Geschichten aus dem Alltag einer Zustellerin

In fünfundzwanzig Jahren bei der Post, davon zehn als Verbundzustellerin, sammeln sich allerhand Erlebnisse an. Skurrile, nette, lustige und unglaubliche Geschichten gibt es zu erzählen. „Trari Trara, die Post ist da“, so wurde ich öfter begrüßt, oder „Hier kommt die Christel von der Post“.

Ich habe diesen Job so gerne gemacht, weil er nie langweilig war. Jeden Tag erlebte ich etwas Neues, lernte nette, anstrengende, aufdringliche, traurige, fröhliche und liebe Menschen kennen. Einige dieser Geschichten habe ich für euch aufgeschrieben. Die Straßennamen sind ebenso erfunden wie die Namen der Personen. Die Ereignisse allerdings haben sich genau so zugetragen.

So nach und nach werde ich diese kleine Geschichtensammlung vergrößern, denn ich habe noch viel mehr zu erzählen …


Im Wohnblock, in der Leopold-Mann-Straße 16 leben vierzehn Parteien.
Darunter viele junge Leute, die tagsüber natürlich arbeiten müssen, abends hingegen fleißig am PC bestellen. Es ist ja so praktisch, wenn die Post alles vor die Wohnungstür liefert.

Aber da haben wir schon das Dilemma. Wer arbeitet ist in den meisten Fällen nicht zu Hause, wenn die Postfrau klingelt.

Ein Glück dass Herr und Frau Weißwasser ebenfalls in der Leopold- Mann-Straße 16 wohnen. Das überaus nette, hilfsbereite Ehepaar ist meistens zu Hause und (fast) immer bereit, Pakete und Päckchen für alle Nachbarn anzunehmen. Die Weißwassers sind mir sofort ans Herz gewachsen und ich ihnen anscheinend auch.

Einmal klingeln genügt und schon rauscht es in der Sprechanlage. „Ja bitte?“
Die Post, ich hätte ein Paket für ihre Nachbarn.“
Alles klar, ich mache auf.“

Zu meiner Freude gibt es hier sogar einen Aufzug und der dritte Stock muss nicht mühsam mit Paket unter dem Arm zu Fuß erklommen werden.
In der Wohnungstür werde ich schon erwartet.

Heute einen schnellen Esspresso?“, werde ich von Frau Weißwasser gefragt.
Liebend gerne, und wenn ich vielleicht mal …?“
Aber klar, Sie wissen, wo die Toilette ist, ich mache in der Zwischenzeit den Espresso.“

Erleichtert erleichtere ich mich. Was für ein Glück, dass ich die Weißwassers habe. Man hat nun mal menschliche Bedürfnisse, die sich nicht ewig ignorieren lassen. Deshalb den Weg zum Zustellstützpunkt (Anmerkung: früher war es einfach das Postamt, heute heißt es Zustellstützpunkt, kurz: ZSP) anzusteuern kostet wertvolle Zeit und das Auto ist randvoll mit Briefen und Paketen, die alle zugestellt werden wollen.

Den Weg in die Küche der Weißwassers kenne ich natürlich inzwischen und werde dort mit einem dampfenden Esspresso und einem kleinen Stückchen Schokolade empfangen .

Möchten Sie noch ein Glas Wasser dazu?“, werde ich gefragt.
Ich lehne dankend ab. Sonst muss ich gleich wieder auf die Toilette.
Während ich das heiße Getränk schlürfe kommt Cosima, die niedliche Perserkatze. Miauend bleibt sie in der Tür stehen, dann erkennt sie mich und streift mir um die Beine. Natürlich muss ich mich bücken und ihr ein paar Streicheleinheiten zukommen lassen. Amadeus, ihr Freund, der Perserkater, ist zurückhaltender und blinzelt mich nur verschlafen an.

Wir wechseln ein paar nette Worte, die Weißwassers und ich, dann übergebe ich das Paket für die Nachbarn und verspreche, diesen einen Zettel einzuwerfen, auf dem steht, wo ihr Paket zugestellt wurde.
Tja, und dann muss ich weiter. Mit einem „Tschüss, bis morgen“, werde ich verabschiedet und auf dem Weg nach unten – diesmal nehme ich die Treppe – denke ich mir wieder einmal: Was für nette Menschen es doch gibt.


An der Danziger Allee 11 schleppe ich mich halb zu Tode. Das Auto muss ich an der Straße stehen lassen, der Weg zum Haus, so ca. zwanzig Meter ist nicht befahrbar.

Ächzend hieve ich das megaschwere Paket aus dem VW Bus, lege vier Büchersendungen und zwei Päckchen darauf und dann balanciere ich alles an die Haustür des Wohnblocks. Schnell eile ich zum Auto zurück, hole einen Stapel Briefe, Zeitungen, Kataloge und zwei verschiedene Werbeprospekte. Meinen Handscanner und die Benachrichtigungsscheine klemme ich mir irgendwie noch dazwischen und dann habe ich keine Hand mehr frei. Also schiebe ich mit dem Hintern die Tür zu und versuche mit dem Schlüssel, der an einem Band um meinen Hals hängt, das Auto abzusperren. Geschafft.

Die abgestellten Pakete immer im Blick eile ich zurück zur Haustür. Mein linker Arm wird schon lahm von dem riesen Bündel briefen, Zeitungen und Katalogen und so beeile ich mich, sie loszuwerden. Klappe um Klappe öffne ich mit der rechten Hand und lasse sie hineinflutschen. Vorausgesetzt es war nicht vor mir schon ein Prospektausträger da, der die Briefkästen bereits zugemüllt hat. Dann nämlich fluche ich mal mehr, mal weniger laut, reiße mir die Finger an den scharfen Kanten der Briefklappe auf und bin heilfroh, wenn ich alles irgendwie untergebracht habe.

Endlich kann ich mich den Paketen und Büchersendungen widmen. Frau Helga Grube hat wieder zugeschlagen. Sie kauft fast täglich Bücher bei eBay, Rebuy oder sonstwo. Außerdem hat sie auch zwei Säcke Katzenstreu bestellt à 15 kg, die zusammen in ein großes Paket gepackt sind, welches knapp über 30 kg wiegt.

Meine armen Knie – denn in diesem Wohnblock gibt es den Luxus eines Fahrstuhls nicht. Ich drücke die Klingel und bete fast, dass sie nicht da ist. Vierter Stock – wohlgemerkt – ohne Aufzug, mit 30 kg Paket, vier Büchersendungen und zwei Päckchen!

Ja?!“
Mist! Sie ist da …
Die Post. Ich hab jede Menge schwere Sachen für Sie, könnten Sie mir eventuell entgegenkommen?“, frage ich hoffnungsvoll.
Ich bin krank, ich kann nicht.“
Tief durchatmen.
Okay, es wird ein bisschen dauern, aber ich komme.“

Dreißig Kilo lassen sich ganz schön schleppen. Wenn man dann wie ich auch noch Probleme mit den Knien hat, ist man schon geneigt, das Internet und seine Annehmlichkeiten was Bestellung betrifft, zu verfluchen. Hilft aber alles nix. Da muss ich durch. Ich schleppe also das Paket mit der Katzenstreu hoch, renne die Treppen wieder hinunter und hole die Päckchen und Büchersendungen. Oben angekommen, brauche ich erst einmal ein paar Sekunden um zu verschnaufen. Frau Grube steht in Schlabberhosen und T-Shirt vor mir. Eigentlich ist sie ja ganz nett, wenn sie nur nicht immer so viel bestellen und im vierten Stock, in einem Haus ohne Aufzug wohnen würde …

Tut mir leid“, sagt sie. „Ich bin erst kürzlich aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich habe Brustkrebs, sie haben mir die linke Brust entfernt.“
Oh, das tut mir leid, Frau Grube“, stammle ich und fühle mich sofort schlecht, weil ich insgeheim geflucht habe.
Ach, nenn mich doch einfach Helga“, sagt sie und zieht ihr T-Shirt hoch. „Hier, da war mal meine Brust.“

Ich starre fassungslos auf die frische zartrosa Narbe auf ihrem Brustkorb, und schlucke.
Ich bin Susi“, entgegne ich, und scanne dann das Paket und die Päckchen ein, weil ich nicht weiß, wie ich sonst reagieren soll.
Währenddessen plappert Helga munter darauf los. Sie hat so gar keine Scheu, offen über ihren Krebs zu reden und außerdem erzählt sie mir, dass sie wieder Bücherschnäppchen gemacht hat, und einfach nicht widerstehen konnte. Ich gestehe ihr, dass ich auch gerne und viel lese, da drückt sie mir eine Tüte voll Bücher in die Hand. „Hier, Susi, die habe ich alle schon gelesen, wenn du magst, schenke ich sie dir.“
Okay“, sage ich überrascht. „Ich kann sie dir aber gerne wieder bringen, wenn ich sie gelesen habe.“
Nein, passt schon. Schenk sie weiter, oder behalte sie. Egal. Ich brauche sie nicht mehr.“

Ich beschließe, mir die Bücher anzusehen, was interessant klingt, zu lesen und den Rest an die örtliche Bücherei zu verschenken. Beinahe so voll bepackt, wie ich das Haus betreten habe, verlasse ich es wieder.

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