Herzkönigin – Juno

Fasziniert sah Juno der Ärztin zu, wie sie den alten Mann untersuchte. Irgendwie erinnerte die Prozedur an Lili.
Dr. Chandler legte ihre Hände auf den Rücken des Mannes und es schien, als lauschte sie einer unhörbaren Stimme.
Rose Chandler war eine überaus attraktive Frau, weshalb die Vermutung nahelag, dass der Milliardär sie nicht nur im medizinischen Bereich beschäftigte.
Juno traute sich nicht die Ärztin zu fragen, ob es einen Beziehungsstatus gab, der über die Arbeit hinausging. Es konnte ihr ja eigentlich auch völlig egal sein, doch neugierig war sie trotzdem.
Der alte Mann hustete und rang nach Luft. Rose sprach beruhigend auf ihn ein und er schien sich zu entspannen.
Die Kriegerin und die Ärztin waren dabei, die Routine aufrechtzuerhalten. Noch ahnten die Ondraker nicht, dass sie schrittweise entwöhnt werden sollten. Umso wichtiger erschien es, die tägliche Visite beizubehalten. Valentin hatte verlangt, dass Rose nie alleine unterwegs war. Einer von ihnen sollte sie immer begleiten.
In der 1. Ebene war alles in Ordnung. Wie jeden Tag gingen die Männer und Frauen ihrer Arbeit nach. Sie wussten, was zu tun war, und der monotone Arbeits- und Tagesablauf schien die Menschen nicht zu stören. Im Gegenteil. Das kannten sie und es gab ihnen Sicherheit. Juno fragte sich zum hundertsten Mal, wie sie wohl reagieren würden, wenn Peace nicht mehr ihr gesamtes Denken und Handeln bestimmte.
Rose stellte ihren Koffer auf den Tisch und kramte darin herum. Nach einigem Suchen zog sie ein Fläschchen heraus und gab es dem Mann. »Dreimal täglich zehn Tropfen. Das wird ihnen guttun und sie bekommen wieder besser Luft.«
Der Alte nickte zögernd und steckte das Medikament in die Tasche seines Kittels.
Als die beiden Frauen weitergingen flüsterte Rose Juno zu: »Ich bin mir nicht sicher, ob er das tun wird, was ich ihm gesagt habe. Die Leute sind furchtbar stur. Oder ihnen ist einfach alles egal.« Seufzend zuckte sie mit den Schultern.
»Wie kommst du überhaupt hierher?«, platzte Juno heraus, während sie erneut auf das Transportband stiegen.
Rose strich sich ihre langen Haare hinter die Ohren und lächelte. »Endlich jemand, der mich direkt darauf anspricht. Weißt du, mir ist klar, dass ihr tausend Fragen habt, was mich betrifft. Aber keiner traut sich, es geradeheraus zu sagen.«
»Na dann bin ich gespannt auf deine Antwort«, gab Juno lächelnd zurück.
»Meine Mutter ist Russin, mein Vater Amerikaner. Daher auch der amerikanische Nachname. Entschuldige, dass ich so weit aushole …«
»Nein ist schon gut. Deinem Namen nach hätte ich dich auch eher für eine Amerikanerin gehalten.«
Rose sah unglücklich aus, als sie weitersprach. »Mein Dad ist Opfer der russischen Mafia geworden. Er war als Special-Agent hier im Einsatz, als er sich in meine Mutter verliebte. Sie tanzte an der russischen Staatsoper als Ballerina!«
Fasziniert lauschte Juno der Stimme der Ärztin. Der traurige Unterton blieb, als Rose weitersprach. »Mein Traum war schon immer Medizin zu studieren. Solange mein Dad lebte, konnte ich das auch ohne Probleme tun. Doch als er vor drei Jahren starb, hätte ich fast das Studium schmeißen müssen. Dann lernte meine Mutter Prokojev kennen. Du weißt, dass er viel Zeit in Moskau verbrachte oder?«, fragte sie.
Juno wusste es. Immer wieder verschwand er für ein paar Tage, um in seiner Wohnung in Moskau Geschäftspartner zu treffen.
Rose erwartete keine Antwort, sondern fuhr fort. Den Blick starr geradeaus gerichtet, als spräche sie mit sich selbst.
»Alexej bot mir an, wenn ich mein Studium beende, besorgt er mir einen Job an der Universität. Wenn ich meine Facharbeit geschrieben hätte, könnte ich bei ihm arbeiten.«
Sie sah Juno eindringlich an. »Du musst mir glauben, ich wusste damals nichts von Ondraka!«
Die Kriegerin schluckte. Oh ja, sie konnte sich gut vorstellen, dass Alexej die junge Frau geködert hatte, ohne ihr die Wahrheit über Ondraka zu erzählen.
»Ich glaube dir«, sagte sie schlicht. Und das tat sie wirklich. Rose wurde ihr immer sympathischer. Außerdem schien sie einen guten Draht zu den Ondrakern zu haben. Professionell und doch herzlich ging sie mit ihnen um. Sie schien tatsächlich ein guter Mensch zu sein.
Trotzdem konnte sich Juno des Gedankens nicht erwehren, dass es noch einen anderen Grund dafür gab, dass Rose hier in Ondraka arbeitete. Fast hatte sie das Gefühl, als wäre die Ärztin vor etwas geflüchtet.
Die beiden Frauen beendeten ihren Rundgang und außer ein paar kleineren Verletzungen, die Rose behandelte, gab es nicht viel zu tun.
Im Labor sortierte Rose ihren Arztkoffer und füllte ihn neu auf.
»Du und Valentin … seid ihr ein Paar?«, fragte sie fast beiläufig.
Juno fuhr herum. Starrte lange die Frau an und räusperte sich schließlich, bevor sie antwortete. »Nein! Wir sind ein Team. Freunde. Aber keine Gefährten.«
Rose horchte auf. Irgendetwas in Junos Stimme hatte sie alarmiert. War die schöne Kriegerin etwa in Valentin verliebt und er erwiderte ihre Liebe nicht?
Junos ganze Haltung schien ihr plötzlich abwehrend. Gab es etwas, das sie schmerzte?
Rose beschloss, es herauszufinden und riskierte eine weitere Frage. »Gefährten? So nennt ihr eure Partner oder?«
Juno nickte.
»Ja«, antwortete sie knapp.
»Es ist wohl etwas Besonderes für euch Krieger, seinen Gefährten zu finden?«
Die Augen der Kriegerin wirkten kurz verträumt, dann waren sie sofort wieder klar, als sie antwortete: »Das ist es! Wenn einer von uns seinen Seelengefährten gefunden hat, spürt er ihn in seinem Blut. Wir wissen es einfach, dass er der Partner fürs Leben ist.«
Das hörte sich wunderschön an. Rose wünschte sich auch, das Schicksal würde ihr jemanden schenken, bei dem sie ganz sicher war, den Partner für die Ewigkeit gefunden zu haben. Sie seufzte. »Hast du einen Gefährten?«, fragte sie leise.
»Nein!« Junos Stimme klang hart und viel zu schnell kam

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