Weihnachtswahnsinn – aus dem Alltag einer Zustellerin

Alle Jahre wieder …

beginnt der Weihnachtswahnsinn für die Zusteller der Deutschen Post meistens schon im September, steigt im Oktober kräftig an und erreicht seinen Höhepunkt … meistens erst an Heilig Abend. Ja. Richtig. Die letzten Tage vor dem besinnlichen Fest sind noch einmal Stress pur. Die Zusteller verlassen sehr früh das Haus und kehren sehr spät zurück. In der Zeit dazwischen schleppen sie Weihnachtskarten- und Briefe, Werbung, Zeitschriften und natürlich Unmengen an Päckchen, Paketen und Warensendungen. Wenn sie Glück haben bei trockenem Wetter und freien Straßen, mit weniger Glück bei Kälte, Regen, Schnee und Eis.

Was sich viele Kolleginnen und Kollegen, die in der Stadt arbeiten,  gar nicht vorstellen können, ist bei uns auf dem Land doch sehr real. Die Schneeketten müssen mit, wenn man auf dem Land zustellt.

Es ist kalt, es hat geschneit wie verrückt. Auto vom Schnee befreien, Scheibe abkratzen und dann beten, dass der Diesel anspringt.

Puh, geschafft. Jetzt beladen. Die Pakete und Päckchen türmen sich, wollen eingescannt und mit Bedacht eingeladen werden. So viel wie möglich muss mit und was ich zuerst brauche sollte nicht ganz hinten liegen. Logisch, oder? So, das wäre auch erledigt und jetzt dick einpacken, denn es ist schweinekalt. Die dicken Winterstiefel, Schal, Mütze und Handschuhe (mit denen man nicht gut arbeiten kann, weil sie einen einfach behindern) und die Winterjacke, dann kann es losgehen. Die Hauptstraßen sind geräumt und gestreut, es geht gut voran. Aber leider habe ich heute wieder den Bezirk außerhalb der Stadt. Erfahrungsgemäß liegen hier immer ein paar Zentimeter mehr Schnee und die Wege zu den einzelnen Gehöften, die ich anfahren muß sind wegen dem vielen Schnee nur noch zu erahnen. Ich setze den Blinker und verlasse die Hauptstraße. Fahre mit einem mulmigen Gefühl den Hügel hinunter, der mich zu einem kleinen bewohnten Schlösschen führt. Es ist nur im Winter, wenn die Bäume kahl sind von der Straße aus zu erahnen. Räumdienst? Fehlanzeige! Das ist ein Privatweg, den die Stadt nicht anfährt um ihn zu räumen. Hier ist der ungeteerte Weg höchstens glatt gefahren, also schön langsam, damit ich ja nicht ins Rutschen komme. Unten angekommen, atme ich erst mal auf. Vor dem großen schmiedeeisernen Tor halte ich an und stehe fast bis zu den Knien im Schnee als ich aussteige. Schnell die Briefpost und die Pakte aus dem Auto zusammensuchen und dann ab durch das Tor, zum Schlösschen. Zum Glück macht gleich jemand auf, sodass ich mich schnell wieder auf den Rückweg machen kann.
Da beginnt dann aber das Problem. Runter ging, aber rauf? Keine Chance. Mitten im Berg lässt mich das Auto im Stich und ich fluche laut. Mist. Muss ich tatsächlich die Schneeketten aufziehen?
Ja! Ich muss!
Ich setze vorsichtig zurück um den Wagen auf einem geraden Stück anzuhalten. Dann geht es los. Zwar habe ich schon einmal bei trockenem Wetter geübt und weiß theoretisch, wie die blöden Dinger anzubringen sind, doch die klammen Finger und der viele Schnee machen es mir nicht leicht. All das kostet mich Zeit. Kostbare Zeit an Tagen wie diesen, wenn das Auto bis unters Dach vollgestopft ist und ich sogar noch mindestens einmal nachladen muss, um all die Pakete zuzustellen.
Aber ich schaffe es und komme – oh Wunder, auch den Berg hoch. Bevor ich auf die „richtige Straße“ fahre, müssen aber die Schneeketten wieder abmontiert und im Auto verstaut werden. Wieder braucht das Zeit, die ich eigentlich nicht habe …

Die Stunden verfliegen irgendwie und ich habe das Gefühl, mein Auto wird nicht leer. Mein Magen knurrt, die Finger sind klamm und die Laune auf dem Tiefpunkt. Viele denken vielleicht: wieso friert sie? Tja, ganz einfach, der Motor des Postautos wird nicht warm, weil ich ihn alle paar Meter abstellen muss und er so nie seine Betriebstemperatur erreicht. Früher, als ich noch auf dem Fahrrad unterwegs war, habe ich nicht so gefroren weil mir durch das Treten in die Pedale warm geworden ist.
Aber es gibt doch immer wieder Menschen, die einem wie rettende Engel erscheinen. Frau Moll erwartet mich schon und steht mit einer riesigen Blechdose in der Tür.
„Für sie!“, mit diesen Worten überreicht sie mir die Dose. Ich bedanke mich und linse neugierig hinein. Darin erblicke ich die schönsten Plätzchen, liebevoll verziert, jedes für sich ein wahres Kunstwerk und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich bedanke mich herzlich und sobald ich im Auto sitze, wandert das erste auch schon in meinem Mund. Mhmmm … fantastisch. Nougat, Karamell, kandierte Kirschen, helle und dunkle Schokolade … lauter Kalorienbomben, aber einfach mega lecker, und mein Blutzuckerspiegel ist auch wieder in Ordnung nachdem ich die halbe Dose aufgefuttert habe.

Es wird spät, die Uhr arbeitet gegen mich. In den Häusern gehen die Lichter an, die weihnachtliche Beleuchtung im Garten auch – nur ich stapfe noch unverdrossen durch den Schnee …

In den letzten Tagen vor Weihnachten werde ich immer wieder erwartet und Schokolade, Lebkuchen, Pralinen, Wein und Sekt wandern in mein Auto. Ein kleines Dankeschön meiner Kunden. Oft bekomme ich einen Umschlag mit einer schönen Karte darin, auf der rührende, persönliche Worte stehen. Manchmal steckt mir jemand einfach so einen Schein zu, manchmal bekomme ich auch etwas selbst gebasteltes. Ein wunderschöner großer Papierstern schmückt schon seit Jahren mein Haus in der Weihnachtszeit und Kerzen in hübschen Gläsern tauchen das Zimmer in warmes Licht. Egal was es ist, ich freue mich über jedes Geschenk und sei es noch so klein. Persönliche Worte auf einer Karte bedeuten mir sehr viel und lassen mich den ganzen Stress überstehen. Ein Kerzenhalter, selbst gestrickte Socken, sogar Zigaretten und ein Feuerzeug dazu, ein Glas Rumtopf, Duschgel, Pflegecreme, Weihnachtssterne oder selbst gebackener Stollen – all diese kleinen Dinge bedeuten mir viel. Sie sind eine Anerkennung für meine Arbeit, denn sie kommen von Herzen. Genau das war es, was ich an meinem Job geliebt habe: die Menschen! Es kommt nicht darauf an, wie viel man von jemandem bekommt, wichtig ist, dass sich jemand Gedanken gemacht hat und mir eine Freude machen wollte. Dass sich jemand an den Tisch gesetzt hat und mir ein paar persönliche Worte geschrieben hat. Ein warmer Händedruck und ein aufrichtiges „Dankeschön für die Arbeit, die Sie bei jedem Wetter das ganze Jahr über leisten“, tun so gut.

Ich gestehe, dass ich selbst oft online bestelle. Wenn man auf dem Land wohnt, ist das so praktisch – ich kann Preise vergleichen und habe einfach eine riesige Auswahl, ohne mich mit Parkplatzproblemen herumschlagen zu müssen. Aber ich weiß auch, wie anstrengend der Job eines Zustellers ist – und aus diesem Grund liegt bei uns kurz vor Weihnachten für den Zusteller ein Päckchen bereit. Ein kleines Dankeschön für seine Arbeit.
Vielleicht habt ihr ja auch jemanden, bei dem ihr euch bedanken möchtet. Bei Freunden, die immer für euch da sind, bei Nachbarn, die eure Blumen gießen, wenn ihr im Urlaub seid, ganz egal …
Und vielleicht schleppt euer Zusteller, oder eure Zustellerin auch das ganze Jahr über Pakete zu euch nach Hause, schlittert über glatte Straßen, kämpft sich durch den Schnee oder wird nass bis auf die Haut …
Weihnachten ist ein schöner Zeitpunkt DANKE zu sagen.

Ich wünsch euch allen noch eine schöne Adventszeit ❤

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