Weihnachtswahnsinn – aus dem Alltag einer Zustellerin

Alle Jahre wieder …

beginnt der Weihnachtswahnsinn für die Zusteller der Deutschen Post meistens schon im September, steigt im Oktober kräftig an und erreicht seinen Höhepunkt … meistens erst an Heilig Abend. Ja. Richtig. Die letzten Tage vor dem besinnlichen Fest sind noch einmal Stress pur. Die Zusteller verlassen sehr früh das Haus und kehren sehr spät zurück. In der Zeit dazwischen schleppen sie Weihnachtskarten- und Briefe, Werbung, Zeitschriften und natürlich Unmengen an Päckchen, Paketen und Warensendungen. Wenn sie Glück haben bei trockenem Wetter und freien Straßen, mit weniger Glück bei Kälte, Regen, Schnee und Eis.

Was sich viele Kolleginnen und Kollegen, die in der Stadt arbeiten,  gar nicht vorstellen können, ist bei uns auf dem Land doch sehr real. Die Schneeketten müssen mit, wenn man auf dem Land zustellt.

Es ist kalt, es hat geschneit wie verrückt. Auto vom Schnee befreien, Scheibe abkratzen und dann beten, dass der Diesel anspringt.

Puh, geschafft. Jetzt beladen. Die Pakete und Päckchen türmen sich, wollen eingescannt und mit Bedacht eingeladen werden. So viel wie möglich muss mit und was ich zuerst brauche sollte nicht ganz hinten liegen. Logisch, oder? So, das wäre auch erledigt und jetzt dick einpacken, denn es ist schweinekalt. Die dicken Winterstiefel, Schal, Mütze und Handschuhe (mit denen man nicht gut arbeiten kann, weil sie einen einfach behindern) und die Winterjacke, dann kann es losgehen. Die Hauptstraßen sind geräumt und gestreut, es geht gut voran. Aber leider habe ich heute wieder den Bezirk außerhalb der Stadt. Erfahrungsgemäß liegen hier immer ein paar Zentimeter mehr Schnee und die Wege zu den einzelnen Gehöften, die ich anfahren muß sind wegen dem vielen Schnee nur noch zu erahnen. Ich setze den Blinker und verlasse die Hauptstraße. Fahre mit einem mulmigen Gefühl den Hügel hinunter, der mich zu einem kleinen bewohnten Schlösschen führt. Es ist nur im Winter, wenn die Bäume kahl sind von der Straße aus zu erahnen. Räumdienst? Fehlanzeige! Das ist ein Privatweg, den die Stadt nicht anfährt um ihn zu räumen. Hier ist der ungeteerte Weg höchstens glatt gefahren, also schön langsam, damit ich ja nicht ins Rutschen komme. Unten angekommen, atme ich erst mal auf. Vor dem großen schmiedeeisernen Tor halte ich an und stehe fast bis zu den Knien im Schnee als ich aussteige. Schnell die Briefpost und die Pakte aus dem Auto zusammensuchen und dann ab durch das Tor, zum Schlösschen. Zum Glück macht gleich jemand auf, sodass ich mich schnell wieder auf den Rückweg machen kann.
Da beginnt dann aber das Problem. Runter ging, aber rauf? Keine Chance. Mitten im Berg lässt mich das Auto im Stich und ich fluche laut. Mist. Muss ich tatsächlich die Schneeketten aufziehen?
Ja! Ich muss!
Ich setze vorsichtig zurück um den Wagen auf einem geraden Stück anzuhalten. Dann geht es los. Zwar habe ich schon einmal bei trockenem Wetter geübt und weiß theoretisch, wie die blöden Dinger anzubringen sind, doch die klammen Finger und der viele Schnee machen es mir nicht leicht. All das kostet mich Zeit. Kostbare Zeit an Tagen wie diesen, wenn das Auto bis unters Dach vollgestopft ist und ich sogar noch mindestens einmal nachladen muss, um all die Pakete zuzustellen.
Aber ich schaffe es und komme – oh Wunder, auch den Berg hoch. Bevor ich auf die „richtige Straße“ fahre, müssen aber die Schneeketten wieder abmontiert und im Auto verstaut werden. Wieder braucht das Zeit, die ich eigentlich nicht habe …

Die Stunden verfliegen irgendwie und ich habe das Gefühl, mein Auto wird nicht leer. Mein Magen knurrt, die Finger sind klamm und die Laune auf dem Tiefpunkt. Viele denken vielleicht: wieso friert sie? Tja, ganz einfach, der Motor des Postautos wird nicht warm, weil ich ihn alle paar Meter abstellen muss und er so nie seine Betriebstemperatur erreicht. Früher, als ich noch auf dem Fahrrad unterwegs war, habe ich nicht so gefroren weil mir durch das Treten in die Pedale warm geworden ist.
Aber es gibt doch immer wieder Menschen, die einem wie rettende Engel erscheinen. Frau Moll erwartet mich schon und steht mit einer riesigen Blechdose in der Tür.
„Für sie!“, mit diesen Worten überreicht sie mir die Dose. Ich bedanke mich und linse neugierig hinein. Darin erblicke ich die schönsten Plätzchen, liebevoll verziert, jedes für sich ein wahres Kunstwerk und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich bedanke mich herzlich und sobald ich im Auto sitze, wandert das erste auch schon in meinem Mund. Mhmmm … fantastisch. Nougat, Karamell, kandierte Kirschen, helle und dunkle Schokolade … lauter Kalorienbomben, aber einfach mega lecker, und mein Blutzuckerspiegel ist auch wieder in Ordnung nachdem ich die halbe Dose aufgefuttert habe.

Es wird spät, die Uhr arbeitet gegen mich. In den Häusern gehen die Lichter an, die weihnachtliche Beleuchtung im Garten auch – nur ich stapfe noch unverdrossen durch den Schnee …

In den letzten Tagen vor Weihnachten werde ich immer wieder erwartet und Schokolade, Lebkuchen, Pralinen, Wein und Sekt wandern in mein Auto. Ein kleines Dankeschön meiner Kunden. Oft bekomme ich einen Umschlag mit einer schönen Karte darin, auf der rührende, persönliche Worte stehen. Manchmal steckt mir jemand einfach so einen Schein zu, manchmal bekomme ich auch etwas selbst gebasteltes. Ein wunderschöner großer Papierstern schmückt schon seit Jahren mein Haus in der Weihnachtszeit und Kerzen in hübschen Gläsern tauchen das Zimmer in warmes Licht. Egal was es ist, ich freue mich über jedes Geschenk und sei es noch so klein. Persönliche Worte auf einer Karte bedeuten mir sehr viel und lassen mich den ganzen Stress überstehen. Ein Kerzenhalter, selbst gestrickte Socken, sogar Zigaretten und ein Feuerzeug dazu, ein Glas Rumtopf, Duschgel, Pflegecreme, Weihnachtssterne oder selbst gebackener Stollen – all diese kleinen Dinge bedeuten mir viel. Sie sind eine Anerkennung für meine Arbeit, denn sie kommen von Herzen. Genau das war es, was ich an meinem Job geliebt habe: die Menschen! Es kommt nicht darauf an, wie viel man von jemandem bekommt, wichtig ist, dass sich jemand Gedanken gemacht hat und mir eine Freude machen wollte. Dass sich jemand an den Tisch gesetzt hat und mir ein paar persönliche Worte geschrieben hat. Ein warmer Händedruck und ein aufrichtiges „Dankeschön für die Arbeit, die Sie bei jedem Wetter das ganze Jahr über leisten“, tun so gut.

Ich gestehe, dass ich selbst oft online bestelle. Wenn man auf dem Land wohnt, ist das so praktisch – ich kann Preise vergleichen und habe einfach eine riesige Auswahl, ohne mich mit Parkplatzproblemen herumschlagen zu müssen. Aber ich weiß auch, wie anstrengend der Job eines Zustellers ist – und aus diesem Grund liegt bei uns kurz vor Weihnachten für den Zusteller ein Päckchen bereit. Ein kleines Dankeschön für seine Arbeit.
Vielleicht habt ihr ja auch jemanden, bei dem ihr euch bedanken möchtet. Bei Freunden, die immer für euch da sind, bei Nachbarn, die eure Blumen gießen, wenn ihr im Urlaub seid, ganz egal …
Und vielleicht schleppt euer Zusteller, oder eure Zustellerin auch das ganze Jahr über Pakete zu euch nach Hause, schlittert über glatte Straßen, kämpft sich durch den Schnee oder wird nass bis auf die Haut …
Weihnachten ist ein schöner Zeitpunkt DANKE zu sagen.

Ich wünsch euch allen noch eine schöne Adventszeit ❤

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Geschichten aus dem Alltag einer Zustellerin – Episode 3

Der kleine Verehrer

Familie Braun wohnt noch nicht sehr lange in der Karlstraße. Ich kenne sie noch nicht so gut, weiß aber, dass sie drei Kinder haben. Eines Tages habe ich das erste Paket für sie und klingle an der Haustür. Das Paket ist groß und schwer. Frau Braun, eine große, kräftige Frau öffnet mir und hinter ihr spitzt ein blonder zierlicher Junge hervor.

„Hallo“, grüße ich freundlich. „Ich hab da ein schweres Paket für Sie, würden Sie mir vielleicht helfen?“, frage ich.
„Na klar, das ist unser Pferdefutter. Wissen Sie, dieses spezielle Müsli gibt es nur online, sorry“, antwortet Frau Braun und kommt die drei Stufen hinunter, der kleine Junge hängt an ihren Beinen. „Hallo, wer bist du denn?“, frage ich und gehe ein wenig in die Knie, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein.
„Das ist Robin“, antwortet die Frau, der Junge blickt mich schüchtern an, dann lächelt er zaghaft. „Robin hat Sprachprobleme. Er war ein Frühchen und lange Zeit unser Sorgenkind“, sagt sie und streichelt ihm über den blonden Schopf.
„Hallo Robin“, sage ich und dann hole ich mit Frau Braun zusammen das große Paket aus dem Auto.
„Das stellen wir hier einfach ab. Mein Mann packt das später in sein Auto und nimmt es mit in den Stall.“
Wir kommen ein bischen ins Gespräch. Ich erzählt ihr, dass wir auch Pferde hatten. Als ich mich verabschiede, winkt Robin mir nach. Am nächsten Tag sehe ich Robin mit seiner Mutter auf der anderen Straßenseite laufen. Als er mich sieht, winkte er freudestrahlend und ich winke zurück.
Jedes Mal wenn ich bei Familie Braun klingeln muss, weil ich ein Paket habe, kommt Robin angesaust, überschlägt sich fast und reißt die Haustür auf. Je länger wir uns kennen, desto mutiger wird er. Er mal Bilder für mich, spricht mit mir( wobei ich oft Schwierigkeiten habe, ihn zu verstehen) und immer strahlt er mich an, als wäre ich das schönste Wesen in seiner Welt. Manchmal ist er so überschwänglich, das er meine Beine umklammert und mich gar nicht mehr loslassen will. Er ist rührend und seine Mutter amüsiert sich darüber. Irgendwann erzählt sie mir, dass Robin ihr voller Überzeugung mitgeteilt hat, dass er die Postbotin heiraten wird, weil sie seine Freundin ist. Zu Weihnachten bekomme ich eine Tüte Plätzchen – handverlesen von Robin natürlich und auch von ihm liebevoll verpackt. Sein neues Zimmer muss ich unbedingt besichtigen, sobald es fertig ist, eher lässt er meine Beine nicht los und an Ostern überreicht er mir stolz ein selbst gebackenes Osterlamm.
Inzwischen ist der kleine Robin ein Teenager und ich habe ihn schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, trotzdem denke ich oft an den kleinen liebevollen Kerl zurück, dessen erste große Liebe wohl ich war …

Das Urlaubsmitbringsel

Familie Hortmann aus der Marienstraße gehört auch zu den Menschen in meinem Bezirk, die ich in mein Herz geschlossen habe …
Frau Hortmann bestellt regelmäßig und so klingle ich mindestes zwei Mal in der Woche auch bei ihnen. Heute erzählt sie mir, dass sie übermorgen in den Urlaub fahren.

„Oh, wie schön, wo geht es denn hin?“, frage ich.
„Nach Indien, wir machen eine Rundreise“, sagt Frau Hortmann, während ich ihr Paket einscanne und ihr dann den Stift reiche, damit sie auf dem Display unterschreibt.
„Ach, da beneide ich Sie richtig. Können Sie mir nicht eine dieser mehrarmigen Göttinnen mitbringen?“, scherze ich und meine das als Anspielung auf meinen Job, bei dem ich oft mehr als zwei Hände brauchen könnte. Sie lacht und sagt augenzwinkernd: „Mal sehen, was sich machen lässt.“
Nach einem kleinen Plausch, verabschiede ich mich mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen einen supertollen Urlaub und kommen Sie heil wieder zurück“, und fahre weiter.

Drei Wochen später klingel ich erneut. Die Hortmanns sind aus dem Urlaub zurück und die Post, welche in dieser Zeit gelagert wurde, liegt in einer großen gelben Postkiste, welche ich aus dem Auto hole.

„Hallo Urlauber“, grüße ich, als Frau Hortmann mir öffnet. „Ich habe ihre Lagerpost hier. Es ist eine ganze Menge und passt nicht in den Briefkasten.“
Ich stellte den Behälter auf der Zaunsäule ab.
Frau Hortmann sieht gut erholt aus und erzählt mir von ihrer fantastischen Reise. „Indien ist wunderschön. Bunt, lebendig und anders. Allerdings gibt es auch viel Armut und das beschäftigt einen schon. Aber warten Sie doch mal einen Moment, ich habe Ihnen etwas mitgebracht“, sagt sie.

Überrascht bleibe ich vor dem Gartentor stehen und warte gespannt. Frau Hortmann kommt mit einen großen bunten Tuch zurück und reicht es mir. „Das mit der mehrarmigen Göttin wäre schwierig geworden, und so haben wir uns gedacht, sie freuen sich darüber auch. Es ist ein echter indischer Seidenschal. Den haben wir extra für Sie gekauft.“
Ich bin sprachlos und schlucke erst einmal den Kloß hinunter, der mir im Hals steckt.

Nachdem ich mich überschwänglich bedankt habe, verstaue ich das Tuch
in
meinem Postauto und fahre los. Dann kullern mir die Tränen über die Wangen. Ich bin so gerührt, dass ich erst mal ein paar Minuten brauche, um den nächsten Kunden anzusteuern. Da fährt eine Familie in den Urlaub nach Indien und denkt an mich, die kleine Postbotin. Wahnsinn! Ich freue mich wie irre und nachdem ich mich ein bisschen gefangen habe, kann ich auch wieder weiterarbeiten. Den indischen Schal habe ich heute noch und immer wenn ich ihn sehe, denke ich an die Familie Hortmann. Das sind so Momente aus meinem Arbeitsleben, die mein Herz berührt haben. Was für eine schöne Geste, die ich nie vergessen werde.

 

Geschichten aus dem Alltag einer Zustellerin – Episode 2

Pleiten, Pech und Pannen

Oh ja, auch davon wird man nicht verschont …
Zu dem Ort, in dem ich Zustellerin war, gehört ein Ortsteil, der ein bisschen weiter draußen liegt. Dort ticken die Uhren anders und die Leute sind  irgendwie entspannter. Ich war gerne in Moosbach unterwegs, schon deshalb, weil man da so schön auf dem Gehweg fahren und vom Auto aus die Briefkästen bedienen konnte, (nicht alle, aber die meisten), und ja, ich gestehe, das ist eigentlich nicht erlaubt. Hier müsst ihr euch vorstellen, das ich gleichgültig mit den Schultern zucke, schließlich zählt jeder Meter, den man sich sparen kann.
Aber weiter im Text:
Ich fahre gerade vom Gehweg herunter, als ich ein lautes Pfffff höre. Irritiert lenke ich das Auto zur Seite, steige aus und sehe … Mist! Ich hab nen Platten gefahren!
Was nun?
Ich versuche mich zu erinnern, wo der Ersatzreifen ist und spüre leichte Panik aufkommen. Das Auto ist noch voll mit Paketen und ich müsste eigentlich Vollgas geben, um noch vor Einbruch der Dunkelheit fertig zu werden …

Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich gehöre zu den Frauen, die durchaus anpacken können. Einen Nagel in die Wand schlagen und einen Akkuschrauber zu bedienen, ist kein Problem, aber ich habe noch nie einen Reifen gewechselt – Schande über mein Haupt. Diesbezüglich gehöre ich zu den glücklichen Frauen, deren Männer das einfach übernehmen. Dafür mache ich ja bei uns zu Hause die Wäsche und so …
Gut, hilft alles nix, jetzt ist kein Mann da und ich atmen tief durch, rolle die Ärmel hoch und beschließe, nicht wie ein hilfloses Frauchen dazustehen und auf den Ritter in edler Rüstung zu warten.
Doch Rettung naht trotzdem. Ein junger Mann aus der Elsternallee kommt angedüst, latscht auf die Bremse, springt heraus und sagt: „Oh je, ein Platten. Ich helfe Ihnen!“
Bevor ich auch nur etwas sagen kann, kniet er schon hinter dem Auto, hebelt den Ersatzreifen herunter und fragt nach dem Wagenheber.
Ruck Zuck, in weniger als fünf Minuten ist der Ersatzreifen aufgezogen und ich erleichtert.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich mich überschwänglich bedankt habe und dem jungen Mann am nächsten Tag eine Packung Merci in den Briefkasten eingelegt habe, oder?

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Die nächste Panne lässt nicht lange auf sich warten:

Wieder mal ein stressiger Tag, viel zu viel Zeug im Postauto und irgendwie geht gar nix voran. Ich bin in Gedanken schon bei meinem nächsten Paket und lege den Rückwärtsgang ein. Ein paar Meter muss ich zurückfahren, dann einschlagen, den ersten Gang einlegen und weiter geht’s …

Ich fahre zurück, schlage das Lenkrad ein und … es klirrt plötzlich ohrenbetäubend und anhaltend.
Oh, Sch …! Mein Herz setzt kurz aus, um gleich danach wie wild in meiner Brust zu trommeln. Mir wird heiß, dann kalt, und schließlich steige ich mit wackeligen Knien aus, auch wenn ich lieber gar nicht hinsehen würde.

Ich habe das Glasgewächshaus von Frau Bichlmeier über den Haufen gefahren. Es ist zusammengebrochen in Milliarden winziger Scherben und nun steht nur noch das Gerüst.
Auf den Schreck muss ich mir erst mal eine Zigarette anzünden.
Wenig später schleiche ich mit hängendem Kopf in die Metzgerei Bichlmeier und beichte …

Mein schönes Gewächshaus“, ruft die Seniorchefin und fasst sich an den Kopf.
Ich bin zerknirscht und wünsche mir, der Boden würde sich auftun und mich verschlingen.
Die anschließende Tatortbegehung ist noch unangenehmer.
Überall Scherben auf meinen schönen Salatköpfen, den können wir nicht mehr essen!“, sagt sie vorwurfsvoll und ich heule fast vor Scham und Ärger über mich selbst.
Nun ja, natürlich musst ich eine Unfallmeldung schreiben und detaliert angeben, wie es dazu kam. Frau Bichlmeier bekommt ein nagelneues Gewächshaus von der Deutschen Post bezahlt und ist glücklich darüber, weil es viel schöner ist, als ihr Altes. Ich bekomme von meinem Arbeitgeber einen Brief: Sehr geehrte Frau …. sie haben der Deutschen Post einen Schaden von … Euro verursacht … bla bla bla

Bei der nächsten Sicherheitsbelehrung, für die mehrere Zustellstützpunkte zusammengekommen sind, wird natürlich anhand eines Beispiels erklärt, wie man es NICHT machen soll. Ratet mal, um was es ging?

Richtig: Um das Rückwärtsfahren und ein zerstörtes Gewächshaus. Ich kann euch berichten, dass die Blicke der Kolleginnen und Kollegen auf mir lagen und sich alle köstlich auf meine Kosten amüsiert haben.


Eine kleine Story aus der Rubrik: Pleiten, Pech und Pannen, habe ich noch für euch 😉

Vor einem großen Wohnblock stelle ich den VW Bus ab, lasse den Motor laufen und die Fahrertür offen – ich muss ja bloß schnell ein paar Briefe einwerfen.
Während ich also brav die Briefkästen füttere, ruft jemand aus dem Haus gegenüber: „Sie da! Ihr Auto rollt!“

Panisch sehe ich, wie das Auto mit der offenen Tür auf ein Verkehrsschild zurollt und renne los. Die Post, welche ich auf dem Arm habe, werfe ich in hohem Bogen und sportlich springe ich über ein Rosenbeet, um abzukürzen. Keine gute Idee! Mein sowieso schon lädiertes Knie knackt und ich stürze. Zum Glück bleibt das Auto stehen, bevor das Verkehrsschild die offene Tür abreißen kann. Fluchend und humpelnd suche ich all die Briefe wieder zusammen. Mit zusammengebissenen Zähnen versuche ich weiter meine Tour abzuarbeiten, doch ich muss einsehen, dass es nicht geht. Mein Knie macht nicht mehr mit. Ich breche ab, fahre zum ZSP zurück, melde einen Dienstunfall und gehe zum Arzt. Der Orthopäde bescheinigt mir eine Entzündung im Knie und Ansammlung von Gewebeflüssigkeit, die er punktiert. Ich bekomme eine schöne Kortisonspritze ins Kniegelenk und einen gelben Schein.

Auf meiner Unfallmeldung steht: Die Handbremse hat sich gelöst und ich musste über ein Rosenbeet springen, um das Auto aufzuhalten. Dabei habe ich mir dabei das Knie verdreht!

Geschichten aus dem Alltag einer Zustellerin

In fünfundzwanzig Jahren bei der Post, davon zehn als Verbundzustellerin, sammeln sich allerhand Erlebnisse an. Skurrile, nette, lustige und unglaubliche Geschichten gibt es zu erzählen. „Trari Trara, die Post ist da“, so wurde ich öfter begrüßt, oder „Hier kommt die Christel von der Post“.

Ich habe diesen Job so gerne gemacht, weil er nie langweilig war. Jeden Tag erlebte ich etwas Neues, lernte nette, anstrengende, aufdringliche, traurige, fröhliche und liebe Menschen kennen. Einige dieser Geschichten habe ich für euch aufgeschrieben. Die Straßennamen sind ebenso erfunden wie die Namen der Personen. Die Ereignisse allerdings haben sich genau so zugetragen.

So nach und nach werde ich diese kleine Geschichtensammlung vergrößern, denn ich habe noch viel mehr zu erzählen …


Im Wohnblock, in der Leopold-Mann-Straße 16 leben vierzehn Parteien.
Darunter viele junge Leute, die tagsüber natürlich arbeiten müssen, abends hingegen fleißig am PC bestellen. Es ist ja so praktisch, wenn die Post alles vor die Wohnungstür liefert.

Aber da haben wir schon das Dilemma. Wer arbeitet ist in den meisten Fällen nicht zu Hause, wenn die Postfrau klingelt.

Ein Glück dass Herr und Frau Weißwasser ebenfalls in der Leopold- Mann-Straße 16 wohnen. Das überaus nette, hilfsbereite Ehepaar ist meistens zu Hause und (fast) immer bereit, Pakete und Päckchen für alle Nachbarn anzunehmen. Die Weißwassers sind mir sofort ans Herz gewachsen und ich ihnen anscheinend auch.

Einmal klingeln genügt und schon rauscht es in der Sprechanlage. „Ja bitte?“
Die Post, ich hätte ein Paket für ihre Nachbarn.“
Alles klar, ich mache auf.“

Zu meiner Freude gibt es hier sogar einen Aufzug und der dritte Stock muss nicht mühsam mit Paket unter dem Arm zu Fuß erklommen werden.
In der Wohnungstür werde ich schon erwartet.

Heute einen schnellen Esspresso?“, werde ich von Frau Weißwasser gefragt.
Liebend gerne, und wenn ich vielleicht mal …?“
Aber klar, Sie wissen, wo die Toilette ist, ich mache in der Zwischenzeit den Espresso.“

Erleichtert erleichtere ich mich. Was für ein Glück, dass ich die Weißwassers habe. Man hat nun mal menschliche Bedürfnisse, die sich nicht ewig ignorieren lassen. Deshalb den Weg zum Zustellstützpunkt (Anmerkung: früher war es einfach das Postamt, heute heißt es Zustellstützpunkt, kurz: ZSP) anzusteuern kostet wertvolle Zeit und das Auto ist randvoll mit Briefen und Paketen, die alle zugestellt werden wollen.

Den Weg in die Küche der Weißwassers kenne ich natürlich inzwischen und werde dort mit einem dampfenden Esspresso und einem kleinen Stückchen Schokolade empfangen .

Möchten Sie noch ein Glas Wasser dazu?“, werde ich gefragt.
Ich lehne dankend ab. Sonst muss ich gleich wieder auf die Toilette.
Während ich das heiße Getränk schlürfe kommt Cosima, die niedliche Perserkatze. Miauend bleibt sie in der Tür stehen, dann erkennt sie mich und streift mir um die Beine. Natürlich muss ich mich bücken und ihr ein paar Streicheleinheiten zukommen lassen. Amadeus, ihr Freund, der Perserkater, ist zurückhaltender und blinzelt mich nur verschlafen an.

Wir wechseln ein paar nette Worte, die Weißwassers und ich, dann übergebe ich das Paket für die Nachbarn und verspreche, diesen einen Zettel einzuwerfen, auf dem steht, wo ihr Paket zugestellt wurde.
Tja, und dann muss ich weiter. Mit einem „Tschüss, bis morgen“, werde ich verabschiedet und auf dem Weg nach unten – diesmal nehme ich die Treppe – denke ich mir wieder einmal: Was für nette Menschen es doch gibt.


An der Danziger Allee 11 schleppe ich mich halb zu Tode. Das Auto muss ich an der Straße stehen lassen, der Weg zum Haus, so ca. zwanzig Meter ist nicht befahrbar.

Ächzend hieve ich das megaschwere Paket aus dem VW Bus, lege vier Büchersendungen und zwei Päckchen darauf und dann balanciere ich alles an die Haustür des Wohnblocks. Schnell eile ich zum Auto zurück, hole einen Stapel Briefe, Zeitungen, Kataloge und zwei verschiedene Werbeprospekte. Meinen Handscanner und die Benachrichtigungsscheine klemme ich mir irgendwie noch dazwischen und dann habe ich keine Hand mehr frei. Also schiebe ich mit dem Hintern die Tür zu und versuche mit dem Schlüssel, der an einem Band um meinen Hals hängt, das Auto abzusperren. Geschafft.

Die abgestellten Pakete immer im Blick eile ich zurück zur Haustür. Mein linker Arm wird schon lahm von dem riesen Bündel briefen, Zeitungen und Katalogen und so beeile ich mich, sie loszuwerden. Klappe um Klappe öffne ich mit der rechten Hand und lasse sie hineinflutschen. Vorausgesetzt es war nicht vor mir schon ein Prospektausträger da, der die Briefkästen bereits zugemüllt hat. Dann nämlich fluche ich mal mehr, mal weniger laut, reiße mir die Finger an den scharfen Kanten der Briefklappe auf und bin heilfroh, wenn ich alles irgendwie untergebracht habe.

Endlich kann ich mich den Paketen und Büchersendungen widmen. Frau Helga Grube hat wieder zugeschlagen. Sie kauft fast täglich Bücher bei eBay, Rebuy oder sonstwo. Außerdem hat sie auch zwei Säcke Katzenstreu bestellt à 15 kg, die zusammen in ein großes Paket gepackt sind, welches knapp über 30 kg wiegt.

Meine armen Knie – denn in diesem Wohnblock gibt es den Luxus eines Fahrstuhls nicht. Ich drücke die Klingel und bete fast, dass sie nicht da ist. Vierter Stock – wohlgemerkt – ohne Aufzug, mit 30 kg Paket, vier Büchersendungen und zwei Päckchen!

Ja?!“
Mist! Sie ist da …
Die Post. Ich hab jede Menge schwere Sachen für Sie, könnten Sie mir eventuell entgegenkommen?“, frage ich hoffnungsvoll.
Ich bin krank, ich kann nicht.“
Tief durchatmen.
Okay, es wird ein bisschen dauern, aber ich komme.“

Dreißig Kilo lassen sich ganz schön schleppen. Wenn man dann wie ich auch noch Probleme mit den Knien hat, ist man schon geneigt, das Internet und seine Annehmlichkeiten was Bestellung betrifft, zu verfluchen. Hilft aber alles nix. Da muss ich durch. Ich schleppe also das Paket mit der Katzenstreu hoch, renne die Treppen wieder hinunter und hole die Päckchen und Büchersendungen. Oben angekommen, brauche ich erst einmal ein paar Sekunden um zu verschnaufen. Frau Grube steht in Schlabberhosen und T-Shirt vor mir. Eigentlich ist sie ja ganz nett, wenn sie nur nicht immer so viel bestellen und im vierten Stock, in einem Haus ohne Aufzug wohnen würde …

Tut mir leid“, sagt sie. „Ich bin erst kürzlich aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich habe Brustkrebs, sie haben mir die linke Brust entfernt.“
Oh, das tut mir leid, Frau Grube“, stammle ich und fühle mich sofort schlecht, weil ich insgeheim geflucht habe.
Ach, nenn mich doch einfach Helga“, sagt sie und zieht ihr T-Shirt hoch. „Hier, da war mal meine Brust.“

Ich starre fassungslos auf die frische zartrosa Narbe auf ihrem Brustkorb, und schlucke.
Ich bin Susi“, entgegne ich, und scanne dann das Paket und die Päckchen ein, weil ich nicht weiß, wie ich sonst reagieren soll.
Währenddessen plappert Helga munter darauf los. Sie hat so gar keine Scheu, offen über ihren Krebs zu reden und außerdem erzählt sie mir, dass sie wieder Bücherschnäppchen gemacht hat, und einfach nicht widerstehen konnte. Ich gestehe ihr, dass ich auch gerne und viel lese, da drückt sie mir eine Tüte voll Bücher in die Hand. „Hier, Susi, die habe ich alle schon gelesen, wenn du magst, schenke ich sie dir.“
Okay“, sage ich überrascht. „Ich kann sie dir aber gerne wieder bringen, wenn ich sie gelesen habe.“
Nein, passt schon. Schenk sie weiter, oder behalte sie. Egal. Ich brauche sie nicht mehr.“

Ich beschließe, mir die Bücher anzusehen, was interessant klingt, zu lesen und den Rest an die örtliche Bücherei zu verschenken. Beinahe so voll bepackt, wie ich das Haus betreten habe, verlasse ich es wieder.