Band 5 der Fire Devils MC- Serie …

… hat immer noch keinen Titel und ist auch noch nicht fertig. Ich weiß, das ihr, meine lieben Leser schon ungeduldig auf die Fortsetzung wartet, doch ich brauche einfach noch eine Weile. Um euch ein bisschen versöhnlich zu stimmen gibt es heute aber eine XXL-Leseprobe. ACHTUNG: der Text ist nicht überarbeitet und schon gar nicht fehlerfrei, also lest einfach darüber hinweg 😉 Ich würde mich über euer Feedback dazu freuen – entweder hier als Kommentar, oder auf meiner Facebookseite.

Washington, Mitchells Schrottplatz
»Er kommt«, sagte Tom und drehte sich zu seinem Vater um.
»Glaubst du, er kann uns helfen?«, fragte der alte Mann.
»Wenn nicht, dann weiß ich auch nicht weiter. J. J. ist mein Freund. Er hat mir immer aus der Klemme geholfen, schon als wir noch Kinder waren.«

Toms Vater fuhr mit seinem Rollstuhl ans Fenster und starrte hinaus. »Ich hoffe sehr, dass du recht hast. Diese Sache ist eine Nummer größer, als irgendein dummer Jungenstreich, den man in Ordnung bringen muss. Das ist dir klar, oder? Es geht um deine Schwester.«
»Daran musst du mich nicht erinnern, Dad«, erwiderte Tom verbittert. Die Angst um seine Schwester raubte ihm den Schlaf. Niemand wusste, wo sie war und ob sie noch lebte.
Wie, verdammt noch mal, hatte es so weit kommen können?

 

Kelly
Niemand aus meiner Familie hatte gewusst, dass ich mich auf die dunkle Seite geschlagen hatte. Zumindest hoffte ich das. Auch wenn Dad mich in letzter Zeit oft so seltsam angesehen hatte, er konnte nicht wissen, was aus seiner Tochter geworden war. Ich wünschte mir, dass er es nie erfahren würde. Es würde ihn umbringen …

Falsche Freunde würde es mein Dad nennen.
Schlechter Umgang.
Nur dass es in diesem Fall nicht um irgendwelche Drogen ging, die ich einnahm, oder vertickte, sondern es ging um Mord.
Ich hatte getötet.
Eiskalt und gnadenlos.
Harrison Kuback, der Mann, von dem ich geglaubt hatte, ihn zu lieben, hatte eine Mörderin aus mir gemacht. Oder vielleicht war ich ihm gegenüber ungerecht. Schließlich war ich es, die abgedrückt hatte? Ich hatte das Leben dieser Frau ausgelöscht, weil ich so blind und dumm gewesen war, mich mit diesem Mann einzulassen.
Harrison war aufgetaucht, als ich noch ein spießiges, normales Leben führte. Mitchells Schrotplatz, das Geschäft meines Vaters, hatten mein Bruder und ich übernommen, nachdem Dad einen Schlaganfall gehabt hatte, der ihn an den Rollstuhl fesselte.
Ich war sofort beeindruckt von Harrison. Er kam eines Tages mit einem Auto angefahren und sagte mir, dass es in die Schrotpresse sollte. Der Wagen war ziemlich neu und ich hatte mich gewundert. Harrisons Ausstrahlung war schwer zu beschreiben. Groß, breitschultrig und irgendwie gefährlich sah er aus. Er musterte mich mit einem anerkennenden Blick und zwinkerte mir zu. Beinahe sofort war es um mich geschehen.
»Lady, ich weiß, es mag Ihnen komisch vorkommen, dass dieser relativ neue Wagen verschrottet werden soll, aber mein Boss wünscht es so«, hatte er gesagt und dann mit den Schultern gezuckt. »Und was mein Boss möchte, das tue ich, ohne Fragen zu stellen. Kann ich mich darauf verlassen, dass dieses Auto nie wieder auf Washingtons Straßen unterwegs sein wird?«, fragte er und lächelte mich an. Die Grübchen auf seinen Wangen ließen mich dahin schmelzen. Also hatte ich genickt, ihm eine Bescheinigung ausgestellt und ihm gesagt, wo er den Wagen abstellen sollte.
Da es an diesem Tag drunter und drüber gegangen war, stand der silbergraue Lexus noch eine Weile herum.
Ich hatte vergessen, Tom Bescheid zu sagen, und so kam es, dass mein Bruder neugierig um das Auto herumschlich, als ich das Büro absperrte.
»He, Kelly, warum steht der Wagen hier hinten bei der Presse?«, hatte er gefragt und seine Augen glänzten, als er über den Kofferraumdeckel strich. »Der ließe sich noch gut verkaufen. Wer hat ihn gebracht?«
»Nein! Den kannst du nicht verkaufen, ich musste dem Kunden mein Wort geben«, erklärte ich und wusste, dass meinem Bruder das Herz blutete. Er hatte für fast alles Verwendung, und Autos, die noch nicht vollkommen auseinanderfielen, presste er nur schweren Herzens zu einem Klumpen zusammen.
»Na gut, aber es ist eine Schande«, seufzte er und schlug den Weg zum Haus ein.
Diesmal verstand ich seinen Widerwillen.
Eine Woche später erschien Harrison erneut. Diesmal brachte er einen dunkelblauen Honda. Sein umwerfendes Lächeln erstickte meine Fragen sofort im Keim und ich erwiderte es.
»Hallo hübsche Lady, anderes Auto, gleiche Prozedur«, sagte er, als er in der Tür zum Büro stand. »Allerdings wollte ich Sie heute fragen, ob ich Sie ausführen darf? Wie wäre es mit Essen gehen? Heute Abend?«
Ohne nachzudenken, sagte ich zu. Was war schon dabei? Ich war Single, und er war umwerfend charismatisch.
»Das ist wunderbar. Ich hole Sie ab. Sagen wir um acht?«, freute er sich, und ich begann mich auch darauf zu freuen. Erst als er weg war, dachte ich an meine Jugendliebe, J. J.. Wehmütig zog ich das kleine Bild von ihm aus meiner Handtasche und strich mit dem Finger über das lachende Gesicht. Er war Toms bester Freund gewesen und ich hatte ihn schon geliebt, als wir noch Kinder waren und den Schrottplatz zum Abenteuerspielplatz gemacht hatten. Als wir Teenager wurden und sich zwischen uns zarte Bande entwickelten, musste er wegziehen. Ich hatte mich tagelang verkrochen und wollte am liebsten sterben. Inzwischen war das fünf Jahre her, doch vergessen hatte ich ihn nie.
»Kelly, es wird Zeit, dass du dich auf einen anderen Mann einlässt. J. J. denkt schon lange nicht mehr an dich und schließlich willst du nicht als Jungfrau sterben«, hatte ich mir selbst zugeredet.

Erst als Harrison und ich schon viele Male miteinander ausgegangen waren und ich mich in ihn verliebt hatte, kam die ganze schreckliche Wahrheit ans Licht.
Regelmäßig lieferte er Autos zum Verschrotten bei uns an und immer waren es gepflegte Mittelklassewagen, für die man locker noch viel Geld bekommen hätte.
Eines Abends, kurz bevor Harrison mich abholen wollte, stand ich mit klopfendem Herzen vor dem schwarzen Pontiac, den er erst heute Morgen gebracht hatte. Auch wenn ich mir immer wieder einredete, dass es mich nichts anging, siegte meine Neugierde …
Ich öffnete die Beifahrertür und setzte mich hinein. Im Handschuhfach fand ich einen Lippenstift, einen silbernen Ohrring und ein paar leere Notizblöcke. Dann stieg ich aus, ging um den Wagen herum und öffnete den Kofferraumdeckel.

Clubhaus der Fire Devils, Dreamtown
Effi war erst zufrieden, als sie jeden Luftballon noch einmal persönlich überprüft hatte. Sie stemmte die Hände in die Hüften und sagte: »Mensch Jungs, macht doch nicht so ein Gesicht, als würdet ihr zu einer Beerdigung müssen. Gleich kommen ein paar hübsche Frauen mit süßen Babybäuchen und bringen Geschenke für unsere Enya mit.«
»Das ist es ja gerade, was mir Sorgen macht«, murmelte Navy Ragnar zu. Blood, der hinter der Theke stand, nickte zustimmend. »Ehrlich Mann, mir macht das auch mehr Angst als eine Steuerprüfung im Red Velvet.«
»Pah …, du hast gut reden. Immerhin hat deine Ol’ Lady bereits ein Kind. Unsere Mädels bekommen immer verdächtig feuchte Augen wenn sie Enya mit ihrem Monsterbauch sehen«, grummelte Ragnar.
»Ja und? Amy wünscht sich plötzlich ein Brüderchen«, erwiderte Blood und sah aus, als hätte er eine ausgewachsene Vogelspinne in seinem Getränk entdeckt.
Als die Tür des Clubhauses aufging und ein riesiger Luftballon in den Raum schwebte, verstummten auch die übrigen Gespräche. Das durchsichtige Teil mit dem Durchmesser eines Truckreifens war mit bunten Konfetti und einem Teddybären gefüllt.
Hinter dem Luftballon kam Fred Kosinski, sowohl Freund und Rechtsanwalt der Devils, als auch Enyas Anwaltspartner, zum Vorschein.
Er schien, im Gegensatz zu den Bikern kein Problem mit einer Babyparty zu haben. Freudestrahlend trat er ein und sah sich um.
»Wow, Effi, du hast dich wieder einmal selbst übertroffen«, lobte er. »Ich freue mich auf die Party. Ist unsere Hauptperson denn schon da?«

»Schleimer«, knurrte Ragnar. »Er tut, als wäre es das Normalste der Welt.«
»Du Charmeur!«, lachte Effi und hakte sich bei ihm ein. »Komm mit, wir binden den Luftballon da hinten fest. Enya und Iron sollten bald hier sein. Sie sind noch einmal kurz weg, um eine Freundin abzuholen. Wenn du vielleicht vorher etwas trinken möchtest, Blood und Frisco sind heute dafür zuständig.
Nach und nach kamen die Gäste und der Raum füllte sich.
Die Devils hielten sich auffälligerweise alle im vorderen Teil des Clubhauses auf und bemühten sich, das große Hallo zu ignorieren.
Auf dem extra bereitgestellten Tisch stapelten sich inzwischen die Geschenk und Dan,     J. J.s Dad hatte sich mit einem Bier schon mal ein Plätzchen gesucht, von wo aus er alles überblicken konnte. Turbo stupste seine Mum an. »Kümmere dich mal ein bisschen um ihn, er sieht so verloren aus.
Sofort ging Effi auf ihn zu und sprach ihn lächelnd an. Dan schien erfreut über ihre Aufmerksamkeit und bald waren die beiden in ein Gespräch vertieft.
Meg empfing die weiblichen Gäste. Hin und wieder blickte sie sich suchend nach Trouble um, und sobald sie ihn erblickte, schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln. Inzwischen hatte sie eine Ausbildung zur Erzieherin angefangen und aus dem verschreckten Mäuschen war eine selbstbewusste junge Frau geworden. Seit die Ghosts endgültig zerschlagen waren, hatte sie endlich mit dem Schrecken der Vergangenheit abschließen können.
Trouble und sie galten unter den Bikern als heiße Favoriten für das nächste Paar, und doch schienen die beiden Startschwierigkeiten zu haben. Es war für jeden offensichtlich, dass sie sich sehr mochten, anscheinend nur sie selbst konnten oder wollten es sich nicht eingestehen.
»Sag mal Meg«, sprach Frisco sie an, als sie an ihm vorbeiging. »Wie kommt es, dass so ein hübsches Mädchen wie du keinen Freund hat?«, fragte er und zwinkerte ihr zu.
»Wer sagt, dass ich niemanden habe?«, erwiderte sie frech.
Trouble, der das Ganze mit angehört hatte, erstarrte.
»Entspann dich, sie hat niemanden. Das weiß ich ganz sicher«, raunte ihm Turbo ins Ohr. »Vielleicht solltest du ihr endlich die Wahrheit sagen.«
»Misch dich nicht ein«, gab Trouble zurück und versuchte nicht zu zeigen, wie sehr ihn die Aussage erleichterte. Turbo musste es schließlich wissen. Meg war seine Cousine und lebte bei ihm und seiner Mum.
Kaum hatte er seine Gefühle wieder im Griff, ging die Tür auf und Henry kam herein. Der junge Cop kam in Jeans und T-Shirt, was bedeutete, dass er privat unterwegs war.
Jaz winkte ihrem Bruder fröhlich zu und Trouble bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Meg sich in dem Moment, als sie Henry gewahr wurde, aufrichtete. Sie strich sich durchs Haar und trat auf ihn zu.
Trouble konnte ein Knurren nicht unterdrücken.
»He, Bro, was ist los?«, fragte Frisco verwundert. Er hatte bemerkt, wie sein Kumpel sich versteift hatte, und folgte seinem Blick.
»Ah, sieht aus, als hätte unsere kleine Meg doch einen Verehrer«, stichelte er und erntete einen schmerzhaften Seitenhieb.
»Streu nicht noch Salz in seine Wunden«, warnte Turbo, der das Ganze ebenfalls mitverfolgte.
»Wisst ihr was? Fickt euch!«, schnauzte Trouble und schickte sich an durch die Hintertür zu verschwinden.

Inzwischen standen Henry und Meg zusammen und unterhielten sich angeregt.
»Mein Schwager und Meg würden ein hübsches Paar abgeben.«
Turbo drehte sich um und sah Ragnar ins Gesicht. »Lass das bloß nicht Trouble hören, der dreht gerade am Rad.«
»Wieso? Ich dachte, die beiden verbindet eine rein platonische Freundschaft«, erwiderte Ragnar und sah verwundert aus.
»Ist leider nicht so einfach.«
»Na jetzt bin ich aber neugierig. Wie kommst du darauf?«, wollte der Biker wissen.
»Lange Geschichte«, winkte Turbo ab. »Außerdem weiß ich etwas, dass ich nicht sagen darf. Ich habe dem Jungen mein Wort darauf gegeben. Verstehst du? Also am besten du fragst deine Ol’ Lady. So wie ich unsere Frauen kenne, wissen die alles!«
»Ach, was soll’s, ist ja eigentlich auch egal«, meinte Ragnar achselzuckend und steuerte auf Jaz zu.
Er zog sie an sich und stahl ihr einen Kuss. »Na, wirst du mich vermissen, wenn ich in D. C. bin?«, fragte er.
Jaz klopfte ihm auf die Brust und antwortete augenzwinkernd: »Natürlich! Ich hoffe nur, du bist brav, erledigst deinen Job und kommst schnell wieder.«
»Kommt darauf an«, erwiderte Ragnar. »Genau genommen weiß ich nicht einmal, was mein Job ist. Werden wir erfahren, wenn wir J. J. treffen. Die Andeutungen, die der Pres gemacht hat, waren ziemlich vage.«
Jaz deutete auf ihren Bruder. »Sieh mal, Meg und Henry, sehen die beiden nicht süß miteinander aus?«
»Lass das bloß nicht Trouble hören. Er scheint ein Problem damit zu haben«, raunte Ragnar ihr ins Ohr.
Überrascht sah Jaz auf. »Kann nicht sein. Er ist doch …«, hastig hielt sie sich die Hand vor den Mund. »Sorry. Vergiss, was ich gesagt hae. Bitte!« Mit großen Augen sah sie ihren Biker eindringlich an.
»Du hast nicht wirklich was gesagt, Jaz, also mach nicht so einen Hype darum. Wie wäre es zur Abwechslung, wenn du deine kryptischen Andeutungen lässt und mir …«
Bevor er ausreden konnte, hatte sich Jaz aus seiner Umarmung gewunden und lief Enya und Iron entgegen.
»Frauen«, murmelte er, schüttelte den Kopf und beschloss, das Thema später noch einmal zu vertiefen.
Effi klatschte in die Hände und rief: »Alle mal herhören. Soweit ich sehe, sind wir vollzählig. Die Party kann beginnen.«

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DIRTY DEAL Blood & Angel (Der Fire Devils MC 3)

1. Kapitel
»Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen.«
Arthur Schopenhauer

Red Velvet, Dreamtown
Blood

»Heilige Scheiße, Blood, muss das sein?«, brüllte Redneck angepisst, als ich die Tür zu einem der Zimmer aufriss und mitten in eine heiße Nummer platzte.
Ups, der Kerl steckte mit dem Kopf zwischen den Schenkeln einer rothaarigen Schönheit und sein Gesicht glänzte von ihrem Saft. »Ja, muss es«, antwortete ich ungerührt und blieb stehen, obwohl er versuchte, mich mit einer Handbewegung aus dem Zimmer zu scheuchen. »Es ist wichtig. Ich muss wissen, ob du Turbo gesehen hast! Und wenn ja, ob du weißt, wo er sich verdammt noch mal rumtreibt.«

Knurrend stand Redneck auf und drehte mir den Rücken zu. Während er in seine Hose schlüpfte, sagte er zu der Kleinen: »Ich komme darauf zurück, Süße. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«
Das Mädchen zuckte mit den Schultern und sprang auf. Völlig ungeniert verließ sie, nackt, wie sie war, das Zimmer.
»Tut mir leid, Bro, aber Iron ist beunruhigt. Weißt du etwas über Turbo?«, fragte ich und verkniff mir ein Grinsen. Redneck stand total auf Rothaarige, auf echte, wohlgemerkt und fand mein Hereinplatzen gar nicht lustig.
»Bin ich sein Kindermädchen?«, gab mein Freund angepisst zurück.
Okay, ich hatte ihm seinen Fick vermasselt, aber es half nichts. Irgendetwas an der Sache mit Turbo war merkwürdig. Dass Trouble ebenfalls unauffindbar war, machte die Sache nicht besser.

»Du hängst doch ab und zu mit ihm rum, hätte ja sein können, dass du etwas weißt. Hat er vielleicht ein Mädchen?«
»Turbo? Nicht dass ich wüsste. Seit Neuestem scheint er sich ziemlich intensiv um den neuen Prospect zu kümmern.«
»Gonzo oder Trouble?«, fragte ich. Das war mir neu. Prospects waren immer willkommen, um Aufgaben zu erledigen, die man selbst nicht gerne übernahm, aber dass Turbo sich mit einem Anwärter besonders abgab, war bisher noch nie geschehen.
»Trouble«, antwortete Redneck und zog sich seine Kutte über.
Interessant. Der Kleine schob mehr Wache als nötig bei Meghan, Turbos Cousine, vielleicht kam daher diese neue ›dicke Freundschaft‹.
Bisher hatte unser Turbo für nichts anderes Interesse als Bikes. Der Schrauber lebte für die Werkstatt, die der Club betrieb, und machte seine Sache auch hervorragend. Die Einnahmen waren bereits wenige Wochen nach der Eröffnung nicht zu verachten und außerdem sehr willkommen. Gerade jetzt, wo die Vietnamesen herumzickten, weil die verdammten Ghosts versuchten, unsere Lieferungen abzufangen. Erst letzte Woche war es ihnen gelungen, einen Truck, der bis obenhin mit Ware gefüllt war, abzufackeln.
Iron hatte den richtigen Riecher gehabt, als er vorschlug das Devils Wheels – Costumbikes zu eröffnen.
Wenn jetzt allerdings der wichtigste Mann in der Werkstatt verschwunden war, hatten wir schon wieder ein Problem. Ganz zu schweigen davon, dass er ein Bruder war, der möglicherweise in Gefahr schwebte.
Redneck und ich gingen nebeneinander die Treppe hinunter und ich murmelte vor mich hin: »Komisch, weder ihn noch den Kleinen kann man telefonisch erreichen. Ob das mit der Sache zu tun hat, über die wir abgestimmt haben?«
»Schon möglich. Turbo war ganz heiß darauf, diesen Kartell-Boss zu treffen. Dass er überstimmt wurde, hat ihn hart getroffen. Aber der Prospect? Ich weiß nicht …«, gab Redneck zurück.
»Immer noch sauer, weil ich dich von der rothaarigen Muschi weggeholt habe?«, fragte ich und klopfte meinem Kumpel versöhnlich auf die Schulter.
Er brummte irgendetwas Unverständliches und steuerte auf die Bar zu, die im Eingangsbereich unseres Nobelpuffs lag. Delia, die Chefin des Hauses, nickte uns zu und stellte unaufgefordert einen Whiskey für Red und eine Coke für mich auf den Tresen. Sie wusste, dass ich dem Alkohol abgeschworen hatte. Die hübsche Blondine kannte uns Jungs genau und auch jede unserer Vorlieben. Heute zog sie einen Schmollmund.
»Danke, Delia«, sagte ich und nahm einen Schluck. »Was ist los? Warum so angepisst?«, fragte ich höflichkeitshalber.
Sie legte ihren Mörderbusen auf den Tresen und beugte sich zu mir herüber. Das winzige Oberteil, das sie trug, bedeckte gerade mal ihre Nippel.
»Sag mal, was ist mit Navy los? Hat vor zwei Tagen fluchtartig das Zimmer verlassen, gerade als ich ihm so richtig schön den Schwanz lutschen wollte. Bisher hat er sich nie so eine Gelegenheit entgehen lassen, aber diesmal sah er aus, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her.«

»Schätzchen, ich fürchte, Navy ist für immer verloren.« Ich senkte die Stimme und sah sie feierlich an. »Er wird wohl nur noch einer Frau erlauben, seine Kronjuwelen zu kraulen. Runa … seiner Ol’ Lady«, ergänzte ich.
Ich hoffte, dass ich recht damit hatte und Navy mit Runa ins Reine kam. Sie war die erste Frau, der es gelungen war, sein versteinertes Herz zu berühren. Iron hatte ihn losgeschickt, damit er ihr endlich die ganze Wahrheit über den Einsatz erzählt, bei dem sein Waffenkamerad, ihr Bruder ums Leben kam. Der ehemalige SEAL war ein prima Kumpel, doch in letzter Zeit war er ziemlich neben der Spur gewesen. Nachdem er uns gegenüber damit herausgerückt hatte, was ihn all die Jahre so quälte, konnten auch alle verstehen, warum er letzte Woche so ausgetickt war.
Ich wünschte es dem Jungen von Herzen. Tatsache war, dass Frauen bessere Menschen aus uns Männern machten. Das beste Beispiel war unser Pres. Iron und Enya waren ein tolles Paar. Und es war nicht zu leugnen, dass sie ihn ein wenig gezähmt hatte.

Delia riss überrascht die Augen auf. »Wieder einer von euch Prachtexemplaren unter der Haube ‒ was für eine Verschwendung«, seufzte sie, nachdem sie sich wieder gefangen hatte.
»Ich bin noch frei«, zwinkerte ich ihr zu. »Allerdings nicht heute. Der Pres erwartet mich.«
Ich gab Red die Anweisung, dass er weiterhin versuchen sollte, Turbo oder Trouble zu erreichen, und schärfte ihm ein, seine restliche Dienstzeit im Empfangsbereich abzusitzen. Wenig später war ich unterwegs zu der Lagerhalle an der Interstate 4.

Angel
Ich hielt die Augen geschlossen und löste mich gedanklich von meinem Körper. Manchmal gelang es mir, das, was gerade mit mir geschah, völlig auszublenden.
Denn wenn ich überleben wollte, hatte ich keine andere Wahl. Der Versuch, an etwas Schönes zu denken, während fremde Männerhände meine Brüste kneteten, sodass mit Sicherheit blaue Flecke zurückblieben, hatte ich mir mühsam antrainiert. Das einzig Schöne in meinem Leben war meine süße, kleine Amy. Um ihr ein Leben in Armut zu ersparen, verkaufte ich meinen Körper. Es war gefährlich, dies in meiner eigenen Wohnung zu tun, während sie im Nebenzimmer schlief, doch ich hatte keine Wahl.
Amys Vater und ich hatten uns getrennt. Anfangs zahlte er noch Unterhalt für seine Tochter, bis die Zahlungen irgendwann ausblieben.
Viel später erfuhr ich, dass Ben einen tödlichen Autounfall gehabt hatte. Sein bester Freund hatte mir die Nachricht überbracht und hat betreten in meiner Wohnung gestanden, als ich weinend zusammenbrach.
Ich weinte nicht um meinen Ex. Ich vergoss die bitteren Tränen, weil mir bewusst wurde, dass ich nun ganz alleine dastand. Mein Job als Kassiererin wurde miserabel entlohnt, und wenn ich die Miete bezahlt hatte, blieb kaum etwas für uns beide übrig. Den Beitrag für die Kindertagesstätte, in der Amy während meiner Arbeitszeit untergebracht war, würde ich nicht mehr aufbringen können. Kurz: Das Geld ihres Erzeugers fehlte hinten und vorne! Unsere Wohnung war nicht viel größer als ein Rattenloch. Die Gegend war übel. Gewalt, Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung. Keine Nacht verging, ohne dass Polizeisirenen uns aus dem Schlaf rissen. Mir war klar, dass ich hier wegziehen und mein Leben umkrempeln musste.
Der erste Schritt war die Suche nach einer neuen Wohnung. Als alleinerziehende Mutter mit einem billigen Aushilfsjob hatte ich schlechte Chancen. Ich war so verzweifelt, dass ich etwas tat, was wohl der Einstieg in dieses Leben war. Ich prostituierte mich. Ein Job, den ich hasste, der aber unser Überleben sicherte.
Der Besitzer des Hauses in der Harlington Street machte keinen Hehl daraus, dass er bereit war, mir gegen gewisse Gefälligkeiten die Wohnung zu vermieten.
Es hatte mich einige schlaflose Nächte gekostet und schließlich ließ ich mich aus purer Verzweiflung darauf ein. Mit zusammengebissenen Zähnen, die Finger in die Bettlaken gekrallt, ertrug ich es, dass er sich grunzend auf mir austobte. Er schwitzte stark und stank schrecklich, aber zum Glück brauchte er nicht lange, um zu kommen.
Tagelang hatte ich mich schmutzig gefühlt, mich vor mir selbst geekelt und mir unter der Dusche die Haut wund geschrubbt.
Aber ich konnte mit meinem kleinen Mädchen in die neue Wohnung ziehen und sie aus diesem Drecksloch rausschaffen.

Mein Freier grunzte gerade laut, rieb sein Gesicht an meinen Brüsten und rammte mir immer wieder seinen Schwanz heftig zwischen die Schenkel. Als er kam, schlug er seine Zähne in meine rechte Brust. Es kümmerte ihn nicht im geringsten, dass ich laut aufschrie. Erst als seine pumpenden Hüftbewegungen nachließen, lockerte er seinen Biss und ließ von mir ab. Ich stieß ihn von mir herunter und spürte etwas Warmes, Feuchtes, als ich mit der Hand nach der schmerzenden Stelle tastete.
Meine Finger waren voll Blut.
Ich konnte ihn nicht rausschmeißen, er hatte noch nicht bezahlt, und wenn ich mich nicht vorsah, wäre die ganze Qual umsonst gewesen. Also machte ich gute Miene zum bösen Spiel und murmelte: »Entschuldige, ich muss mal …«
Der Kerl kam regelmäßig und ich war auf Stammkunden wie ihn angewiesen.
Im Bad tupfte ich mir vorsichtig mit einem Waschlappen das Blut ab und besah mir die Bisswunde. Dieses Arschloch hinterließ immer irgendwelche Male auf meinem Körper ‒ als wollte er mich kennzeichnen. Wie ich ihn hasste!
Der Biss schmerzte tierisch, hatte aber zum Glück aufgehört zu bluten. Hastig warf ich mir meinen seidenen Kimono über und verknotete ihn. Die Show war vorbei, er hatte bekommen, was er gebucht hatte und ich wollte ihn nicht auf irgendwelche weiteren Gedanken bringen, indem ich nackt aus dem Bad kam.
Gerade als ich die Tür öffnete, sah ich, wie er die Hand auf die Klinke zu Amys Kinderzimmertür legte.
Ich registrierte, dass er immer noch nackt und sein Geschlecht bereits wieder steif war.
Meine Kleine! Oh Gott, dieser Perverse war im Begriff das Kinderzimmer zu betreten …
»Du dreckiges Schwein. Verschwinde. Hau ab!«, kreischte ich und es war mir in dem Moment scheißegal, dass ich im Begriff war, einen guten Kunden zu verlieren. Mein Kind war tabu.

Der Gesichtsausdruck, mit dem er mich betrachtete, bescherte mir Gänsehaut am ganzen Körper. Seine Augen blickten gierig und ich erwartete fast, er würde zu sabbern beginnen.
»Stell dich nicht so an!«, antwortete er barsch. »Ich bin dein bester Kunde, und wenn deine Kleine mitmachen würde, wäre ich bereit, mehr zu bezahlen.«

»Nur über meine Leiche!«, rief ich und ging rückwärts zur Garderobe. In der obersten Schublade der Kommode lag eine Pistole. Ich war nicht so leichtsinnig, sie tagsüber dort aufzubewahren. Allerdings legte ich sie abends, wenn meine kleine Maus im Bett war, immer dort hinein, um mich schützen zu können, falls einer meiner Freier aufdringlich wurde.
Hektisch fummelte ich nach dem Knauf und zog die Lade auf. Der Typ drückte die Klinke hinunter und machte die Tür einen Spalt auf. Sein Atem ging heftig und ich tastete verzweifelt nach der Waffe, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
Das Magazin war voll. Ich entsicherte und zog den Schlitten zurück, um eine Patrone in das Patronenlager zu repetieren. Als ich den Pistolengriff mit beiden Händen fest umklammerte und auf ihn zielte, zitterte ich wie Espenlaub.
»Verschwinde! Sofort«, sagte ich mit so viel Autorität, wie ich aufbringen konnte.
Er drehte sich zu mir um, und als er die Waffe in meiner Hand sah, erstarrte er.
»He, was soll das?«, fragte er unsicher und ich konnte ihm förmlich ansehen, dass er abwog, ob ich tatsächlich auf ihn schießen würde oder nur bluffte.
»Ich schieße wirklich«, sagte ich mit fester Stimme und beantwortete damit seine unausgesprochene Frage. Ich hatte keine Angst um mich. Seit zwei Jahren machte ich diesen Job und hatte gelernt, dass die Männer, die mich aufsuchten, selten gefährlich waren. Sie wollten ihre Bedürfnisse befriedigen und bekamen bei mir, was sie brauchten. Einst war ich eine unbekümmerte junge Frau gewesen. Jetzt war ich eine Nutte, die ihrem Geschäft professionell nachging. Doch wenn meine Tochter in Gefahr war, würde ich nicht zögern.

Endlich hob er die Hände hoch und versuchte, beschwichtigend zu lächeln.
»Los, zieh dich an! Schnell! Und dann verschwindest du«, forderte ich.
Anscheinend hing er an seinem Leben, denn er holte hastig seine Klamotten aus dem Schlafzimmer und stieg eilig in seine Hose. Ich ließ ihn nicht aus den Augen und hielt die Pistole nach wie vor auf ihn gerichtet.
Zum Glück konnte er nicht wissen, dass ich eine miserable Schützin war. Als ich mir die Glock 26 gekauft hatte, war mir wichtig, dass sie in meine Handtasche passte, leicht zu handhaben war und vor allem günstig. Auf Anraten des Mannes im Waffenladen hatte ich mir die handtaschentaugliche 9 mm ›Baby Glock‹ zugelegt und war dann auf einem Schießstand gewesen und hatte einige Schüsse abgefeuert. Das Fazit war: Ich hatte nicht einen gezielten tödlichen Treffer auf die Zielscheibe, die die Umrisse eines Mannes zeigte, abgegeben. Mein Standnachbar kommentierte meine Schießübungen trocken: »Nun ja, wenigstens haben Sie ihn einmal am Knie und einmal in den Arm getroffen. Um jemanden in die Flucht zu schlagen, reicht das völlig aus.«

Endlich verließ er fluchtartig die Wohnung. Bevor er die Tür hinter sich zuzog, zischte er: »Leg dich nicht mit mir an. Wage es nicht. Du weißt hoffentlich noch, was ich für eine Macht habe!«
Ich vergewisserte mich, dass er tatsächlich die Treppe hinunterging, legte den Sicherheitsriegel vor und brach in Tränen aus. Dann lehnte ich mich gegen die Wand und rutschte langsam daran herunter. Schließlich saß ich auf dem Boden und hielt die Pistole immer noch fest umklammert. Er war kein Mann, dem man drohen konnte, im Gegenteil …

LONE RIDER Navy & Runa

Wohnwagenpark, Golden Sunset
Navy

Es war schon dunkel, als ich endlich den Wohnwagenpark erreichte. Auf diesem Gelände lebte ich seit gut einem Jahr. Die weitläufige Anlage mit dem malerisch klingenden Namen Golden Sunset war in Wahrheit ein heruntergewirtschafteter Platz an einem kleinen dreckigen See. Möglicherweise konnte man sogar den einen oder anderen goldenen Sonnenuntergang beobachten, wenn man abends auf dem Bootssteg saß. Ich hatte keine Ahnung, denn ich kam fast ausschließlich zum Schlafen her. Der alte Airstream, ein Trailer, der wie ein Relikt aus der Vergangenheit aussah, beherbergte mein gesamtes Hab und Gut. Ich hatte ihn von einem Händler günstig übernommen und mithilfe der Jungs des MCs ausgebaut. Meine Harley konnte ich direkt vor der Tür abstellen. Im dicken Bauch meines Heimes gab es ein Bett, eine Sitzecke und eine kleine Kochgelegenheit. Die Nasszelle hatte einen Warmwasseranschluss und mehr brauchte ich nicht.
Nachdem ich das rostige Tor, das niemals geschlossen war, passiert hatte, fuhr ich Schritttempo. Hier lebten viele Familien und im Dunklen musste man aufpassen, dass einem nicht eines der Kinder vor die Räder lief. Das Gelände war miserabel beleuchtet und immer wieder fielen einige der wenigen Laternen aus.
Auch wenn der Park etwas außerhalb von Dreamtown lag, war es hier nie wirklich still. Meine Nachbarschaft bestand überwiegend aus sozial Schwachen, Arbeitslosen und Alkoholikern, die sich sonst nirgends eine Wohnung leisten konnten. Einige Handwerker, die nur für eine Saison blieben, bildeten die Ausnahme.
Irgendwo plärrte ein Säugling, rechts von mir brüllte ein Mann und die beiden Hippies mit den bunten Blümchen an ihrem Anhänger, ließen wieder einmal alle an ihrem Liebesleben teilhaben. Das Gestöhnte und Geächze war nicht zu überhören und übertönte sogar das Motorgeräusch meines Bikes. Es war ein warmer Herbstabend und einige Nachbarn saßen noch draußen. Doch genauso gleichgültig, wie sie die Geräusche der Kopulierenden hinnahmen, waren sie auch mir gegenüber, wenn ich auf meiner Harley oft mitten in der Nacht ankam.
Niemand interessierte, wer ich war, was ich tat und wann ich ging oder nach Hause kam. Das war gut so.

Mit meinen Gedanken war ich noch im Clubhaus. In der heutigen Church waren ein paar geschäftliche Dinge angesprochen worden, aber das Thema, das uns alle fortwährend beschäftigte, war die Bedrohung durch den MC aus South Bay. Erstaunlicherweise hatten die Ghosts sich bisher sehr zurückgehalten. Die Beerdigung unseres Prospects war gerade einmal drei Monate her, aber die Drohung, die sie ausgesprochen hatten, war nicht vergessen.
Kaum zu glauben, was sich seitdem alles verändert hatte. Unser President, Jeremy Iron, von allen nur Iron genannt, war übervorsichtig und einer von uns musste stets seine Ol’ Lady begleiten. Ich grinste, als ich an die kleine irische Anwältin dachte. Sie hatte sich schnell an das Leben mit den Devils gewöhnt und war außerdem eine großartige Hilfe, wenn es um Rechtsfragen ging. Iron liebte sie von Herzen und wir alle gönnten es ihm. Aus dem Womanizer, dem Rockstar unter den Bikern, war ein treuer Mann geworden, der nur noch Augen für sein Mädchen hatte.
Ich stellte die Maschine ab und betrat mein Zuhause auf Rädern.
Die Pistole legte ich wie immer griffbereit auf das Tischchen der winzigen Sitzecke. Das Messer, das ich ständig an meinem Gürtel trug, blieb in der Scheide stecken. Ohne fühlte ich mich nackt.
Mit einem Stöhnen knallte ich mich auf das Bett, schaltete den Fernseher ein und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

Hitze empfing mich. Die Art von Hitze, die einen glauben ließ, die Welt war ein Backofen, und sobald man Luft holte, bahnte sich Feuer einen Weg in die Lungen. Das Marschgepäck auf meinem Rücken drohte mich in die Knie zu zwingen und meine Armmuskeln brannten. Ich trug das Scharfschützengewehr, meinen ständigen Begleiter, vor mir her. Unsere Einheit war am Limit angekommen. Wir mussten dringend Rast machen. Unweit hörten wir eine Detonation, dann Maschinengewehrsalven und zwischendrin immer wieder die Schreie verwundeter Männer. Es war dunkel. Eine mondlose Nacht, die nur von den Mündungsfeuern vor uns erhellt wurde.
Wir waren in der Hölle gelandet. In einem Krieg, der schon vielen unserer Kameraden das Leben gekostet hatte. Seit Monaten waren wir im Irak stationiert und jeder Einsatz war ein Tanz mit dem Tod. Als US Navy SEALs waren wir für solche Dinge ausgebildet worden. Extremsten Bedingungen ausgesetzt und doch zu funktionieren, das hatte man uns eingebläut. Wieder und wieder an unsere Grenzen getrieben, mussten wir lernen in großer Hitze, schneidender Kälte oder dünner Bergluft die richtigen Entscheidungen zu treffen und Befehle auszuführen. Es gab nichts, was wir nicht trainiert hatten, inklusive einer etwaigen Gefangennahme oder Folter durch den Feind.
Wir alle waren Präzisionsschützen und der Umgang mit unseren Scharfschützengewehren war für uns genauso normal, wie es für einen Banker war, Geld zu zählen. Wir schliefen mit ihnen im Arm ein und trugen sie ständig bei uns. Unsere Waffen waren keine Gegenstände, sie waren die Verlängerung unserer Arme.

Plötzlich befand ich mich auf dem Dach eines Hauses. Ich kniete auf dem Boden und hielt meinen sterbenden Kameraden in den Armen. »Luke. NEIN!«

Laute Musik katapultierte mich aus der Wüste des Iraks direkt in die Wirklichkeit zurück. Minutenlang lag ich mit aufgerissenen Augen und klopfendem Herzen auf meinem Bett und versuchte, klar im Kopf zu werden.
Ein Albtraum.
Wieder einmal schweißgebadet aufgewacht.
Fast jede Nacht kehrte ich im Traum an diesen schrecklichen Ort zurück. So sehr ich das Erlebte tagsüber auch verdrängte, ich konnte nicht davor fliehen. Sobald ich die Augen schloss, war ich mittendrin in der Hölle.
Im Krieg.
Gedankenverloren rieb ich über die Narbe an meinem Schädel. Die Verletzung hatte mir fast das Leben gekostet und eine hässliche Zickzacknarbe war zurückgeblieben. Da ich mein Haar sehr kurz geschoren trug, genauso wie während meiner aktiven Zeit bei den Navy SEALs, war sie für jedermann gut zu sehen. Vor allem für mich, wenn ich in den Spiegel sah. Ich hatte überlebt.
Stirnrunzelnd versuchte ich einzuschätzen, wie spät es war. Der Krach, der mich geweckt hatte, kam von der Assi-Familie, die mir gegenüber wohnte. Ihr Trailer war versifft und heruntergekommen. Der Typ verprügelte seine Frau regelmäßig und ebenso regelmäßig vögelte er sie auch lautstark. Es sollte ja Menschen geben, die so etwas brauchten. ›Pack schlägt sich, Pack verträgt sich‹, diesen Spruch hatte ich in meiner Kindheit oft gehört. Mein Vater sagte das immer und in diesem Fall hatte er wohl recht.

Endlich normalisierte sich mein Herzschlag und ich setzte mich auf. Um mich herum war es dunkel, nur das schwache Licht einer der Laternen, die die Wege des Wohnwagenparkes beleuchteten, drang zu mir herein.
Wo waren meine Zigaretten?
Ich brauchte dringen ein paar Züge.
Tief inhalierte ich das Nikotin, nachdem ich die zerknautschte Packung neben mir gefunden und mir einen Glimmstängel angesteckt hatte.
Endlich wurde der Krach von nebenan leiser, nur um kurz darauf, von lautem Gestöhne abgelöst zu werden.
Versöhnungssex musste was Tolles sein, dachte ich. Wahrscheinlich provozierte die Alte ihren Macker nur deshalb, damit er es ihr danach so richtig besorgte.

Leseprobe „Hot Wheels Iron & Enya“

South Bay, Clubhaus der Ghosts
Big Bob saß in seinem Lieblingssessel, zu seinen Füßen die süße Gina. Während er mit Sheriff Abraham Tanner telefonierte, versuchte die Kleine ihm einen zu blasen. Sie musste sich gehörig anstrengen, denn sein Alkoholpegel war schon ziemlich hoch, auch wenn es noch Vormittag war.
»Hah …«, er schlug sich auf die Schenkel und Gina zuckte nervös zurück. »Hab ich gesagt, dass du aufhören sollst?«, knurrte er. »Ach scheiß drauf, ich muss die Neuigkeiten meinen Jungs erzählen. Du bist fürs Erste entlassen!« Er stieß das Mädchen grob von sich, kämpfte sich aus dem Sessel, verstaute seinen halbsteifen Schwanz und knöpfte seine Hose zu.
»Jimbo!«, brüllte er.
Gleich darauf waren eilige Schritte zu hören.
Als der Gerufene eintrat, hatte Gina sich bereits verzogen und der bullige Puerto Ricaner mit den Pockennarben im Gesicht fragte: »Was ist los, Pres? Brennt es irgendwo?«
Big Bob lachte schallend. »Kann man so sagen, Bro. Unser Plan ist aufgegangen. Eben hatte ich ein Gespräch mit dem Sheriff. Purple wurde verhaftet. Und rate mal, was er in der Tasche hatte?« Er wartete gar nicht erst darauf, dass sein Sergeant at Arms antwortete, sondern beantwortete seine Frage gleich selbst. »Chrystal, Koks und Marihuana!«
»Ich wusste, dass es klappt. Der Kerl ist dumm wie Stroh«, triumphierte Jimbo. »Was soll jetzt mit der Kleinen geschehen? Lassen wir sie laufen?«
Er meinte das Mädchen, das im Keller des Clubhauses gefesselt auf einer Pritsche lag. Purples kleine Schwester Meghan. Wahrscheinlich war ihrer Mutter noch nicht einmal aufgefallen, dass sie gestern nicht nach Hause gekommen war. Die Alte war hochgradige Alkoholikerin und hatte ihren Verstand schon lange versoffen. Die Ghosts hatten Purple klargemacht, dass nur ein Verrat an seinem Club die Kleine retten konnte. Mit dem Versprechen, dass er, wenn er kooperierte, mit einer Bewährungsstrafe davonkam und nicht in den Knast musste. Der rotgesichtige Prospect der Fire Devils stand kurz vor seiner Aufnahme zum Fullmember. Dennoch blieb ihm keine Wahl. Er liebte seine Schwester und würde alles tun, damit ihr nichts geschah. Wenn er seinen Club um Hilfe bat, würde Meghan sterben. Das konnte er nicht riskieren.
Gezwungenermaßen hatte er sich auf den Deal eingelassen. Die Menge an Drogen, die ihm die Ghosts dafür zugesteckt hatten, würde ausreichen, um ihn für eine ganze Weile wegzusperren, aber das musste er ja nicht wissen. Big Bob hatte kein persönliches Interesse daran, eine Haftverschonung mit dem Sheriff für Purple auszuhandeln …
Der Pres schüttelte den Kopf. »Wir können sie nicht gehen lassen, sobald er erfährt, dass sie frei ist, widerruft er seine Aussage. Sie bleibt, wo sie ist. Vorerst.«
»Aber, Pres, für morgen ist doch die große Party geplant. Die Devils werden auch hier sein.«
Big Bob zuckte mit den Schultern. »Na und? Sorge einfach dafür, dass die Kleine unter Verschluss bleibt und lass uns morgen anständig mit den Jungs feiern, bevor sie in den Knast wandern … schließlich sind wir alte Freunde«, erwiderte er mit einem höhnischen Lachen.

Iron
Schon bevor ich die Tür zum Clubhaus aufstieß, empfing mich ohrenbetäubender Lärm.
Welcher beknackte Irre hatte die Musik dermaßen laut aufgedreht, dass garantiert in ein paar Minuten die Cops auftauchen würden?
Es war düster drinnen. Die heruntergelassenen Rollläden stellten mein Sehvermögen vor eine Herausforderung. Ich musste blinzeln und tastete suchend nach dem Lichtschalter. Wenig später hatte ich ihn gefunden und der Clubraum wurde hell erleuchtet. Zusätzlich zu dröhnendem Bass und aggressiven Gitarrenriffs irgendeiner Rockgruppe schlugen mir dicke Rauchschwaden entgegen. Ich wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht und durchquerte das Zimmer. Die Tür zur Church, unserem Versammlungsraum, war nur angelehnt. Ich stieß mit dem Fuß dagegen und sie schwang auf.
»Seid ihr komplett verrückt, oder was?«, versuchte ich gegen den Krach aus der Stereoanlage anzubrüllen.
Plötzlich wurde es hektisch.
Ich sah, wie Ragnar hastig seine Lederhose hochzog, und der Tussie, die mit gespreizten Beinen vor ihm auf dem Tisch lag, einen Klaps auf die Schenkel gab.
Aha, ein Schäferstündchen! Wieder Willen musste ich grinsen. Ragnar packte die Wasserstoffblondine am Arm.
»Los, verschwinde. Der Pres ist da!«
Die Kleine zog einen Schmollmund, zerrte aber hastig ihren Rock herunter und zupfte ihr T-Shirt über die aufgepumpten XXL-Titten. Dann schnappte sie sich ihre Tasche und drängte sich an mir vorbei.
Endlich fanden Ragnars Hände auch den Knopf, der die Lautstärke auf ein erträgliches Maß regelte und ich tippte auf den Lichtschalter, der nun auch die Church in grelles Licht tauchte. Geblendet kniff mein Kumpel die Augen zusammen.
»Wo hast du denn die aufgegabelt?«, fragte ich und ließ mich auf den nächsten Sessel fallen.
Statt einer Antwort hielt er mir eine Schachtel Zigaretten hin. Ein Friedensangebot, denn eigentlich waren Frauen in diesem Teil des Clubhauses nicht erlaubt.
Ich winkte ab und holte meine eigene Packung Mentholzigaretten aus der Lederjacke. Wenn schon Nikotin, dann mit Geschmack.
Während ich Kringel in die Luft blies, wartete ich immer noch auf eine Antwort. Auch wenn er mein bester Freund war und eines der Gründungsmitglieder des MCs. Regeln sind Regeln.
Ragnar druckste herum und rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Mein Blick nagelte ihn fest. Ich konnte mir gut vorstellen, wie unangenehm der Ständer in seiner engen Lederhose war, hatte aber nicht vor, ihn zu entlassen, damit er sich selbst Erleichterung verschaffen konnte.
Endlich machte er den Mund auf. »Sorry, Pres, ich hatte echt so nen Druck und die Kleine hat sich an mich gehängt wie eine Klette … ich konnte nicht anders.« Ragnar zuckte entschuldigend mit den Schultern und sah mich an.
Erwartete er Absolution?
Ich zögerte, dann nickte ich und zog an meiner Zigarette. Zwischen zwei Zügen erteilte ich sie ihm. »Okay, Schwamm drüber. Ich habe nichts gesehen.«
Sofort erhellte sich sein Gesichtsausdruck und er grinste mich dankbar an. »Kommt nicht wieder vor, Iron.«
Damit war das Thema erledigt.
Eigentlich hatte ich auch größere Sorgen, als ein vollwertiges Mitglied des MCs zu maßregeln. Ich schnippte die Kippe in den Aschenbecher, der beinahe überquoll, und kam zur Sache.
»Ragnar, ich bekam eben einen Anruf. Meine sichere Quelle hat mir verraten, dass einer unserer Prospects, Purple, festgenommen wurde.«
»Fuck!«, Ragnar sprang auf. »Was hat der Idiot angestellt?«
»Mit Marihuana und Koks gedealt. Mehr weiß ich noch nicht«, antwortete ich und fuhr mir durchs Haar. Bei Purple hatte ich von Anfang an ein schlechtes Gefühl. Der Kerl hatte seinen Namen aufgrund seiner ungesunden Gesichtsfarbe bekommen. Egal ob er besoffen oder nüchtern war, sein Gesicht war immer purpurrot. Wir hatten ihn im letzten Jahr als Prospect aufgenommen, weil sein Cousin, Turbo, sich für ihn verbürgt hatte.
Motorradclubs genossen eben einen schlechten Ruf. Egal ob man saubere Geschäfte machte, oder nicht. Trug man eine Kutte, steckten einen die Menschen sofort in die kriminelle Ecke. Der Bürgermeister der Stadt würde uns gerne ins Knie ficken und die Bullen machten sich einen Spaß daraus, unsere Bikes zu kontrollieren, wann immer sie einen von uns antrafen. Meistens war alles in Ordnung, es war reine Schikane und sollte uns wohl zeigen, dass sie uns im Auge hatten. Sheriff Abraham Tanner war mit mir zur Schule gegangen. Ein unscheinbarer Typ, der nie besonders auffiel und auch nicht zu meinen Freunden gehörte. Ich hatte keine Ahnung, warum er mich so hasste.
Die Festnahme eines, wenn auch noch nicht vollwertigen Members, war ein gefundenes Fressen für ihn. Mit Druck und leeren Versprechungen über Straffreiheit würde er versuchen, unseren Prospect kleinzukriegen. Bei jedem anderen Clubmitglied machte ich mir da keine Sorgen, bei Purple jedoch würde ich nicht wetten wollen. Der MC war wie eine große Familie, in die man erst aufgenommen wurde, wenn man sich ihrer würdig erwies. Loyalität und vor allem Verschwiegenheit waren Grundvoraussetzungen dafür, ein Colour tragen zu dürfen.
»Was schlägst du vor, Iron?«, fragte Ragnar und das Problem in seiner Hose schien vergessen.
»Turbo soll sich darum kümmern, schließlich gehört der Junge zu seiner Familie. Allerdings bin ich dagegen, dass wir unseren Anwalt einschalten. Ist ja keine Clubsache. Der Kerl muss selbst sehen, wie er aus der Sache rauskommt.«
Mein Freund nickte. »Sollte Purple allerdings eine daraus machen, müssen wir abstimmen«, warf er ein.
»Ich hoffe nicht, dass der Kleine so dumm ist und versucht, den MC da mit reinzuziehen«, antwortete ich. Sicher war ich mir allerdings nicht. Typen wie Purple hatten kein Rückgrat. Wahrscheinlich konnte er gar nichts dafür.
Seine Mutter war schon Alkoholikerin gewesen, als sie ihn geboren hatte. Und jeder wusste, dass sie seitdem keinen Tag nüchtern gewesen war. Voll bis oben hin mit billigem Fussel hatte sie Purple mehr schlecht als recht aufgezogen. Meist war er sich selbst überlassen. Sein Vater hatte sich schon vor Jahren vom Acker gemacht, weil er den Anblick der zugesoffenen Alten nicht mehr ertragen konnte. Traurige Familiengeschichte. Vielleicht auch einer der Gründe, warum wir ihn zur Probe im MC aufgenommen hatten. Sollte es jetzt allerdings Ärger geben, würde Turbo seinem Cousin auch nicht mehr helfen können.
Fred Kosinski, unser Anwalt hatte uns schon mehrmals aus der Patsche geholfen und würde es zur Not auch diesmal tun. Der Typ war gut, aber das wusste er auch und ließ sich seine Arbeit teuer bezahlen.
Ragnar starrte vor sich hin.
»He, Bruder, warten wir es erst mal ab. Vielleicht ist alles halb so schlimm«, versuchte ich ihn zu beruhigen, obwohl ich selbst nicht daran glaubte. Der Chief ließ keine Gelegenheit aus, uns ans Bein zu pinkeln. Am liebsten würde er das Clubhaus räumen lassen, doch daran würde er sich die Zähne ausbeißen. Ich hatte es einem Kunden abgekauft, der nach Frankreich auswandern wollte. Alles vollkommen legal. Ich musste grinsen. Es war von Vorteil, wenn man ein erfolgreicher Immobilienmakler war. Tagsüber, wenn ich meinem Brotjob nachging, kam niemand auf die Idee, dass ich President der Fire Devils war. Immer korrekt gekleidet und absolut seriös.
Sobald ich jedoch nach Hause kam, schleuderte ich die teueren italienischen Schuhe in die Ecke und zerrte mir die maßgeschneiderten Anzüge vom Leib. In Lederhosen oder einfachen Jeans, T-Shirt und Kutte fühlte ich mich sofort wie ein anderer Mensch. Genau genommen war ich es dann auch. Der Duft des Leders, das Röhren meiner Harley und der Wind in meinem Gesicht, das war meine Welt. Die andere – in der ich Geschäftskunden Honig ums Maul schmieren oder wohlhabende, vom Schönheitschirurgen aufgepimpte Frauen abwimmeln muss – war ein notwendiges Übel.
Ragnar war nicht nur meine rechte Hand im MC, sondern gehörte zu meinen besten Freunden. Ich liebte ihn wie einen Bruder, auch wenn er ziemlich chaotisch sein konnte. Sein Wikingertick nervte manchmal. Zugegeben; er könnte als einer durchgehen. Die Art, wie er sein Haar trug, erinnerte sehr an die Bilder, die man aus diversen Abenteuerfilmen kannte. Seiten glatt rasiert, Oberkopf lang und zu einem prächtigen Zopf gebunden. Dazu das Ziegenbärtchen und schon war die Maskerade des furchtlosen Nordmannes perfekt. Naja, eines musste man ihm lassen. Er war tatsächlich ein mutiger Kerl. Wenn es brenzlig wurde, wünschte man sich Ragnar an seiner Seite. Mit seinem Messer, ohne das er nie das Haus verließ, konnte er umgehen wie kein Zweiter und er scheute sich nicht, es einzusetzen.
Ich vertraute ihm vollkommen und wusste, dass es umgekehrt genauso war. Er, mein Sergeant at Arms, und Blood, mein Vize, waren die beiden Menschen, denen ich vollkommen gelassen mein Leben anvertrauen würde.
Als hätte ich ihn gerufen, erklang das unverkennbare Röhren einer Harley. Wenig später wurde die Tür zum Clubhaus aufgestoßen und ein Bulle von einem Mann füllte den Türrahmen aus.
»Schon gehört?«, fragt er, bevor er über die Türschwelle trat, und erntete ein synchrones Nicken. Sein Gesichtsausdruck ließ nicht darauf schließen, was er von der Sache hielt. Aber er wusste Bescheid.
Mit großen Schritten kam er an den Tisch und ließ sich aufs Sofa fallen. Das Teil ächzte unter seinem Gewicht und ich verkniff mir eine Bemerkung. Irgendwann würde es unter ihm zusammenkrachen. Es war nur eine Frage der Zeit, aber so sicher, wie das Amen in der Kirche.
Blood, der seinen Namen wegen seines erlernten Berufes als Metzger bekommen hatte, brachte an die zweihundertvierzig Pfund auf die Waage, ohne fett zu sein. Der ganze Kerl schien nur aus puren Muskeln zu bestehen. Tätowierungen zogen sich über seine beiden Arme, seine Brust und den gesamten Rücken bis hinauf zu seinem Stiernacken. Blood liebte japanische Tattoos. Ich war mir sicher, er würde erst aufhören, seinen Körper verzieren zu lassen, wenn der letzte Quadratzentimeter seines Körpers bunt war. Ehrlicherweise musste man sagen, dass Meister Hashito ihm richtige Kunstwerke unter die Haut gestochen hatte. Der alte Japaner war der Einzige, der das durfte. Nicht einmal unserem clubeigenen Tätowierer, Run, von den Nomads, erlaubte er Hand anzulegen.
Ich sah mir meine beiden besten Freunde und engsten Vertrauten an und bemerkte einmal wieder, wie unterschiedlich sie waren. Doch ohne sie wäre der MC nicht das, was er war, und ich wohl ziemlich am Arsch.
Als einziger Sohn eines gut betuchten amerikanischen Spießers und einer wunderschönen irischen Mutter hatte ich im Gegensatz zu meinen Kumpels eine behütete Kindheit gehabt. Auch wenn mein Vater ein Arschloch war, Mum war ein Engel gewesen und hatte die Familie zusammengehalten. Sie starb vor fünf Jahren an Krebs. In meinen Armen! Der Alte war nicht da. Gesellschaftliche Verpflichtungen …
Nach ihrem Tod gab es nur noch Zoff zwischen meinem Vater und mir.
Meine Rolle im Club war ihm immer ein Dorn im Auge. Zuerst nannte er es jugendliche Spinnerei, später beschimpfte er mich und meine Brüder als asozial und kriminell. Immer öfter betonte er, dass ich meine provokante Haltung unmöglich von ihm geerbt haben konnte. Mit anderen Worten: Er war sich gar nicht sicher, ob ich sein leiblicher Sohn war.
Mich machte es deshalb so wütend, weil er meiner Mutter damit unterstellte, dass sie ihn betrogen haben könnte. Allerdings deutete er diese Dinge erst nach ihrem Tod an und konnte sie damit nicht mehr verletzen.
Nach einem heftigen Streit packte ich meine Sachen und zog aus. Mein Alter ließ durchblicken, dass ich für ihn gestorben war, da der Club seinem Ansehen schaden würde.
Ich fühlte mich endlich frei, nachdem ich diesen heuchlerischen kleinkarierten Spießer aus meinem Leben gestrichen hatte, und war froh, dass Mum das nicht mehr erleben musste.

EVERSUN

1. Kapitel

Die Frau mit den rotblond gelockten Haaren taumelte. Erbarmungslos brannte die Sonne auf die Ebene und auf ihrem Körper bildeten sich dicke rote Brandblasen. Sie war auf der Suche nach Nex Dalton. Einzig dieser Gedanke hielt sie noch aufrecht. Vor ihrem inneren Auge entstand das Bild des jungen Mannes, der sie jeden Morgen mit einem Lächeln begrüßte. Es reichte bis zu seinen Augen und ließ sie strahlen. Auch wenn sie sich vorher nie hatte vorstellen können, eine Partnerschaft einzugehen. Seit einigen Wochen schreckte sie der Gedanke nicht mehr. Einen Antrag zu stellen, um mit Nex zusammenzuleben, schien ihr sehr verlockend. Vor ein paar Tagen war er plötzlich verschwunden.
Ohne Vorwarnung. Einfach so.
Ein unbestimmtes Gefühl, dass da etwas faul war, hatte sie hinausgetrieben. Er war der Grund, weshalb sie den Schutz der Kuppelstadt verlassen hatte. Schon länger hatte sie den Verdacht, dass es in Evercity nicht mit rechten Dingen zuging. Jetzt machte sie sich Vorwürfe, weil sie nicht einmal mit ihrer Schwester Skyla darüber gesprochen hatte. Ihr hätte sie vertrauen können.
Kajas Mund war trocken, das Schlucken fiel ihr schwer und sie hatte komplett die Orientierung verloren. Es war also doch wahr, was behauptet wurde. Außerhalb der Stadt gab es nichts. Kein Leben! Nur den Tod durch die erbarmungslose Sonne!
Ihre Sinne schwanden und der letzte Gedanke, den sie hatte war, sie würde sterben.
Jetzt! Hier!
Kaja brach ohnmächtig zusammen.
Die Gestalten, die sich ihr näherten, bemerkte sie nicht mehr. Ihr Körper war ausgetrocknet, rot und verbrannt.
Aida hielt mit ihren Begleiterinnen direkt auf sie zu. Die Frauen, die sich ungeschützt in der Sonne bewegen konnten, gehörten zum Volk der Solani. Die Solani bewohnten den Planeten schon seit Urzeiten, lange bevor die ersten Erdenmenschen den Weg hierher gefunden hatten. Die Sonne konnte ihrer Haut nichts anhaben. Eine besondere Pflanze, die Bestandteil ihrer Ernährung war, schützte sie vor Verbrennungen. Die Gruppe bestand aus fünf Frauen. Alle hochgewachsen und schlank. Ihre weißen Gewänder flatterten, als sie sich über Kaja beugten. Aida, die Anführerin, berührte die Fremde, um festzustellen, ob sie noch lebte. Sie fühlte einen schwachen Puls und richtete sich auf.
»Wir nehmen sie mit«, befahl sie ihren Begleiterinnen.
Eine der Frauen hob sie auf, als wöge sie nicht mehr als eine Feder, legte sich die Bewusstlose über die Schultern und gemeinsam traten die Frauen den Rückweg an.

***

Skyla trommelte mit den Fingern auf die Platte ihres Schreibtisches. Sie hoffte, ihr Plan würde aufgehen. Die Traumjägerin war eine der wenigen Frauen, die eine besondere Stellung im Regime Evercitys hatten.
Sie arbeitete im Auftrag des Präsidenten. Die Kunst, in die Träume der Bewohner einzudringen und diese, falls nötig, zu manipulieren, beherrschte die junge Frau bis ins Detail. Genau genommen war sie einzigartig. Etwas, das Präsident Frost zähneknirschend akzeptierte.
Sie checkte auch regelmäßig die Sunwalker. Man wollte sichergehen, dass sie lenkbar blieben, und die Gefühle, die sie besaßen, nicht außer Kontrolle gerieten.

Der gestrige Traumbesuch allerdings war privater Natur. Er war kein Auftrag, sondern ein Mittel zum Zweck. Sie brauchte einen dieser Sunwalker und hatte deshalb den Geeignetsten dafür ausgewählt. Kato war ihr aufgefallen, weil er intensiv träumte. Das war eigenartig, denn im Schlaf schalteten Sunwalker überwiegend in den Androidmodus. Keine Gefühle.
Keine Träume.
Regelmäßig suchte sie die Basis auf, in der die Männer sich zur Ruhe begaben. Die Kryokammern, in denen die Sunwalker nachts lagen, hielten eine konstante Temperatur von null Grad. Skyla war es gewohnt, die nackten Körper durch das Glas zu sehen. Es interessierte sie nicht, wie sie sich voneinander unterschieden, lediglich ihre Hirnaktivität war für sie von Interesse. Kato war anders. Als sie bemerkte, dass der Mann träumte, erschrak sie zuerst und zuckte zurück. Doch ihre Neugierde siegte und sie berührte erneut das Plasmafeld, durch das sie seine Gedanken in ihren Kopf übertragen konnte.
Sie sah Schmetterlinge, Vögel und Blumen. Eine kunterbunte Welt erstreckte sich vor ihrem inneren Auge. Ein Bach plätscherte dahin, ergoss sich in einem kleinen Becken und die Wasseroberfläche glitzerte in der Sonne. Was sie sah, war so phantastisch, dass ihr Puls vor Aufregung in die Höhe schnellte. Es war eine komplett andere Welt als die, die sie kannte.
Nachdem sie eine Weile die wundervollen Bilder betrachtet hatte, öffnete sie die Augen und die kalte Wirklichkeit hatte sie wieder. Der sterile Raum mit den Kryokammern bestand aus Stahl und Glas. Aber woher, verdammt nochmal, kamen die wunderbaren Träume, die dieser Sunwalker hatte?
Immer öfter verweilte sie länger bei ihm als bei den anderen und schließlich versuchte sie alles über Kato in Erfahrung zu bringen, was es an Informationen über ihn gab.
Jetzt saß sie in ihrem Büro und wartete darauf, dass der Psychoscanner anschlug, sobald der Mann zur täglichen Kontrolle antrat. Er war ihre einzige Chance. Sie brauchte ihn, damit er ihr half, ihre Schwester zu finden. Ihr Plan war nicht ungefährlich, doch Skyla war eine mutige und zu allem entschlossene Frau.
Trotzdem zuckte sie zusammen, als die Lämpchen der Konsole rot zu blinken begannen. Sie sprang auf, strich die Jacke ihres Kostüms glatt und setzte ein gelassenes Gesicht auf. Wenig später waren die Schritte der Robogarde zu hören. Es konnte losgehen.

***

Kato schreckte aus dem Schlaf hoch.
Verwirrt versuchte er sich zu erinnern, weshalb das Herz ihm bis zum Hals schlug. Was war es, das ihn so atemlos aufwachen ließ?
Benommen tasteten seine Finger nach dem Knopf, der den Deckel seiner Schlafkammer mit einem Zischen aufgleiten ließ. Wie alle Sunwalker hatte er einen schlanken sehnigen Körperbau und seine Kleidung bestand lediglich aus einem Lendentuch, das er jedoch zum Schlafen ablegte.
Es gab nicht sehr viele von ihnen. Zwanzig Sunwalker lebten am Rande von Evercity. Dort war ein eigenes Areal für sie errichtet worden und sie blieben unter sich. Obwohl sie für den Schutz der Bewohner sorgten, waren sie Sonderlinge, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte.
Der Mann stand auf und legte sich seinen Lendenschurz um. Während er sich auf den Weg ins Zentrum machte, band er sein langes blauschwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Je näher er kam, desto eintöniger schien die Atmosphäre. Die Gebäude, die er passierte, streckten sich in die Höhe und bestanden ausnahmslos aus Chrom, Stahl und Glas.
Angewidert beäugten die vorbeikommenden Passanten den Hybriden. Fast unmerklich wichen sie dem Mann aus. Doch Kato war daran gewöhnt, gemieden zu werden. Seit seiner Erschaffung im Labor kannte er es nicht anders. Die Sunwalker lebten einfach, zurückgezogen und isoliert. Natürlich fiel der hochgewachsene Mann auf. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Bewohnern Evercitys bewegten er und die anderen seiner Art sich fast nackt.
Der Lendenschurz verdeckte nur notdürftig sein Geschlecht. Seine Haut war stark gebräunt und sein Körperbau zwar schlank, dennoch muskulös. Kato ignorierte wie immer die Reaktion der Menschen, die ihm begegneten, und schritt ungerührt weiter.
In seinem Kopf schlich sich die Erinnerung an den Traum der letzten Nacht ein.
Vor Katos innerem Auge entstand das Bild der Frau, die ihn nervös werden ließ. Er kannte keine Frau, die so aussah, wie die Gestalt in seinen Träumen. Sunwalker lebten abstinent. Es war ihnen keinerlei Bindung an das weibliche Geschlecht erlaubt. Allerdings bestand diesbezüglich auch keine Gefahr. Die Frauen in Evercity interessierten sich nicht für die Sunwalker. Für die übrigen Bewohner waren sie keine Menschen, sondern eine Mutation, wenn auch durch Menschenhand gemacht.
Als Kato das Medical-Center erreichte, straffte er die Schultern. Der tägliche Check stand an.
Um in das Herzstück Evercitys zu kommen, musste er mehrere Schleusen passieren. Der erste Torbogen, unter den er sich stellte, war die Waffenschleuse. Er seufzte tief und ließ die Prozedur über sich ergehen. Was blieb ihm auch anderes übrig.
Das Lämpchen blinkte grün. Natürlich! Er war unbewaffnet. Danach kam die Psychoschleuse an die Reihe.
Bisher gab es nie Probleme, doch heute befürchtete er, dass der nächste Metallbogen, unter dem er stehen blieb, zum ersten Mal Alarm schlug.
Während der Scanner summend über seinen Schädel kreiste, um seine psychische Verfassung zu analysieren, war er versucht, die Luft anzuhalten. Doch es würde nichts nützen. Kein Gedanke blieb unentdeckt.
Alarm!!! Tatsächlich blinkte das Lämpchen rot und gab einen schrillen Ton von sich. Wie von Geisterhand schlossen sich Lichtfesseln, die sich aus dem Boden schlängelten, um seine Knöchel und alle Ausgänge riegelten sich hermetisch ab. Der anhaltende Ton warnte alle Anwesenden und war gleichzeitig der Befehl, sich nicht von der Stelle zu rühren.
Kato fluchte innerlich. Die Augen der Mitarbeiter waren auf ihn gerichtet, und selbst wenn sich niemand mehr bewegte bis die Robogarde kam, fühlte er sich bereits unwohl. Sekunden dehnten sich zu Minuten, und während er wie festgewachsen unter dem Psychobogen stand, verfluchte er seine Träume. Sie waren schuld daran, dass er nicht passieren konnte.
Schritte wurden laut. Die Garde war im Anmarsch. Im Gleichschritt trabten die Roboter mit Laserwaffen ausgerüstet auf ihn zu. Er schloss die Augen und ergab sich seinem Schicksal.
Die Robogarde genoss im Gegensatz zu den Sunwalkern den Respekt der Bevölkerung und ehrfürchtig machte die Menge ihr Platz.
Einer der Roboter deaktivierte die Lichtfesseln und schon wurde er auf den Boden geworfen.
»Der Psychoscanner zeigt verbotene Aktivitäten«, dröhnte die blecherne Stimme. »Was haben Sie dazu zu sagen?«
Kato bekam keine Gelegenheit zu antworten. Erneut wurde er brutal gepackt und hochgezogen. Zwei Roboter schleiften ihn mit sich, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, auf die Füße zu kommen.
Sie brachten Kato unverzüglich in eines der Anhörungszimmer auf Ebene 2. Dort wurde er an die Wand gedrückt, und erneut legten sich Lichtfesseln sowohl um seine Knöchel als auch um seine Handgelenke. Er konnte sich nicht bewegen und war der Gnade anderer ausgeliefert.
»Lasst mich mit ihm alleine«, erklang eine weibliche Stimme. Katos Kopf ruckte herum, und er erkannte die wohlgeformte Silhouette einer Frau, die mit dem Gesicht zur großen Fensterfront gewandt stand.
Die Garde trat den Rückzug an und die Frau drehte sich um.
Sein Herzschlag setzte einen Moment aus, als er in ihr die Gestalt wiedererkannte, die ihn in seinen Träumen heimsuchte. Wer, zum Teufel, war sie? Sie war ihm noch nie zuvor begegnet, weshalb waren ihm ihre Gesichtszüge dann so vertraut?
»Ich sehe, du erkennst mich!« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Als sie näher kam, konnte er ihren Duft wittern. Er hätte schwören können, dass ihm der Geruch, der von ihr ausging, bekannt war. Aber das war überhaupt nicht möglich.
Sie inspizierte ihn aufmerksam, und als sie schließlich wenige Zentimeter vor ihm stehen blieb, verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln. »Ich habe dich erwartet.« Sie hob ihre Hand und strich seinen nackten Oberkörper entlang bis zu seinem einzigen Kleidungsstück. Dort verweilten ihre Finger. Viel zu lange!
Kato hielt den Atem an. Er war es nicht gewohnt, von jemandem berührt zu werden. Und schon gar nicht von einer Frau. Die Spur, die ihre Hand zurückgelegt hatte, hinterließ ein Brennen auf seiner Haut. Bisher hatte er keinen Ton herausgebracht. Er war zu sehr damit beschäftigt, den Anblick der Frau und die wirren Gefühle, die sie in ihm auslöste, zu verdauen.
»Hast du deine Stimme verloren?«, fragte sie ihn spöttisch. Ihre Hand lag immer noch auf seinem Bauch und Kato hatte das Gefühl, seine Haut löste sich dort, wo sie ihn berührte, ab.
Endlich fand er seine Sprache wieder. »Wer sind Sie?«, krächzte er und wünschte sich, sie würde etwas Abstand zwischen sich und ihn bringen.
Als hätte sie seine Gedanken gelesen, drehte sie sich abrupt um und ging zu ihrem Computerpaneel.
»Ich bin die Frau aus deinen Träumen«, sagte sie schlicht.
»Aber warum?«, stammelte er verwirrt.
Theatralisch seufzend nahm sie auf ihrem Stuhl Platz und ließ sich endlich dazu herab, ihm zumindest den Ansatz einer Erklärung zu liefern.
»Ich kann in die Träume jeden Mannes und jeder Frau eindringen. Ich brauche dich, deshalb habe ich dich aufgesucht … in deinem Traum«, begann sie.
Der Sunwalker setzte zum Sprechen an, doch bevor er etwas darauf erwidern konnte, fuhr sie fort. »Der Platz in Evercity wird knapp, die Bevölkerung wächst und in wenigen Jahren gibt es für uns nicht mehr genug Raum. Wir müssen das sichere Gebiet erweitern. Nachdem ich meine Befürchtungen den Verantwortlichen mitgeteilt habe, wurde ich ausgelacht. Die Oberhäupter halten eine ganz andere Lösung für effektiver.« Sie hielt kurz inne und warf dann mit angewidertem Gesichtsausdruck das Wort »Auslese!« in den Raum.
Katos Augen weiteten sich. Wenn es das bedeutete, was er glaubte, war es höchst unmoralisch und verwerflich.
Die Frau aus seinen Träumen fuhr fort. »Noch ist es nur eine Idee in deren Köpfen, aber die ersten Einschränkungen wurden bereits per Gesetz beschlossen. Die beantragten Partnerschaften werden intensiver geprüft und nur noch selten genehmigt. Sie sah ihm eindringlich in die Augen. »Du fragst dich, was du damit zu tun hast, nicht wahr?«
Kato nickte. Was er gerade erfahren hatte, erschien ihm durchaus möglich. Doch warum tauchte diese Frau in seinen Träumen auf und brachte sein Gleichgewicht derart durcheinander, dass die Psychoschleuse Alarm schlug?

Seufzend stand die Ärztin auf und kam näher.
»Ich habe alle Sunwalker genau analysiert. Eure Daten durchforstet und mich lange mit euch beschäftigt. Dann fielst du mir auf. Du bist nicht nur außerordentlich schnell, sondern gehörst auch zu den erfolgreichsten Jägern.«
Wieder baute sie sich vor ihm auf, und er traute sich endlich, sie genauer zu betrachten. Ihr braunes schulterlanges Haar hatte einen leicht rötlichen Schimmer. Je nachdem, wie das Licht darauf fiel. Große strahlend goldbraune Augen hefteten sich an ihm fest und ihr voller sinnlicher Mund machte ihn urplötzlich nervös. Das leichte Ziehen, das er in seiner Lendengegend verspürte, ließ ihn unruhig werden. Bis zum heutigen Tage war ihm kein weibliches Wesen so nahe gekommen.
»Wie heißen Sie?«, fragte er neugierig.
Sie runzelte die Stirn, als überlegte sie, ob sie ihm antworten sollte.
»Skyla!«, kam es nach einer schweigsamen Minute.
Skyla, was für ein Name. Im Geiste wiederholte er ihn mehrmals und beschloss, dass er ihm gefiel.
»Ich bin Kato.«
Sie lachte auf. »Es gibt nichts, was ich nicht über dich weiß. Das schließt natürlich deinen Namen mit ein.«
Als sie sich wieder in Bewegung setzte, atmete er erleichtert auf. Ihre Nähe tat ihm nicht gut und stellte irgendetwas mit seinem Körper an, das er nicht deuten konnte. Auch wenn Teile von ihm aus Titan waren und sein Gehirn nur zur Hälfte menschlich – sie machte ihn unruhig, und das gefiel ihm ganz und gar nicht.
Trotzdem hatte sie ihm immer noch nicht gesagt, was sie von ihm wollte. Langsam wurde er es leid, wie ein Tier angekettet, vor ihr zu stehen. »Also, was wollen Sie von mir?«, drängte er.
»Ich will mit dir nach draußen.«
Kato glaubte, sich verhört zu haben. War sie verrückt? Jeder in Evercity wusste, dass Menschen die schützende Hülle nicht verlassen konnten. Nur die Sunwalker waren dafür ausgerüstet.
»Das wäre Selbstmord«, antwortete er und fragte sich, was zur Hölle sie überhaupt dort wollte.
Sie wirbelte herum und sah trotzig aus. »Ich weiß, dass es möglich ist! In den letzten Monaten habe ich einen Schutzanzug entwickelt, der es erlaubt, dass ich mich länger außerhalb aufhalten kann. Es ist eine verbesserte Version dessen, was unsere Vorfahren zur Verfügung hatten. Früher hielt so ein Anzug etwa fünf Stunden, bevor er durch ein spezielles Verfahren wieder aktiviert werden musste. Ich kann mindestens doppelt so lange bleiben! Du wirst mich führen. Ich habe dich ausgewählt, weil du der Beste bist.«
In Katos Kopf überschlugen sich die Gedanken. Niemand durfte hinaus. Selbst die Sunwalker mussten eine Schleuse passieren, bevor sie das Areal verließen. Wie wollte sie es anstellen, ihn unbemerkt zu begleiten? Er hielt es für eine verrückte Idee.
»Was wollen Sie draußen? Es gibt dort nichts für Sie – im Gegenteil. Es ist trist und öde, und außerdem noch gefährlich.«
Jetzt stemmte sie die Hände in die Hüften und fauchte ihn an. »Du musst schon mir überlassen zu entscheiden, ob ich mich der Gefahr aussetze. Alles, was du tun sollst, ist mich hinauszubringen. Entweder das, oder ich fälsche deine Werte und du wirst entsorgt.«
Das konnte doch nicht wahr sein! Drohte sie ihm etwa tatsächlich, vorsätzlich seine Laborwerte zu manipulieren? Kato wusste, was das bedeuten würde.
Alle Sunwalker mussten sich regelmäßigen Kontrollen unterziehen. Neben der Waffenschleuse und dem Psychoscanner wurde ihnen täglich Blut abgenommen. Stimmten die Werte nicht mit den Anforderungen überein, wurde man entsorgt. Was nichts anderes bedeutete, als dass man den Todesstoß bekam. Die Mikrochips in ihren Gehirnen wurden durch Einspritzen von aggressiven Nanobots zerstört und der menschliche Rest wurde der Verbrennungsanlage zugeführt. Niemanden in Evercity kümmerte es, was mit den Sunwalkern passierte. Doch die Sunwalker selbst erlebten immer wieder, wie Männer aus ihren Reihen nicht mehr auftauchten.
Kato biss die Zähne zusammen. Langsam hatte er die Nase gestrichen voll. Diese Frau war der Teufel in Person. Er zerrte an den Metallschellen, die ihn an die Wand fesselten. Vor Wut funkelten seine dunkelgrauen Augen gefährlich.
Skyla tat, als bemerkte sie es nicht. Während sie betont lässig auf ihrem Computerpaneel herumtippte.
»Morgen, wenn die Verdunkelung einsetzt, treffe ich dich an der Schleuse.«
Bevor Kato etwas einwenden konnte, drückte sie einen Knopf. »Der Sunwalker kann abgeholt werden.«
Die Schritte der Garde waren schon zu hören, als sie sich nahe zu ihm heranstellte und ihm leise eine Warnung zuzischte. »Du solltest nicht vergessen, wozu ich fähig bin.«
Wenige Sekunden später erschien die Robogarde und die Fesseln lösten sich. Einen Moment lang war er versucht, ihr noch etwas zu sagen. Doch dann beschloss er, den Mund zu halten. Irgendwie musste er erst einmal verdauen, was sie ihm gesagt hatte.
An einen der Gardisten gewandt, lächelte sie. »Es ist alles in Ordnung mit ihm. Allerdings sollte er heute nicht mehr patrouillieren.«
Kato warf noch einen wütenden Blick in ihre Richtung und ließ sich abführen.

Donnergrollen – Tyron

Juno setzte Ty vor dem Gebäude der Gärtnerei ab. Die Sicherheitsfirma, die sie aufsuchen wollte, lag im Zentrum der Stadt, während Tyrons Ziel noch in einem Vorort Moskaus lag. Später wollten sie sich wieder treffen.
Der Krieger betrat die Gärtnerei durch ein gewaltiges Gewächshaus, in dem ihm schwülwarme Luft entgegenschlug. Zwischen allerlei exotischen Pflanzen, die auf Tischen standen und in Blumenampeln an Querstangen herunterhingen, stand er eine Weile da und wartete. Außer Vogelgezwitscher, das aus großen Käfigen kam, war nichts zu hören. Eine bunte Vogelschar tummelte sich darin. Ty musste zugeben, dieses Glashaus verströmte eine ganz besondere Atmosphäre. Langsam schlängelte er sich einen schmalen Gang entlang und sah sich aufmerksam um.
Ein leises Knurren stoppte ihn. Vor einer Tür, die scheinbar nach draußen führte, lag auf einer alten Decke ein Hund, der ihn warnend ansah. Ganz langsam erhob er sich und fletschte bedrohlich die Zähne.
»He, Kumpel. Wer wird denn hier gleich so aggressiv sein?« Tyron sprach mit beruhigender Stimme auf das Tier ein und trat näher. Eine Hand ausgestreckt und ohne Hast ging er weiter auf das Tier zu.

»Das würde ich nicht tun!«, rief eine Stimme hinter ihm.
Er drehte sich um und sah eine junge Frau auf sich zukommen. Sie war in einen grünen Overall gekleidet, der ihr viel zu groß war. Er ließ nichts von ihrer Figur darunter erahnen. Ihre Hände starrten vor Dreck, und sogar in ihrem Gesicht hatte sie Erde verschmiert.
Er grinste schelmisch. Was er sah, gefiel ihm. Keine Schicki-Micki-Tussi, sondern eine Frau, der Dreck unter den Fingernägeln nichts auszumachen schien.
»Haben Sie Angst um mich, oder um Ihren Hund?«, fragte er spitzbübisch.
»Wohl eher um Sie«, gab sie trocken zur Antwort. »Shy mag Männer nicht besonders. Und da sie eine enorme Bisskraft hat, ist es wohl besser, Sie kommen ihr nicht zu nahe.«
»Shy? Ein ungewöhnlicher Name für einen Hund. Schüchtern sieht sie mir nicht aus«, sagte Tyron in leichtem Plauderton.
Die junge Frau schnaubte. »Ihr vollständiger Name ist Shyhama Inisha Toranga. Sie ist ein …«
»Tosa Inu«, fiel er ihr ins Wort. »Ein japanischer Kampfhund. Eine der seltensten Rassen der Welt.«

Jetzt wurden ihre Augen groß und sie zog ihre Nase kraus, was ihre Sommersprossen, die sie zuhauf im Gesicht hatte, lustig tanzen ließ. »Woher …?«
»Woher ich das weiß?«, beendete er ihre Frage.
Er amüsierte sich gerade köstlich, denn sie schien ziemlich überrascht zu sein über sein Wissen. Innerlich grinste er. Die hübsche Frau vor ihm hatte anscheinend Mühe, ihre Neugierde unter Kontrolle zu halten.
Schließlich nickte sie und wartete gespannt auf seine Antwort.
Die Hündin hatte sich inzwischen wieder auf ihrem Platz niedergelassen und folgt aufmerksam ihrer Unterhaltung.
Tyron konnte die junge Frau aufklären, doch zuerst wollte er wissen, mit wem er es zu tun hatte.
Freundlich hielt er ihr seine Hand hin. »Ich bin Tyron«, stellte er sich vor.
Zögernd griff sie danach und schien zu überlegen, ob sie ihm ihren Namen nennen sollte.
»Zoe«, kam es dann kurz und knapp.
Sie war so süß! Ihr rotblondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und fransige Ponysträhnen hingen ihr wirr in die Stirn. Hellgrüne strahlende Augen sahen ihn forschend an und tausende von Sommersprossen zierten ihr Gesicht. Aber nicht nur dort, bemerkte er belustigt. Auch an ihren Armen zeigten sich Unmengen der kleinen Punkte.
»Ich warte …!«, erinnerte sie ihn daran, dass er ihr noch eine Antwort schuldig war.
»Ein Freund von mir hatte einen Cane Corso. Einen italienischen Hund. Diese Rasse ist auch relativ selten. Leider kannte ich Caio nicht persönlich. Doch er muss ein Traumhund gewesen sein.« Ty zuckte mit den Schultern. »Ich habe mich einfach ein wenig informiert, weil es mich interessiert hat. Dabei bin ich auch auf die Tosa Inu gestoßen.«
Zoe sah ihn ein wenig skeptisch an. Sollte sie ihm das glauben? Andererseits, warum sollte er sie anlügen?
Sie beschloss vorsichtig zu bleiben, auch wenn ihr der Typ gefiel. Sein Lächeln war ansteckend. Seine Haut hatte die Farbe von Milchkaffee und das Haar war wirklich freakig. Viele bunte Zöpfchen rahmten sein attraktives Gesicht ein.
»Caio? War das der Name des Hundes?«, fragte sie, um die Stille zu unterbrechen.
Tyron nickte. »Wahrscheinlich hatte er auch einen unaussprechlichen Namen, der aus mehreren Wörtern besteht. Storm hatte ihn zumindest Caio getauft. Ist glaube ich italienisch.«
Zoe rieb sich die Hände an ihrem Overall ab und fragte dann: »Warum bist du hier? Kann ich dir irgendwie helfen?«
Da war es wieder. Dieses Misstrauen, das Ty von Anfang an gespürt hatte. Gab es einen Grund, weshalb sie Fremden gegenüber misstrauisch war, oder war sie es generell?
»Oh. Das hätte ich glatt vergessen. Entschuldigung. Ich möchte mit dem Chef sprechen. Es geht um einen Auftrag«, beeilte sich Tyron zu erklären.
»Du stehst vor ihm!«, sagte sie trocken.
Jetzt war er wirklich überrascht. Mit einer Chefin hatte er nicht gerechnet. Natürlich hatte er kein Problem damit, im Gegenteil. Das hieß also, er musste mit ihr verhandeln – irgendwie gefiel ihm die Vorstellung.
»Ein Auftrag?«, fragte sie, nachdem sie sein überraschtes Gesicht spöttisch belächelt hatte.
Ty nickte und erklärte ihr, um was es ging. Es gefiel ihm, dass sie sofort professionell bei der Sache war. Sie vereinbarten einen Termin, an dem Zoe sich das Gelände ansehen wollte, und verabschiedeten sich mit Handschlag.
Als er die Gärtnerei verließ, freute er sich auf ein Wiedersehen.
Juno hatte ihm eine Nachricht geschickt. Sie hatte ihren Auftrag schneller als gedacht erledigen können und würde ihn in wenigen Minuten abholen.
Während er auf sie wartete, sah er sich noch ein wenig um. Der Zaun, der die Anlage umfasste, war mit Efeu bewachsen, aber an einigen Stellen konnte man hindurchsehen. Tyron betrachtete zwei junge Männer, die dabei waren einen großen Teich zu reinigen.
Er überlegte, ob einer der beiden Zoes Partner war.
Aber was ging ihn das eigentlich an?
»Was grinst du so vor dich hin?«, fragte Juno, als er einstieg.
»Ich? Ach, nur so«, antwortete er schnell und bemühte sich, das Gesicht aus seinem Kopf zu bekommen, das ihm ständig darin herumspukte. Viele tanzende Sommersprossen auf einer süßen Stupsnase …

HEROES Jägerherz – Hunter

LESEPROBE:

Stella kauerte hinter dem großen Getränkekühler in der Ecke der Küche. Wortfetzen drangen aus dem Gastraum zu ihr. Die eingeschüchterte Stimme ihrer Tante Donna war kaum zu verstehen, dafür um so mehr die der Schutzgelderpresser. Die junge Frau hatte Angst. Woche für Woche bekam sie mit, wie ihr Onkel Angelo erpresst wurde. Er und seine Frau führten das angesagteste italienische Restaurant in der Stadt. Filmstars gingen ebenso ein und aus, wie einflussreiche Politiker.
Das LA PICCOLA STELLA war jeden Abend brechend voll und ohne vier Wochen im Voraus zu reservieren, hatte man keine Chance einen Tisch zu bekommen.
Donna und Angelo Salazzo hatten sich mit dem Restaurant einen Traum erfüllt und sie arbeiteten hart dafür.
Heute war Ruhetag. Wie jeden Montag wurde gründlich geputzt und gewienert, umdekoriert und Großbestellung aufgegeben. Stella, die ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hatte, und Tiermedizin studierte, arbeitete Teilzeit im LA PICCOLA STELLA. Das Restaurant war nach ihr benannt. Der kleine Stern.
Angelo und Donna hatten keine eigenen Kinder und kümmerten sich nach dem tragischen Tod ihrer Eltern rührend um die damals Sechzehnjährige.
Lautes italienisches Palaver war zu hören und dann kreischte Donna schrill.
Die junge Frau hielt den Atem an und zuckte zusammen, als zwei Schüsse fielen. Eine ganze Weile wagte sie nicht, sich zu bewegen. Gefühlte Stunden später, als die schweren Schritte verklungen und alles totenstill war, traute Stella sich hinter ihrem Versteck hervor. Sie atmete tief durch und versuchte ihr Zittern unter Kontrolle zu bekommen.
Vorsichtig setzte sie einen Schritt vor den anderen. Angstvoll schlug ihr Herz hart gegen die Rippen. War diesmal der Streit mit der Schutzgeldmafia eskaliert? Angelo wehrte sich schon so lange gegen diese Bande und musste letztendlich immer schweren Herzens viel Geld bezahlen, damit sein Restaurant und seine Familie verschont blieben.
Zähneknirschend schwor er sich jedes Mal, dagegen aufzubegehren. Donna bat ihn jedoch immer wieder, zu bezahlen. Sie hatte Angst vor dieser Mafia und litt sehr darunter, dass ihr Lebenswerk regelmäßig heimgesucht wurde.

Stella stieß die Tür zum Restaurant auf.
Als ihr Gehirn realisierte, was ihre Augen sofort erfassten, schlug sie sich die Hand vor den Mund, um nicht zu schreien.
Angelo und Donna lagen nebeneinander hinter dem Tresen. Blutverschmiert und mit verrenkten Gliedern. Ihre starren Augen blickten trüb ins Leere.
Die junge Frau rannte zur Toilette, um sich zu übergeben.
Während sie ihren Mageninhalt in die Schüssel entleerte, tropften dicke Tränen aus ihren Augen.
Nun war sie wirklich alleine. Onkel und Tante waren tot. Die beiden waren so herzlich gewesen und sie liebte sie so sehr. Jetzt hatte sie niemanden mehr.
Erschöpft sank sie auf den Fliesenboden und weinte.
*
Storm betätigte die Freisprechanlage in seinem schnittigen Camaro. »Kleines, was gibt es?«, fragte er. Da er gerade erst das Büro verlassen hatte, in dem Ivy noch ein bisschen Papierkram erledigen wollte, musste es etwas Dringendes sein, wenn sie ihn anpiepste.
»He Blondie! Gerade eben kam ein Notruf herein. Du weißt schon … über dieses schlaue Gerät, das uns die Gespräche von den Notsäulen ins Büro leitet.« Ihre Stimme klang ernst.
»Um was geht es denn?« Storm war ganz Ohr. Ivy würde ihn nicht wegen einer Lappalie kontaktieren. Der Computer, der die Notrufe bei den Cops aufzeichnete, war ein ausgeklügeltes System, das ihm und seiner Gefährtin schon mehr als einmal Anlass zum Handeln gegeben hatte.
»Schutzgelderpressung«, war Ivys knappe Antwort.
Das war interessant. Er forderte sie auf, ihm den Mitschnitt des Notrufs zu schicken und versprach ihr, sich sofort um die Details zu kümmern.
Seitdem er und seine Brüder keinen offiziellen Auftraggeber mehr hatten, war das Leben der Männer sehr ruhig geworden. Storm jedoch war ein Krieger. Geschaffen um zu kämpfen und keiner Gefahr aus dem Weg zu gehen. Zusammen mit Ivy, der kleinen Kriegerin aus der Zukunft, wollte er seinem Dasein einen Sinn geben und gründete einen Sicherheitsdienst. Der blonde Hüne besaß als einziger der Männer eine Identität und mietete ein Büro in der City an. Von dort aus bot er Schutzdienst, Gebäudebewachung und diverse andere Dienstleistungen an. Das Geschäft lief gut. Doch die wirklich interessanten Fälle waren die, für die es keinen offiziellen Auftrag gab. Überall da, wo die Cops versagten oder die Dringlichkeit eines Verbrechens schlichtweg unterschätzten, schlugen er und seine Brüder zu.
Gnadenlos hoben sie Drogendealer aus, richteten Kinderschänder und schützten hilflose Personen. Das war etwas, dass dem Leben der Krieger einen Sinn gab. Manch eine Schlagzeile in der Presse war den unbekannten Rächern gewidmet. Das Vermögen, das sie besaßen, ermöglichte es ihnen, im Namen der Gerechtigkeit zu operieren.
Während er den Wagen beschleunigte, tippten seine Finger eifrig auf der Tastatur des Monitors herum. Ja! Das war es, wofür er lebte. Schweinen wie dem chinesischen Mafia-Boss Chan Ko, oder dem Russen Prokojev das Handwerk zu legen, befriedigte ihn zutiefst. Dass er über ein paar außergewöhnliche Fähigkeiten verfügte, machte die ganze Sache natürlich um einiges leichter.
Ein warmes Gefühl machte sich in ihm breit, als er an seine Gefährtin dachte. Ivy gefunden zu haben war das Beste, was ihm passieren konnte. Er liebte diese Frau von ganzem Herzen. Sie hatte seine Zerrissenheit geheilt, den Dämon in seinem Inneren gezähmt und ihn zu einem glücklichen Mann gemacht.
Das große Anwesen kam in Sicht und er drosselte die Geschwindigkeit. Es war ein herrlicher Frühsommertag, und als das Tor aufschwang, sah er, dass Hunter im Garten mit den Kindern tobte.
Es war Leben ins Haus gekommen. Neben Hope waren zwei weitere Kinder geboren worden. Cara und Thorn hatten einen Sohn, dem die beiden in Gedenken an Rock den Namen Rocco gaben. Nur ein paar Monate später erblickte die kleine Maya das Licht der Welt. Thunder und Lilis Baby.
Thunder, der schwarze Riese, hütete seine Tochter wie seinen Augapfel, doch einem guten Kampf für Gerechtigkeit war er nie abgeneigt. Auch wenn er ein zärtlicher Gefährte und Vater war, wer ihn zum Gegner hatte, bekam ein Problem. Storms Partner in so vielen Einsätzen war immer noch ein Mann, den man gerne an seiner Seite wusste, wenn es brenzlig wurde.

Hunter grinste, als Rocco auf ihn zugelaufen kam. Einladend ging er in die Hocke und breitet seine Arme aus. Mit einem Juchzen rannte der Kleine ungelenk auf ihn zu und ließ sich in die starken Arme des Kriegers fallen.
Thorn und Cara sahen von der Terrasse aus zu und lächelten. Es war einfach wunderbar zu sehen, wie Hunter sich um die Kinder sorgte und mit ihnen umging.
»Ist es nicht ein Wunder?«, fragte Cara, während sie sich an Thorn schmiegte.
Der hochgewachsene Mann schlang die Arme um seine Gefährtin und antwortete: »Das ist es in der Tat! Sieh dir unseren Sohn an. Er ist ganz vernarrt in Hunter. Ich bin froh, dass er bei uns geblieben ist. Ich liebe diesen großen, starken Kerl.«
Cara wusste genau, was Thorn damit sagen wollte. Für ihn war Hunter die Reinkarnation seines Bruders und Kampfgefährten Rock, der auf tragische Weise ums Leben kam. Wenn es auch anfangs große Schwierigkeiten mit dem sibirischen Krieger gab, dank Jakes Entwicklung eines Frequenzumwandlers war er keine Gefahr mehr für die Kinder im Haus. Die Technologie machte es Hunter möglich die Geräusche zu ertragen, die ihn noch wenige Monate zuvor ausrasten ließen. Babygeschrei hatte ihm höllische Kopfschmerzen bereitet und bewirkt, dass er völlig von Sinnen war. Hope war dadurch in große Gefahr geraten.
Inzwischen aber waren bereits zwei Jahre vergangen und Hunter war zu einem Familienmitglied und Bruder geworden.