Gabbiano, die Möwe

Die schönsten Geschichten schreibt doch das Leben.

Meistens treffen wir während unserer täglichen Revierfahrt auf Landwirte, die ihre Felder bestellen, oder Waldarbeiter. Eher selten auf Hundebesitzer, welche ihre vierbeinigen Freunde ausführen – nichts außergewöhnliches also. Wenn man allerdings auf einen Fremden mit einer Möwe trifft, die ganz entspannt auf dessen Hand liegt, dann ist das doch etwas besonderes. Zugegeben, ich musste zweimal hinsehen, weil ich meinen Augen nicht traute. Neugierig, wie ich nun mal bin, konnte ich es mir natürlich nicht verkneifen, den Spaziergänger zu fragen, was es mit der Möwe auf sich hat. So ist das halt, wenn man Geschichtenerzähler ist, man hinterfragt alles und wittert überall Inspiration.

Der Mann, mittleren Alters, war sehr nett und erzählte mir, dass er die Möwe mit einer Flügelverletzung an einem Strand gefunden hat. Da wir in der tiefsten Oberpfalz nun mal weit und breit keinen Strand habe, wollte ich natürlich wissen, wo er das Vögelchen denn aufgefunden hatte. In Italien. Aha! Ich muss recht überrascht ausgesehen haben, denn er erzählte mir bereitwillig, dass er sie während eines Italienurlaubes am Strand aufgegabelt und zu einem Tierarzt gebracht hatte. Der Arzt machte ihm wenig Hoffnung, denn die Möve war sehr schwer verletzt. Allen schlechten Prognosen zum Trotz päppelte er sie auf. Und siehe da, sie begann zu fressen und wurde zutraulich. Nur fliegen konnte sie nicht mehr. Auf meine Frage, wie sie denn heißt. Ich tippte ja auf Jonathan – für mich naheliegend ;), antwortete er: Gabbiano. Das ist italienisch und bedeutet Möwe. Sie ist nämlich ein er!

Seit fünf Jahren ist Gabbiano nun schon der Begleiter dieses Tierfreundes. Und immer wieder wird er natürlich auf seinen ungewöhnlichen Freund angesprochen. Der Mann betonte, dass dies nicht der Grund ist, Gabbiano überall hin mitzunehmen – Gabbiano ist sein Freund geworden. Er fühlte sich verantwortlich und sorgt für ihn. Alleine könnte er auch nicht überleben. Während wir reden blickt Gabbiano mit seinen Knopfäugelchen aufmerksam umher. Als ein Mäusebussard über uns hinweg fliegt, wird er hektisch. Leise redet der Mann auf ihn ein und streichelt ihm über den Kopf. Man erkennt ganz deutlich, dass Gabbiano seinem Menschen vertraut, denn er beruhigt sich schnell wieder.

Ich war so fasziniert, dass ich vergessen hatte, ihn zu fragen, ob ich ein Foto machen darf – schade. Und auch, wenn es nur eine ganz kleine Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft ist, ich wollte sie euch einfach erzählen, weil sie mich berührt hat.

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Könnten Sie nicht ein Buch über mein Leben schreiben???

Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, würde ich es nicht glauben.
Da klingelt tatsächlich vor einigen Wochen jemand an meiner Tür.
Mit den Worten: „Sie sind doch eine berühmte Schriftstellerin“, überrumpelt mich jemand und ich bin erst mal total perplex. Pah … berühmte Schriftstellerin, schön wär`s.
Auf jeden Fall hat die Frau, die ich nur vom Sehen her kenne, ein Anliegen.
Sie musste sich erst mal selbst Mut zureden, um mich was zu fragen.
Ihr Leben wäre außergewöhnlich und würde Stoff für einen Roman bieten. Ein verkorkstes Leben. Von Anfang an. Ein unerwünschtes Kind sei sie gewesen. Geschlagen vom Vater, ungeliebt und im Schatten ihrer Schwester aufgewachsen. Ein traumatisches Erlebnis, als ihr verhasster Vater starb. Drogen- und Sektenerfahrungen, zwei gescheiterte Ehen. Ein behindertes Kind, gebrochene Wirbel nach einem missglücktem Selbstmordversuch. Neueste Diagnose: Krebs. Alkohlabhängig und Harzt 4 Empfängerin.
Ihre Lebensgeschichte, von mir aufgeschrieben würde ein Bestseller werden versichert sie mir. Schließlich brauche sie Geld und das könnte ich ihr ja mit einem Buch verschaffen.
Ein Buch über ihr Leben könnte Menschen helfen …
Auf meine Frage, inwiefern ihre Geschichte Menschen helfen könnte, wo sie doch weder ihr Leben auf die Reihe bekommen hat, noch ihre Alkoholabhängigkeit in den Griff bekommt, kann sie mir nicht beantworten.
Ganz ehrlich?
Sie hat mir noch viel mehr erzählt und es ist wirklich tragisch, was ich da zu hören bekam. Sicher könnte man das ein oder andere in einem Roman verwenden, aber Ghostwriter für jemanden zu sein, wäre mir nie in den Sinn gekommen.
Ich habe ihr erklärt, dass das, was ich schreibe, meiner Fantasie entspringt. Ich erfinde Figuren, die leiden, lieben, quälen, gemein sind und kämpfen. Aber ich brauche auch ein Happy-End. Es muss Zärtlichkeit in meinen Geschichten geben, als Ausgleich für Grausamkeit. Es muss Gerechtigkeit geben, als Ausgleich für Ungerechtigkeit. Bösewichte genauso wie charismatische Charaktere, die meinen Lesern ans Herz wachsen.
Ich kann nicht eben mal schnell ein Buch schreiben (schon gar keinen Bestseller), weil jemand es von mir verlangt. Wenn ich schreibe, dann mit Herzblut.
Leider kann ich die Lebensgeschichte dieser Frau nicht zu Papier bringen. Es gäbe kein Happy-End …