Der kleine Verehrer

Familie Braun wohnt noch nicht sehr lange in der Karlstraße. Ich kenne sie noch nicht so gut, weiß aber, dass sie drei Kinder haben. Eines Tages habe ich das erste Paket für sie und klingle an der Haustür. Das Paket ist groß und schwer. Frau Braun, eine große, kräftige Frau öffnet mir und hinter ihr spitzt ein blonder zierlicher Junge hervor.

„Hallo“, grüße ich freundlich. „Ich hab da ein schweres Paket für Sie, würden Sie mir vielleicht helfen?“, frage ich.
„Na klar, das ist unser Pferdefutter. Wissen Sie, dieses spezielle Müsli gibt es nur online, sorry“, antwortet Frau Braun und kommt die drei Stufen hinunter, der kleine Junge hängt an ihren Beinen. „Hallo, wer bist du denn?“, frage ich und gehe ein wenig in die Knie, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein.
„Das ist Robin“, antwortet die Frau, der Junge blickt mich schüchtern an, dann lächelt er zaghaft. „Robin hat Sprachprobleme. Er war ein Frühchen und lange Zeit unser Sorgenkind“, sagt sie und streichelt ihm über den blonden Schopf.
„Hallo Robin“, sage ich und dann hole ich mit Frau Braun zusammen das große Paket aus dem Auto.
„Das stellen wir hier einfach ab. Mein Mann packt das später in sein Auto und nimmt es mit in den Stall.“
Wir kommen ein bischen ins Gespräch. Ich erzählt ihr, dass wir auch Pferde hatten. Als ich mich verabschiede, winkt Robin mir nach. Am nächsten Tag sehe ich Robin mit seiner Mutter auf der anderen Straßenseite laufen. Als er mich sieht, winkte er freudestrahlend und ich winke zurück.
Jedes Mal wenn ich bei Familie Braun klingeln muss, weil ich ein Paket habe, kommt Robin angesaust, überschlägt sich fast und reißt die Haustür auf. Je länger wir uns kennen, desto mutiger wird er. Er mal Bilder für mich, spricht mit mir( wobei ich oft Schwierigkeiten habe, ihn zu verstehen) und immer strahlt er mich an, als wäre ich das schönste Wesen in seiner Welt. Manchmal ist er so überschwänglich, das er meine Beine umklammert und mich gar nicht mehr loslassen will. Er ist rührend und seine Mutter amüsiert sich darüber. Irgendwann erzählt sie mir, dass Robin ihr voller Überzeugung mitgeteilt hat, dass er die Postbotin heiraten wird, weil sie seine Freundin ist. Zu Weihnachten bekomme ich eine Tüte Plätzchen – handverlesen von Robin natürlich und auch von ihm liebevoll verpackt. Sein neues Zimmer muss ich unbedingt besichtigen, sobald es fertig ist, eher lässt er meine Beine nicht los und an Ostern überreicht er mir stolz ein selbst gebackenes Osterlamm.
Inzwischen ist der kleine Robin ein Teenager und ich habe ihn schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, trotzdem denke ich oft an den kleinen liebevollen Kerl zurück, dessen erste große Liebe wohl ich war …

Das Urlaubsmitbringsel

Familie Hortmann aus der Marienstraße gehört auch zu den Menschen in meinem Bezirk, die ich in mein Herz geschlossen habe …
Frau Hortmann bestellt regelmäßig und so klingle ich mindestes zwei Mal in der Woche auch bei ihnen. Heute erzählt sie mir, dass sie übermorgen in den Urlaub fahren.

„Oh, wie schön, wo geht es denn hin?“, frage ich.
„Nach Indien, wir machen eine Rundreise“, sagt Frau Hortmann, während ich ihr Paket einscanne und ihr dann den Stift reiche, damit sie auf dem Display unterschreibt.
„Ach, da beneide ich Sie richtig. Können Sie mir nicht eine dieser mehrarmigen Göttinnen mitbringen?“, scherze ich und meine das als Anspielung auf meinen Job, bei dem ich oft mehr als zwei Hände brauchen könnte. Sie lacht und sagt augenzwinkernd: „Mal sehen, was sich machen lässt.“
Nach einem kleinen Plausch, verabschiede ich mich mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen einen supertollen Urlaub und kommen Sie heil wieder zurück“, und fahre weiter.

Drei Wochen später klingel ich erneut. Die Hortmanns sind aus dem Urlaub zurück und die Post, welche in dieser Zeit gelagert wurde, liegt in einer großen gelben Postkiste, welche ich aus dem Auto hole.

„Hallo Urlauber“, grüße ich, als Frau Hortmann mir öffnet. „Ich habe ihre Lagerpost hier. Es ist eine ganze Menge und passt nicht in den Briefkasten.“
Ich stellte den Behälter auf der Zaunsäule ab.
Frau Hortmann sieht gut erholt aus und erzählt mir von ihrer fantastischen Reise. „Indien ist wunderschön. Bunt, lebendig und anders. Allerdings gibt es auch viel Armut und das beschäftigt einen schon. Aber warten Sie doch mal einen Moment, ich habe Ihnen etwas mitgebracht“, sagt sie.

Überrascht bleibe ich vor dem Gartentor stehen und warte gespannt. Frau Hortmann kommt mit einen großen bunten Tuch zurück und reicht es mir. „Das mit der mehrarmigen Göttin wäre schwierig geworden, und so haben wir uns gedacht, sie freuen sich darüber auch. Es ist ein echter indischer Seidenschal. Den haben wir extra für Sie gekauft.“
Ich bin sprachlos und schlucke erst einmal den Kloß hinunter, der mir im Hals steckt.

Nachdem ich mich überschwänglich bedankt habe, verstaue ich das Tuch
in
meinem Postauto und fahre los. Dann kullern mir die Tränen über die Wangen. Ich bin so gerührt, dass ich erst mal ein paar Minuten brauche, um den nächsten Kunden anzusteuern. Da fährt eine Familie in den Urlaub nach Indien und denkt an mich, die kleine Postbotin. Wahnsinn! Ich freue mich wie irre und nachdem ich mich ein bisschen gefangen habe, kann ich auch wieder weiterarbeiten. Den indischen Schal habe ich heute noch und immer wenn ich ihn sehe, denke ich an die Familie Hortmann. Das sind so Momente aus meinem Arbeitsleben, die mein Herz berührt haben. Was für eine schöne Geste, die ich nie vergessen werde.

 

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Geschichten aus dem Alltag einer Zustellerin – Episode 3

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s