Gabbiano, die Möwe

Die schönsten Geschichten schreibt doch das Leben.

Meistens treffen wir während unserer täglichen Revierfahrt auf Landwirte, die ihre Felder bestellen, oder Waldarbeiter. Eher selten auf Hundebesitzer, welche ihre vierbeinigen Freunde ausführen – nichts außergewöhnliches also. Wenn man allerdings auf einen Fremden mit einer Möwe trifft, die ganz entspannt auf dessen Hand liegt, dann ist das doch etwas besonderes. Zugegeben, ich musste zweimal hinsehen, weil ich meinen Augen nicht traute. Neugierig, wie ich nun mal bin, konnte ich es mir natürlich nicht verkneifen, den Spaziergänger zu fragen, was es mit der Möwe auf sich hat. So ist das halt, wenn man Geschichtenerzähler ist, man hinterfragt alles und wittert überall Inspiration.

Der Mann, mittleren Alters, war sehr nett und erzählte mir, dass er die Möwe mit einer Flügelverletzung an einem Strand gefunden hat. Da wir in der tiefsten Oberpfalz nun mal weit und breit keinen Strand habe, wollte ich natürlich wissen, wo er das Vögelchen denn aufgefunden hatte. In Italien. Aha! Ich muss recht überrascht ausgesehen haben, denn er erzählte mir bereitwillig, dass er sie während eines Italienurlaubes am Strand aufgegabelt und zu einem Tierarzt gebracht hatte. Der Arzt machte ihm wenig Hoffnung, denn die Möve war sehr schwer verletzt. Allen schlechten Prognosen zum Trotz päppelte er sie auf. Und siehe da, sie begann zu fressen und wurde zutraulich. Nur fliegen konnte sie nicht mehr. Auf meine Frage, wie sie denn heißt. Ich tippte ja auf Jonathan – für mich naheliegend ;), antwortete er: Gabbiano. Das ist italienisch und bedeutet Möwe. Sie ist nämlich ein er!

Seit fünf Jahren ist Gabbiano nun schon der Begleiter dieses Tierfreundes. Und immer wieder wird er natürlich auf seinen ungewöhnlichen Freund angesprochen. Der Mann betonte, dass dies nicht der Grund ist, Gabbiano überall hin mitzunehmen – Gabbiano ist sein Freund geworden. Er fühlte sich verantwortlich und sorgt für ihn. Alleine könnte er auch nicht überleben. Während wir reden blickt Gabbiano mit seinen Knopfäugelchen aufmerksam umher. Als ein Mäusebussard über uns hinweg fliegt, wird er hektisch. Leise redet der Mann auf ihn ein und streichelt ihm über den Kopf. Man erkennt ganz deutlich, dass Gabbiano seinem Menschen vertraut, denn er beruhigt sich schnell wieder.

Ich war so fasziniert, dass ich vergessen hatte, ihn zu fragen, ob ich ein Foto machen darf – schade. Und auch, wenn es nur eine ganz kleine Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft ist, ich wollte sie euch einfach erzählen, weil sie mich berührt hat.

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Bunt, gemütlich und aufregend – die LBM

Das war meine erste Buchmesse in Leipzig und ich habe mich sooo darauf gefreut. Zum einen, weil ich meine liebe Kollegin und Freundin Rose Care treffen wollte, zum anderen, weil es gleichzeitig der Auftakt unserer Campingsaison 2016 werden sollte.
Donnerstag 9:45 Uhr, der Wohnwagen ist eingeräumt, angehängt und startklar.2016-03-17 09.38.08
Während der dreieinhalbstündigen Fahrt war ich auch nicht untätig und habe einen Teil meines aktuellen Manuskripts bearbeitet. Die Zeit verging wie im Flug und schon rollte unser Gespann auf den Campingplatz. Ideal, nur 9 km von der Messe entfernt und doch mitten im Grünen. Im Auenwäldchen, das zum eingezäunten Gelände des Platzes gehört konnte man sogar Rehe beobachten. Wer genau hinsieht, kann es entdecken 😉DSC_1115-1
Für diesen Tag war nichts mehr geplant – nur einfach ankommen und einen ausgiebigen Spaziergang mit dem Hund am Auensee und entlang der Weißen Elster zu machen.
Kurzurlaub – herrlich! Ein Gläschen Rotwein, Campingfeeling genießen und den Hund das Bett vorwärmen lassen 😉
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Aber am Freitag, da ging es dann los. Buchmesse, ich komme!
Ich war total gespannt und wurde angenehm überrascht. Wer die Frankfurter Buchmesse kennt, der weiß: sie ist groß, sie ist laut, sie ist stickig und macht (zumindest mir) Kopfschmerzen.
Leipzig dagegen ist traumhaft. Fast schnuckelig und gemütlich möchte ich sagen. Gut, am Wochenende wird es hier auch voll, laut UND vor allem bunt.

 

Ich war zwar als Fachbesucherin da, hatte aber keine festen Termine, also bin ich nur herumgeschlendert. Habe bei den Herzblut – Welten vorbeigesehen und endlich mal Marlies Borghold kennenlernen. Sie war beim Team „Weihnachtszauber“ als Agnes M. Holdborg dabei. Ebenso habe ich mich gefreut, meine Kollegin Lily Konrad zu treffen, mit der ich … OH, SORRY, das darf ich ja noch nicht verraten …

Aber am aufregendsten war dann mein Date mit Rose am Abend. Schon als ich am Hotel ankam, entdeckte ich sie sofort. Sie stand am Eingang und rauchte. Obwohl wir bisher nur telefoniert und geschrieben hatten, war da sofort eine Vertrautheit da zwischen uns. Wir hatten einen richtig tollen Abend und viel Spaß. DSC_1136

Als uns dann ein Journalist ansprach, der alleine am Nebentisch saß, wurde es noch richtig interessant. Er war beruflich auf der Buchmesse unterwegs und hat uns ganz in Reportermanier ausgefragt, weil er mitbekommen hatte, dass wir beide schreiben. Ich bin gepannt, ob wir mal wieder von ihm hören …

Der Samstag war ein richtig anstrengender aber wundervoller Tag. Zusammen mit Rose stürzte ich mich ins Getümmel. Im riesigen Glaspavillion besuchten wir Kollegin Nicole König, die dort ein Meet & Greet hatte. Auch sie kannte ich bisher nur über Facebook und freute mich sehr, sie live zu sehen. Sie hat sich köstlich darüber amüsiert, dass ich mit dem Wohnwagen angereist bin. Erstaunlich, wie Menschen, die sich nie zuvor begegnet sind, so herzlich miteinander umgehen können, als wären sie alte Freunde.

Riesig gefreut habe ich mich, als ich Bloggerin Bella entdeckte. Nicht zu übersehen mit blauen Haaren stand sie da und ich bin dann auch direkt auf sie zugelaufen. 2016-03-19 14.10.28

Natürlich gab es Umarmungen, ein freudiges „Hallo“ und ein paar Erinnerungsfotos. Sie ist ja ein ganz Süße, die man einfach gern haben muss. Ich habe jede Menge interessante Leute getroffen, ganz liebe Leserinnen, die mir immer treu zur Seite stehen und viele Kolleginnen und Kollegen, die ich sehr bewundere. Nach einem anstrengenden Tag taten mit die Füße und der Rücken weh als wir die Messe verließen.

Am Sonntag hieß es Abschied nehmen von Leipzig und ab nach Hause. Mein Fazit: Ein tolles Wochende, neue Facebookfreundschaften und persönliche Bekanntschaften gemacht – Leipzig, ich komme bestimmt wieder!!!

 

 

Leseprobe „Hot Wheels Iron & Enya“

South Bay, Clubhaus der Ghosts
Big Bob saß in seinem Lieblingssessel, zu seinen Füßen die süße Gina. Während er mit Sheriff Abraham Tanner telefonierte, versuchte die Kleine ihm einen zu blasen. Sie musste sich gehörig anstrengen, denn sein Alkoholpegel war schon ziemlich hoch, auch wenn es noch Vormittag war.
»Hah …«, er schlug sich auf die Schenkel und Gina zuckte nervös zurück. »Hab ich gesagt, dass du aufhören sollst?«, knurrte er. »Ach scheiß drauf, ich muss die Neuigkeiten meinen Jungs erzählen. Du bist fürs Erste entlassen!« Er stieß das Mädchen grob von sich, kämpfte sich aus dem Sessel, verstaute seinen halbsteifen Schwanz und knöpfte seine Hose zu.
»Jimbo!«, brüllte er.
Gleich darauf waren eilige Schritte zu hören.
Als der Gerufene eintrat, hatte Gina sich bereits verzogen und der bullige Puerto Ricaner mit den Pockennarben im Gesicht fragte: »Was ist los, Pres? Brennt es irgendwo?«
Big Bob lachte schallend. »Kann man so sagen, Bro. Unser Plan ist aufgegangen. Eben hatte ich ein Gespräch mit dem Sheriff. Purple wurde verhaftet. Und rate mal, was er in der Tasche hatte?« Er wartete gar nicht erst darauf, dass sein Sergeant at Arms antwortete, sondern beantwortete seine Frage gleich selbst. »Chrystal, Koks und Marihuana!«
»Ich wusste, dass es klappt. Der Kerl ist dumm wie Stroh«, triumphierte Jimbo. »Was soll jetzt mit der Kleinen geschehen? Lassen wir sie laufen?«
Er meinte das Mädchen, das im Keller des Clubhauses gefesselt auf einer Pritsche lag. Purples kleine Schwester Meghan. Wahrscheinlich war ihrer Mutter noch nicht einmal aufgefallen, dass sie gestern nicht nach Hause gekommen war. Die Alte war hochgradige Alkoholikerin und hatte ihren Verstand schon lange versoffen. Die Ghosts hatten Purple klargemacht, dass nur ein Verrat an seinem Club die Kleine retten konnte. Mit dem Versprechen, dass er, wenn er kooperierte, mit einer Bewährungsstrafe davonkam und nicht in den Knast musste. Der rotgesichtige Prospect der Fire Devils stand kurz vor seiner Aufnahme zum Fullmember. Dennoch blieb ihm keine Wahl. Er liebte seine Schwester und würde alles tun, damit ihr nichts geschah. Wenn er seinen Club um Hilfe bat, würde Meghan sterben. Das konnte er nicht riskieren.
Gezwungenermaßen hatte er sich auf den Deal eingelassen. Die Menge an Drogen, die ihm die Ghosts dafür zugesteckt hatten, würde ausreichen, um ihn für eine ganze Weile wegzusperren, aber das musste er ja nicht wissen. Big Bob hatte kein persönliches Interesse daran, eine Haftverschonung mit dem Sheriff für Purple auszuhandeln …
Der Pres schüttelte den Kopf. »Wir können sie nicht gehen lassen, sobald er erfährt, dass sie frei ist, widerruft er seine Aussage. Sie bleibt, wo sie ist. Vorerst.«
»Aber, Pres, für morgen ist doch die große Party geplant. Die Devils werden auch hier sein.«
Big Bob zuckte mit den Schultern. »Na und? Sorge einfach dafür, dass die Kleine unter Verschluss bleibt und lass uns morgen anständig mit den Jungs feiern, bevor sie in den Knast wandern … schließlich sind wir alte Freunde«, erwiderte er mit einem höhnischen Lachen.

Iron
Schon bevor ich die Tür zum Clubhaus aufstieß, empfing mich ohrenbetäubender Lärm.
Welcher beknackte Irre hatte die Musik dermaßen laut aufgedreht, dass garantiert in ein paar Minuten die Cops auftauchen würden?
Es war düster drinnen. Die heruntergelassenen Rollläden stellten mein Sehvermögen vor eine Herausforderung. Ich musste blinzeln und tastete suchend nach dem Lichtschalter. Wenig später hatte ich ihn gefunden und der Clubraum wurde hell erleuchtet. Zusätzlich zu dröhnendem Bass und aggressiven Gitarrenriffs irgendeiner Rockgruppe schlugen mir dicke Rauchschwaden entgegen. Ich wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht und durchquerte das Zimmer. Die Tür zur Church, unserem Versammlungsraum, war nur angelehnt. Ich stieß mit dem Fuß dagegen und sie schwang auf.
»Seid ihr komplett verrückt, oder was?«, versuchte ich gegen den Krach aus der Stereoanlage anzubrüllen.
Plötzlich wurde es hektisch.
Ich sah, wie Ragnar hastig seine Lederhose hochzog, und der Tussie, die mit gespreizten Beinen vor ihm auf dem Tisch lag, einen Klaps auf die Schenkel gab.
Aha, ein Schäferstündchen! Wieder Willen musste ich grinsen. Ragnar packte die Wasserstoffblondine am Arm.
»Los, verschwinde. Der Pres ist da!«
Die Kleine zog einen Schmollmund, zerrte aber hastig ihren Rock herunter und zupfte ihr T-Shirt über die aufgepumpten XXL-Titten. Dann schnappte sie sich ihre Tasche und drängte sich an mir vorbei.
Endlich fanden Ragnars Hände auch den Knopf, der die Lautstärke auf ein erträgliches Maß regelte und ich tippte auf den Lichtschalter, der nun auch die Church in grelles Licht tauchte. Geblendet kniff mein Kumpel die Augen zusammen.
»Wo hast du denn die aufgegabelt?«, fragte ich und ließ mich auf den nächsten Sessel fallen.
Statt einer Antwort hielt er mir eine Schachtel Zigaretten hin. Ein Friedensangebot, denn eigentlich waren Frauen in diesem Teil des Clubhauses nicht erlaubt.
Ich winkte ab und holte meine eigene Packung Mentholzigaretten aus der Lederjacke. Wenn schon Nikotin, dann mit Geschmack.
Während ich Kringel in die Luft blies, wartete ich immer noch auf eine Antwort. Auch wenn er mein bester Freund war und eines der Gründungsmitglieder des MCs. Regeln sind Regeln.
Ragnar druckste herum und rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Mein Blick nagelte ihn fest. Ich konnte mir gut vorstellen, wie unangenehm der Ständer in seiner engen Lederhose war, hatte aber nicht vor, ihn zu entlassen, damit er sich selbst Erleichterung verschaffen konnte.
Endlich machte er den Mund auf. »Sorry, Pres, ich hatte echt so nen Druck und die Kleine hat sich an mich gehängt wie eine Klette … ich konnte nicht anders.« Ragnar zuckte entschuldigend mit den Schultern und sah mich an.
Erwartete er Absolution?
Ich zögerte, dann nickte ich und zog an meiner Zigarette. Zwischen zwei Zügen erteilte ich sie ihm. »Okay, Schwamm drüber. Ich habe nichts gesehen.«
Sofort erhellte sich sein Gesichtsausdruck und er grinste mich dankbar an. »Kommt nicht wieder vor, Iron.«
Damit war das Thema erledigt.
Eigentlich hatte ich auch größere Sorgen, als ein vollwertiges Mitglied des MCs zu maßregeln. Ich schnippte die Kippe in den Aschenbecher, der beinahe überquoll, und kam zur Sache.
»Ragnar, ich bekam eben einen Anruf. Meine sichere Quelle hat mir verraten, dass einer unserer Prospects, Purple, festgenommen wurde.«
»Fuck!«, Ragnar sprang auf. »Was hat der Idiot angestellt?«
»Mit Marihuana und Koks gedealt. Mehr weiß ich noch nicht«, antwortete ich und fuhr mir durchs Haar. Bei Purple hatte ich von Anfang an ein schlechtes Gefühl. Der Kerl hatte seinen Namen aufgrund seiner ungesunden Gesichtsfarbe bekommen. Egal ob er besoffen oder nüchtern war, sein Gesicht war immer purpurrot. Wir hatten ihn im letzten Jahr als Prospect aufgenommen, weil sein Cousin, Turbo, sich für ihn verbürgt hatte.
Motorradclubs genossen eben einen schlechten Ruf. Egal ob man saubere Geschäfte machte, oder nicht. Trug man eine Kutte, steckten einen die Menschen sofort in die kriminelle Ecke. Der Bürgermeister der Stadt würde uns gerne ins Knie ficken und die Bullen machten sich einen Spaß daraus, unsere Bikes zu kontrollieren, wann immer sie einen von uns antrafen. Meistens war alles in Ordnung, es war reine Schikane und sollte uns wohl zeigen, dass sie uns im Auge hatten. Sheriff Abraham Tanner war mit mir zur Schule gegangen. Ein unscheinbarer Typ, der nie besonders auffiel und auch nicht zu meinen Freunden gehörte. Ich hatte keine Ahnung, warum er mich so hasste.
Die Festnahme eines, wenn auch noch nicht vollwertigen Members, war ein gefundenes Fressen für ihn. Mit Druck und leeren Versprechungen über Straffreiheit würde er versuchen, unseren Prospect kleinzukriegen. Bei jedem anderen Clubmitglied machte ich mir da keine Sorgen, bei Purple jedoch würde ich nicht wetten wollen. Der MC war wie eine große Familie, in die man erst aufgenommen wurde, wenn man sich ihrer würdig erwies. Loyalität und vor allem Verschwiegenheit waren Grundvoraussetzungen dafür, ein Colour tragen zu dürfen.
»Was schlägst du vor, Iron?«, fragte Ragnar und das Problem in seiner Hose schien vergessen.
»Turbo soll sich darum kümmern, schließlich gehört der Junge zu seiner Familie. Allerdings bin ich dagegen, dass wir unseren Anwalt einschalten. Ist ja keine Clubsache. Der Kerl muss selbst sehen, wie er aus der Sache rauskommt.«
Mein Freund nickte. »Sollte Purple allerdings eine daraus machen, müssen wir abstimmen«, warf er ein.
»Ich hoffe nicht, dass der Kleine so dumm ist und versucht, den MC da mit reinzuziehen«, antwortete ich. Sicher war ich mir allerdings nicht. Typen wie Purple hatten kein Rückgrat. Wahrscheinlich konnte er gar nichts dafür.
Seine Mutter war schon Alkoholikerin gewesen, als sie ihn geboren hatte. Und jeder wusste, dass sie seitdem keinen Tag nüchtern gewesen war. Voll bis oben hin mit billigem Fussel hatte sie Purple mehr schlecht als recht aufgezogen. Meist war er sich selbst überlassen. Sein Vater hatte sich schon vor Jahren vom Acker gemacht, weil er den Anblick der zugesoffenen Alten nicht mehr ertragen konnte. Traurige Familiengeschichte. Vielleicht auch einer der Gründe, warum wir ihn zur Probe im MC aufgenommen hatten. Sollte es jetzt allerdings Ärger geben, würde Turbo seinem Cousin auch nicht mehr helfen können.
Fred Kosinski, unser Anwalt hatte uns schon mehrmals aus der Patsche geholfen und würde es zur Not auch diesmal tun. Der Typ war gut, aber das wusste er auch und ließ sich seine Arbeit teuer bezahlen.
Ragnar starrte vor sich hin.
»He, Bruder, warten wir es erst mal ab. Vielleicht ist alles halb so schlimm«, versuchte ich ihn zu beruhigen, obwohl ich selbst nicht daran glaubte. Der Chief ließ keine Gelegenheit aus, uns ans Bein zu pinkeln. Am liebsten würde er das Clubhaus räumen lassen, doch daran würde er sich die Zähne ausbeißen. Ich hatte es einem Kunden abgekauft, der nach Frankreich auswandern wollte. Alles vollkommen legal. Ich musste grinsen. Es war von Vorteil, wenn man ein erfolgreicher Immobilienmakler war. Tagsüber, wenn ich meinem Brotjob nachging, kam niemand auf die Idee, dass ich President der Fire Devils war. Immer korrekt gekleidet und absolut seriös.
Sobald ich jedoch nach Hause kam, schleuderte ich die teueren italienischen Schuhe in die Ecke und zerrte mir die maßgeschneiderten Anzüge vom Leib. In Lederhosen oder einfachen Jeans, T-Shirt und Kutte fühlte ich mich sofort wie ein anderer Mensch. Genau genommen war ich es dann auch. Der Duft des Leders, das Röhren meiner Harley und der Wind in meinem Gesicht, das war meine Welt. Die andere – in der ich Geschäftskunden Honig ums Maul schmieren oder wohlhabende, vom Schönheitschirurgen aufgepimpte Frauen abwimmeln muss – war ein notwendiges Übel.
Ragnar war nicht nur meine rechte Hand im MC, sondern gehörte zu meinen besten Freunden. Ich liebte ihn wie einen Bruder, auch wenn er ziemlich chaotisch sein konnte. Sein Wikingertick nervte manchmal. Zugegeben; er könnte als einer durchgehen. Die Art, wie er sein Haar trug, erinnerte sehr an die Bilder, die man aus diversen Abenteuerfilmen kannte. Seiten glatt rasiert, Oberkopf lang und zu einem prächtigen Zopf gebunden. Dazu das Ziegenbärtchen und schon war die Maskerade des furchtlosen Nordmannes perfekt. Naja, eines musste man ihm lassen. Er war tatsächlich ein mutiger Kerl. Wenn es brenzlig wurde, wünschte man sich Ragnar an seiner Seite. Mit seinem Messer, ohne das er nie das Haus verließ, konnte er umgehen wie kein Zweiter und er scheute sich nicht, es einzusetzen.
Ich vertraute ihm vollkommen und wusste, dass es umgekehrt genauso war. Er, mein Sergeant at Arms, und Blood, mein Vize, waren die beiden Menschen, denen ich vollkommen gelassen mein Leben anvertrauen würde.
Als hätte ich ihn gerufen, erklang das unverkennbare Röhren einer Harley. Wenig später wurde die Tür zum Clubhaus aufgestoßen und ein Bulle von einem Mann füllte den Türrahmen aus.
»Schon gehört?«, fragt er, bevor er über die Türschwelle trat, und erntete ein synchrones Nicken. Sein Gesichtsausdruck ließ nicht darauf schließen, was er von der Sache hielt. Aber er wusste Bescheid.
Mit großen Schritten kam er an den Tisch und ließ sich aufs Sofa fallen. Das Teil ächzte unter seinem Gewicht und ich verkniff mir eine Bemerkung. Irgendwann würde es unter ihm zusammenkrachen. Es war nur eine Frage der Zeit, aber so sicher, wie das Amen in der Kirche.
Blood, der seinen Namen wegen seines erlernten Berufes als Metzger bekommen hatte, brachte an die zweihundertvierzig Pfund auf die Waage, ohne fett zu sein. Der ganze Kerl schien nur aus puren Muskeln zu bestehen. Tätowierungen zogen sich über seine beiden Arme, seine Brust und den gesamten Rücken bis hinauf zu seinem Stiernacken. Blood liebte japanische Tattoos. Ich war mir sicher, er würde erst aufhören, seinen Körper verzieren zu lassen, wenn der letzte Quadratzentimeter seines Körpers bunt war. Ehrlicherweise musste man sagen, dass Meister Hashito ihm richtige Kunstwerke unter die Haut gestochen hatte. Der alte Japaner war der Einzige, der das durfte. Nicht einmal unserem clubeigenen Tätowierer, Run, von den Nomads, erlaubte er Hand anzulegen.
Ich sah mir meine beiden besten Freunde und engsten Vertrauten an und bemerkte einmal wieder, wie unterschiedlich sie waren. Doch ohne sie wäre der MC nicht das, was er war, und ich wohl ziemlich am Arsch.
Als einziger Sohn eines gut betuchten amerikanischen Spießers und einer wunderschönen irischen Mutter hatte ich im Gegensatz zu meinen Kumpels eine behütete Kindheit gehabt. Auch wenn mein Vater ein Arschloch war, Mum war ein Engel gewesen und hatte die Familie zusammengehalten. Sie starb vor fünf Jahren an Krebs. In meinen Armen! Der Alte war nicht da. Gesellschaftliche Verpflichtungen …
Nach ihrem Tod gab es nur noch Zoff zwischen meinem Vater und mir.
Meine Rolle im Club war ihm immer ein Dorn im Auge. Zuerst nannte er es jugendliche Spinnerei, später beschimpfte er mich und meine Brüder als asozial und kriminell. Immer öfter betonte er, dass ich meine provokante Haltung unmöglich von ihm geerbt haben konnte. Mit anderen Worten: Er war sich gar nicht sicher, ob ich sein leiblicher Sohn war.
Mich machte es deshalb so wütend, weil er meiner Mutter damit unterstellte, dass sie ihn betrogen haben könnte. Allerdings deutete er diese Dinge erst nach ihrem Tod an und konnte sie damit nicht mehr verletzen.
Nach einem heftigen Streit packte ich meine Sachen und zog aus. Mein Alter ließ durchblicken, dass ich für ihn gestorben war, da der Club seinem Ansehen schaden würde.
Ich fühlte mich endlich frei, nachdem ich diesen heuchlerischen kleinkarierten Spießer aus meinem Leben gestrichen hatte, und war froh, dass Mum das nicht mehr erleben musste.

WAHRE FREUNDE …

Es ist nicht wichtig viele Freude zu haben. Viel wertvoller sind ein paar (und damit meine ich wirklich gerade mal eine Handvoll), auf die man immer zählen kann.
Auch wenn Beruf oder die Familie es nicht zulassen, dass man immer und ständig Kontakt miteinander hat – wahre Freunde werden das verstehen. Wahre Freunde halten auch eine längere „Auszeit“ aus! Wahre Freunde sind aber immer da, wenn man sie braucht. Wahre Freunde rechnen nicht auf, was sie für dich getan haben oder wie oft sie dich angerufen haben. Wahre Freunde verstehen, wenn du dich zurückziehst, weil gerade etwas anderes wichtig ist. Wahre Freunde wissen, dass du sie deshalb genauso liebst. Wahre Freunde bestehen nicht auf etwas, sie wissen, wenn sie dich brauchen, bist du da.
Wenn du einen wahre/n Freundin/Freund hast, bist du nie alleine … Wahre Freunde freuen sich mit dir, wenn du glücklich bist. Weinen mit dir und trösten dich wenn du traurig bist. Und fangen dich auf, wenn du zu fallen drohst – IMMER!!!