste ich damals festellen. Eine zerrissene Hose und ein tiefdunkelblauer Fleck blieben mir als Erinnerung an diesen Hund. Mein Glück war, dass die Zähne nicht ins Fleisch gedrungen waren. Von diesem Tag an hatte ich immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich an diesem Haus vorbeifuhr. Ein paar Wochen später erfuhr ich, dass der Hund ein Nachbarkind und eine alte Dame ebenfalls angegriffen hatte und Familie Macher ihn daraufhin abgeben musste.Darüber war ich nun gar nicht traurig …

 

Kater Chester

Ich habe noch eine tierische Geschichte, welche nicht mit einem Hund sondern mit einem Stubentiger zu tun hat. Katzen sind ja bekanntlich eigenwillig, was vielleicht der Grund ist, dass manche Menschen sie nciht mögen. Katzen lassen sich nicht dressieren. Alles was sie tun, tun sie nur, weil sie es wollen. Katzen suchen sich auch ihre Besitzer selbst aus. Wenn ihnen etwas nicht passt, kann es schon vorkommen, dass sie einfach umziehen und sich neue Dosenöffner suchen …
Chester war ein Traumkater. Groß und stattlich, braun-schwarz getigert und unheimlich süß. Er wohnte in der Thomas-Mann-Straße, in einem Wohnblock. Seine Besitzerin war drogenabhängig, hatte ein kleines Kind, um welches sie sich nicht kümmerte und so kam es, dass Chester viel draußen war und um das Haus herumschlich. Immer wenn ich mit meinem Auto angefahren kam und begann die Post in die Briefkästen zu werfen, kam angelockt durch das Geklapper, der Kater um die Ecke und strich um meine Beine. Dabei erzählte er mir lautstark in Katzenmanier, was ihn bewegte. Ich durfte nicht gehen, bevor ich ihm nicht eine ausgiebe Portion Streicheleinheiten verpasst hatte und selbst dann, maunzte er mir noch herzergreifend nach.
Ein Gespräch mit der Nachbarin wühlte mich sehr auf. Chesters Besitzerin sollte in eine Entzugsklinik eingewiesen werden. die Nachbarin, Sabine, arbeitet beim Tierschutz und erzählte mir, dass sie Chester ins Tierheim bringen würde. Ob ich nicht jemanden wüsste, bei dem er einen guten Platz bekäme, fragte sie mich. Zu diesem Zeitpunkt gehörten zu unserer Familie außer unserem Jagdhund Nala auch drei Katzen, davon ein Kater. Für mich war es unmöglich, Chester aufzunehmen, denn niemals hätte Kater Smoky ihn geduldet, ganz zu schweigen von Nala. Nur „ihre Katzen“, die sie schon vom Welpenalter an kannte, akzeptierte sie. Jede fremde Katze wurde vom Hof gejagt. Ich war traurig darüber, dass der wunderschöne verschmuste Kater im Tierheim landen sollte und zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich ihn vor diesem Schicksal bewahren konnte. Zu Hause erzählte ich unseren Kindern davon. Meine beiden erwachsenen Stiefsöhne waren sich einig. Das können wir nicht zulassen. Da sie beide nicht mehr bei uns wohnten, war schnell klar: Sie würden Chester zu sich nehmen.
Ich kontaktierte Sabine und sie war sofort begeistert von der Idee. An einem Samstag, ich hatte den Katzentransportkorb dabei, fuhr ich nach der Zustellung noch einmal in die Thomas- Mann-Straße, um Chester mit nach Hause zu nehmen. Wie immer kam er freudig auf mich zu und ließ sich in den Transportkorb bugsieren. Natürlich maunzte er auf dem Fahrt ein wenig weil er nicht wusste, was nun mit ihm geschieht. Ich lieferte ihn bei unseren Söhnen ab und hoffte, sie würden ihn genauso lieb gewinnen wie ich. Chester hatte noch zwei schöne Jahre, in denen er verwöhnt und geliebt wurde, dann bekam er die schreckliche Katzenkrankheit FIP und musste erlöst werden. Es ist mir ein Trost, zu wissen, dass er zuletzt ein liebevolles Zuhause hatte und ich werde ihn wohl nie vergessen, diesen außergewöhnlich lieben, wunderschönen Kater.

Das Foto ist lediglich ein Beispielbild, weil es leider keine Fotos von ihm gibt. (Bild von Katrin D. auf Pixabay)

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