Donnergrollen – Tyron

Juno setzte Ty vor dem Gebäude der Gärtnerei ab. Die Sicherheitsfirma, die sie aufsuchen wollte, lag im Zentrum der Stadt, während Tyrons Ziel noch in einem Vorort Moskaus lag. Später wollten sie sich wieder treffen.
Der Krieger betrat die Gärtnerei durch ein gewaltiges Gewächshaus, in dem ihm schwülwarme Luft entgegenschlug. Zwischen allerlei exotischen Pflanzen, die auf Tischen standen und in Blumenampeln an Querstangen herunterhingen, stand er eine Weile da und wartete. Außer Vogelgezwitscher, das aus großen Käfigen kam, war nichts zu hören. Eine bunte Vogelschar tummelte sich darin. Ty musste zugeben, dieses Glashaus verströmte eine ganz besondere Atmosphäre. Langsam schlängelte er sich einen schmalen Gang entlang und sah sich aufmerksam um.
Ein leises Knurren stoppte ihn. Vor einer Tür, die scheinbar nach draußen führte, lag auf einer alten Decke ein Hund, der ihn warnend ansah. Ganz langsam erhob er sich und fletschte bedrohlich die Zähne.
»He, Kumpel. Wer wird denn hier gleich so aggressiv sein?« Tyron sprach mit beruhigender Stimme auf das Tier ein und trat näher. Eine Hand ausgestreckt und ohne Hast ging er weiter auf das Tier zu.

»Das würde ich nicht tun!«, rief eine Stimme hinter ihm.
Er drehte sich um und sah eine junge Frau auf sich zukommen. Sie war in einen grünen Overall gekleidet, der ihr viel zu groß war. Er ließ nichts von ihrer Figur darunter erahnen. Ihre Hände starrten vor Dreck, und sogar in ihrem Gesicht hatte sie Erde verschmiert.
Er grinste schelmisch. Was er sah, gefiel ihm. Keine Schicki-Micki-Tussi, sondern eine Frau, der Dreck unter den Fingernägeln nichts auszumachen schien.
»Haben Sie Angst um mich, oder um Ihren Hund?«, fragte er spitzbübisch.
»Wohl eher um Sie«, gab sie trocken zur Antwort. »Shy mag Männer nicht besonders. Und da sie eine enorme Bisskraft hat, ist es wohl besser, Sie kommen ihr nicht zu nahe.«
»Shy? Ein ungewöhnlicher Name für einen Hund. Schüchtern sieht sie mir nicht aus«, sagte Tyron in leichtem Plauderton.
Die junge Frau schnaubte. »Ihr vollständiger Name ist Shyhama Inisha Toranga. Sie ist ein …«
»Tosa Inu«, fiel er ihr ins Wort. »Ein japanischer Kampfhund. Eine der seltensten Rassen der Welt.«

Jetzt wurden ihre Augen groß und sie zog ihre Nase kraus, was ihre Sommersprossen, die sie zuhauf im Gesicht hatte, lustig tanzen ließ. »Woher …?«
»Woher ich das weiß?«, beendete er ihre Frage.
Er amüsierte sich gerade köstlich, denn sie schien ziemlich überrascht zu sein über sein Wissen. Innerlich grinste er. Die hübsche Frau vor ihm hatte anscheinend Mühe, ihre Neugierde unter Kontrolle zu halten.
Schließlich nickte sie und wartete gespannt auf seine Antwort.
Die Hündin hatte sich inzwischen wieder auf ihrem Platz niedergelassen und folgt aufmerksam ihrer Unterhaltung.
Tyron konnte die junge Frau aufklären, doch zuerst wollte er wissen, mit wem er es zu tun hatte.
Freundlich hielt er ihr seine Hand hin. »Ich bin Tyron«, stellte er sich vor.
Zögernd griff sie danach und schien zu überlegen, ob sie ihm ihren Namen nennen sollte.
»Zoe«, kam es dann kurz und knapp.
Sie war so süß! Ihr rotblondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und fransige Ponysträhnen hingen ihr wirr in die Stirn. Hellgrüne strahlende Augen sahen ihn forschend an und tausende von Sommersprossen zierten ihr Gesicht. Aber nicht nur dort, bemerkte er belustigt. Auch an ihren Armen zeigten sich Unmengen der kleinen Punkte.
»Ich warte …!«, erinnerte sie ihn daran, dass er ihr noch eine Antwort schuldig war.
»Ein Freund von mir hatte einen Cane Corso. Einen italienischen Hund. Diese Rasse ist auch relativ selten. Leider kannte ich Caio nicht persönlich. Doch er muss ein Traumhund gewesen sein.« Ty zuckte mit den Schultern. »Ich habe mich einfach ein wenig informiert, weil es mich interessiert hat. Dabei bin ich auch auf die Tosa Inu gestoßen.«
Zoe sah ihn ein wenig skeptisch an. Sollte sie ihm das glauben? Andererseits, warum sollte er sie anlügen?
Sie beschloss vorsichtig zu bleiben, auch wenn ihr der Typ gefiel. Sein Lächeln war ansteckend. Seine Haut hatte die Farbe von Milchkaffee und das Haar war wirklich freakig. Viele bunte Zöpfchen rahmten sein attraktives Gesicht ein.
»Caio? War das der Name des Hundes?«, fragte sie, um die Stille zu unterbrechen.
Tyron nickte. »Wahrscheinlich hatte er auch einen unaussprechlichen Namen, der aus mehreren Wörtern besteht. Storm hatte ihn zumindest Caio getauft. Ist glaube ich italienisch.«
Zoe rieb sich die Hände an ihrem Overall ab und fragte dann: »Warum bist du hier? Kann ich dir irgendwie helfen?«
Da war es wieder. Dieses Misstrauen, das Ty von Anfang an gespürt hatte. Gab es einen Grund, weshalb sie Fremden gegenüber misstrauisch war, oder war sie es generell?
»Oh. Das hätte ich glatt vergessen. Entschuldigung. Ich möchte mit dem Chef sprechen. Es geht um einen Auftrag«, beeilte sich Tyron zu erklären.
»Du stehst vor ihm!«, sagte sie trocken.
Jetzt war er wirklich überrascht. Mit einer Chefin hatte er nicht gerechnet. Natürlich hatte er kein Problem damit, im Gegenteil. Das hieß also, er musste mit ihr verhandeln – irgendwie gefiel ihm die Vorstellung.
»Ein Auftrag?«, fragte sie, nachdem sie sein überraschtes Gesicht spöttisch belächelt hatte.
Ty nickte und erklärte ihr, um was es ging. Es gefiel ihm, dass sie sofort professionell bei der Sache war. Sie vereinbarten einen Termin, an dem Zoe sich das Gelände ansehen wollte, und verabschiedeten sich mit Handschlag.
Als er die Gärtnerei verließ, freute er sich auf ein Wiedersehen.
Juno hatte ihm eine Nachricht geschickt. Sie hatte ihren Auftrag schneller als gedacht erledigen können und würde ihn in wenigen Minuten abholen.
Während er auf sie wartete, sah er sich noch ein wenig um. Der Zaun, der die Anlage umfasste, war mit Efeu bewachsen, aber an einigen Stellen konnte man hindurchsehen. Tyron betrachtete zwei junge Männer, die dabei waren einen großen Teich zu reinigen.
Er überlegte, ob einer der beiden Zoes Partner war.
Aber was ging ihn das eigentlich an?
»Was grinst du so vor dich hin?«, fragte Juno, als er einstieg.
»Ich? Ach, nur so«, antwortete er schnell und bemühte sich, das Gesicht aus seinem Kopf zu bekommen, das ihm ständig darin herumspukte. Viele tanzende Sommersprossen auf einer süßen Stupsnase …

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s